„Hachinger Tal war ein kultureller Brennpunkt“

Unterhaching - Bevor im Landkreis gebaut wird, wird erstmal gegraben. Aktuell unter anderem in Aschheim, in Grünwald, in Taufkirchen, in Unterhaching. Die Suche gilt Bodendenkmälern, archäologischen Schätzen.

Warum die besonders im Münchner Umland zu finden sind, weiß der promovierte Historiker und Vorsitzende des Fördervereins des Unterhachinger Heimatmuseums, Harald Nottmeyer, der selbst schon bei so mancher Ausgrabung dabei war.

-Sitzen wir im Münchner Umland auf einer archäologischen Schatzkammer?

Ja, das tun wir. Es gibt hier kulturell eine endlos lange Tradition, die sich - vom Zeitspektrum her gesehen - mit der in Ägypten messen kann.

-Wieso gerade im Münchner Umland?

Nehmen wir das Hachinger Tal. Es ist prädestiniert. Der Hachinger Bach ist seit dem Ende der Eiszeit Lebensquell. Frisches Wasser mit Fischen auf einer schmalen Lehmzunge, um die herum alles in der Schotterebene versickert. Vor 12 000 Jahren ist der Bach aus der Schmelze des Wolfratshauser Gletschers entstanden. Das Gebiet war in der prähistorischen Zeit also schon Siedlungsschwerpunkt. Unsere älteste Spur ist ein 5500 Jahre altes Kupferbeil, das auf einem Unterhachinger Acker in den Siebziger Jahren gefunden wurde.

-Es gab also schon in längst vergangenen Zeiten Siedlungsdruck auf das Münchner Umland?

In der späten Bronzezeit, der sogenannten Urnenfelderzeit von 1200 bis 750 vor Christus, muss das heutige Hachinger Gebiet sogar ein kultureller Brennpunkt gewesen sein, mit Einflüssen aus Tirol und Slowenien.

-Wie kam es denn dazu?

Das können wir auch nicht sicher sagen. Aber man darf nicht vergessen, dass auch die Isar damals ein kultureller Scheidepunkt war. Schwer zu überqueren, ein reißender, trennender Fluss. Deshalb gab es links und rechts der Isar unterschiedliche Kulturen, etwa bis zur Römerzeit.

-Woher wissen wir das?

Aus den Rückständen von Tierknöchelchen an ausgegrabenen Urnen zum Beispiel.

-Tierknöchelchen?

Ja, man hat sie vermutlich geworfen, um sein Schicksal daraus zu lesen. Das gab es auch bei den Altgriechen, den Römern, den Wikingern und sogar heute gibt es das noch in der dritten Welt. Ein bisschen Okkultismus braucht der Mensch, wir haben ja auch unsere Börsenvoraussagen.

-Und wie deutet das auf unterschiedliche Kulturen hin?

Auf der linken Isarseite sind mir an Urnen keine Rückstände dieser Knöchelchen bekannt, auf unserer Seite gibt es sie etwa an jeder fünften Urne.

-Gibt es im Landkreis ein ausreichendes Bewusstsein für all die historischen Schätze, die unter der Erde schlummern?

Ein Problem ist auch heute noch, dass Grundstückeigentümer Angst vor hohen Kosten haben und deshalb Funde nicht melden.

-Haben sie diese Angst zu Recht?

Eigentlich muss wirklich der Eigentümer die Grabung bezahlen. Und das kann schon in den fünf- bis sechsstelligen Euro-Bereich gehen. Aber man kann sich mit dem Landesamt für Denkmalpflege arrangieren, das zum Teil die Kosten übernimmt.

-Kennen Sie Fälle, in denen Funde zerstört wurden?

Als beim Erweiterungsbau des Gymnasiums Unterhaching 2004 Siedlungsüberreste entdeckt wurden, hat man auch in den Bereich des bereits bestehenden Gymnasiums hinein gegraben. Da hat man genau gesehen, wie Hausreste plötzlich im ewigen Kies verschwinden, wie mit einer Rasierklinge abgeschnitten.

-Was bedeutet das?

Die haben in den Siebzigern, als sie das Gymnasium gebaut haben, einfach alles mit dem Bagger rausgehoben, ohne auf Grabungsbefunde zu schauen. Es wurde viel zerstört. Wir wissen bis heute nicht, was im Boden drin war.

-Ist das archäologische Gewissen heute ausgeprägter?

Inzwischen wird viel mehr gemeldet als früher. Die Gemeinden informieren sogar meist beim Bau öffentlicher Gebäude vorsorglich das Landesamt für Denkmalpflege. Es gibt natürlich auch Fälle, da läuft das nicht so gut. Beim Bau der ICE-Strecke München-Ingolstadt haben die Motoren der Bagger schon aufgeheult, während die Archäologen noch gekratzt haben. So hat es mir jemand erzählt, der dabei war.

-Und wie steht es um das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung?

Unterschiedlich. Es gibt Leute die interessieren sich für die eigene Geschichte, andere können damit nichts anfangen. Beides kann für den einfachsten Menschen wie auch für den Akademiker gelten. Wir arbeiten daran.

Das Gespräch führte Sebastian Horsch.

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