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Rund 200 Bürger verfolgten den Vortrag von Bürgermeisterin Gabriele Müller. 

Schlagabtausch

Wahlkampf prägt die Bürgerversammlung Haar

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Die Herausforderer von Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) haben auch die Bürgerversammlung Haar als Podium im Wahlkampf genutzt. Der Schlagabtausch:

Haar – Die Gemeinde Haar hat genau ein Unternehmen, das mehr als fünf Millionen Euro Gewerbesteuer zahlt. „Noch“, sagteBürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) bedauernd mit Blick auf das Tortendiagramm über die Steuereinnahmen, das sie bei der Bürgerversammlung an die Wand projiziert hatte. Denn das Pharmaunternehmen MSD Sharp & Dohme verlässt 2021 seinen Standort am Lindenplatz in Haar und zieht mit den rund 500 Mitarbeitern nach Berg am Laim. Und genau da hakte Gabriele MüllersCSU-Herausforderer Andreas Bukowski ein, als nach den Vorträgen der Bürgermeisterin, von Landrat Christoph Göbel und Haars Polizeichef Karl-Heinz Schilling nach gut zwei Stunden der Punkt „Fragen der Bürger“ erreicht war.

Leander Schreckenbach monierte mangelndeInvestitionen ins Radwegenetz.

Warum gehe der größte Steuerzahler weg aus Haar, und dann noch ausgerechnet nach Berg am Laim? Die hätten wohl ein überzeugenderes Quartierskonzept als Haar. Hätte die Gemeinde, sprich die Bürgermeisterin, den Wegzug von MSD nicht verhindern können, fragte Bukowski, der im Wahlkampf stark auf Unternehmensförderung setzt.

Müller erklärte, dass ein US-Konzern – MSD gehört zu Merck & Co – in seinen Standortentscheidungen schwer zu beeinflussen sei. An mangelnden Kontakten und Bemühungen habe es sicher nicht gelegen. MSD plane eine andere Bürokultur und brauche dafür andere Raumkonzepte. Die seien aus Sicht des Unternehmens im neuen Quartier besser umsetzbar. Das heißt schon so dynamisch: „Die Macherei“. Und so geht MSD den gleichen Weg, den schon Microsoft gegangen ist: raus aus dem Landkreis – Microsoft war in Unterschleißheim –, rein in die Stadt. Und wenn’s Berg am Laim ist. Das Gebäude in Haar will MSD verkaufen. Und die Gemeinde muss schauen, dass sie neue Unternehmen an Land zieht.

Günter Göller klagte über kreuz und querparkende Fahrräder am Bahnhof.

Neben Bukowski meldete sich auch Ulrich Leiner zu Wort, Bürgermeisterkandidat der Grünen. Im Kommunalwahlkampf ist auch die Bürgerversammlung eine Plattform für den politischen Wettstreit. „Was wird eher fertig – der Berliner Flughafen oder der Haarer S-Bahnhof“, fragte Leiner. Müller erklärte, dass der mit Geld der Gemeinde aufwändig modernisierte Bahnhof nach Standards der Bahn bereits verkehrssicher sei und man große Fortschritte gemacht habe. Leiner hatte auch vor einem drohenden Skandal gewarnt, wenn nämlich nach Fertigstellung der zweiten Stammstrecke der Takt der S-Bahn in Haar tatsächlich verschlechtert werden sollte. Das wollten alle Parteien verhindern, sagte Müller: „Verschlechtern darf es sich keinesfalls, verbessern muss es sich deutlich.“

Stefan Truckenbrodt beschwerte sich über denvielen Verkehr in Ottendichl.

Um die Runde der Herausforderer komplett zu machen, hätte nur noch FDP-Bürgermeisterkandidat Peter Siemsen gefehlt. Der saß im Saal – ließ bei der Frage aber Christian Franz auf dem Stuhl neben ihm den Vortritt. Franz kandidiert auf Platz zwei der FDP-Liste. Er sprach die Belastungen durch das Kieswerk zwischen den Ortsteilen Gronsdorf und Salmdorf an. Welcher Gesetzesnatur die Genehmigung für den Betrieb sei, wollte er wissen, welche Flächen dem Betreiber gehörten und welche Pläne dieser verfolge und im Gegenzug welche die Gemeinde. Das Kieswerk habe eine Genehmigung seit den 60er Jahren, erläuterte die Bürgermeisterin; wahrscheinlich eine immissionsrechtliche Genehmigung, ergänzte Landrat Göbel (CSU). Das erlaube dem Unternehmen, Flächen auszukiesen, die ihm noch nicht einmal gehören müssten, sondern alles was zu pachten sei. Die Gemeinde könne kontrollieren, mahnen, lästig sein, habe aber keine Möglichkeit, den Betrieb „rauszuschmeißen“, sagte Müller. Was Christian Franz als Abwehrstrategie sichtlich nicht zufriedenstellte.

Christian Franz sprach die Belastungen durch das Kieswerk an.

Dazwischen hatte Jörg Herrlein, der am Wieselweg wohnt, über die Gefahr durch unvorsichtige Radfahrer gewarnt, Leander Schreckenbach über mangelnde Investitionen ins Radwegenetz geklagt und Günter Göller über kreuz und quer parkende Fahrräder am S-Bahnhof.

Stefan Truckenbrodt, der mit seiner Frau vor einem, Jahr nach Ottendichl gezogen ist, beschwerte sich über die Verkehrsbelastung, führt doch mitten durchs Dorf die B 471. Dort fahren nicht nur viele Autos, weit über 10 000 am Tag, sondern auch noch zu schnell, sagt Truckenbrodt. Er fordert Geschwindigkeitsmessungen. Polizeichef Schilling versprach, zusammen mit der Gemeinde, eine Überwachung „im Rahmen des Möglichen“. Denn bis die B 471 vielleicht einmal auf einer neuen Trasse näher an der A 99 als Autobahnparallele läuft und die alte zur Kreisstraße zurückgebaut ist – das kann dauern. Der Landkreis lässt gerade eine Machbarkeitsstudie erstellen. „Ob das jemals kommt, wissen wir noch nicht“, sagte Landrat Christoph Göbel.

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