+
Theresia Schilling in ihrer großen Küche, in der noch ein Wamsler-Herd steht und genutzt wird.

Harthausen: Gasthof Alter Wirt sperrt zu

Frau Schilling dreht den Zapfhahn zu

Über 40 Jahre lang haben sich die Mitglieder der Krieger- und Soldatenkameradschaft in Harthausen beim Alten Wirt getroffen. Heuer mussten sie sich ein anderes Lokal suchen für ihre Jahresversammlung. Die Familie Schilling hat ihre Gaststätte geschlossen. Die ist jetzt nur noch Pension.

 Es habe sich eben, sagt an einem dieser Tage Theresia Schilling, in den vergangenen Jahren „peu à peu alles verändert“. Keiner geht mehr in die Wirtschaft, um Neuigkeiten zu erfahren, die „Jungen haben ein Auto“ – und fahren in die Stadt zum Ausgehen. Nein, sie musste nicht lange mit sich ringen, ehe sie den Zapfhahn endgültig zugedreht hat in der Gaststube gegenüber von Kriegerdenkmal, Kirche und Maibaum. „Ich kann es nicht bedauern“, sagt sie. Aber man merkt ihr an: ganz ungerührt lässt sie das Ganze auch wieder nicht.

 Quasi „schon immer“ sagt die freundliche ältere Frau, die soviel jünger aussieht als sie ist – nämlich 70 – hat es hier in der Ortsmitte von Harthausen ein Lokal gegeben. Erstmals erwähnt wurde die Wirtschaft in einer Urkunde von 1747 – anlässlich einer Hochzeit. Es waren die Großeltern von Theresia Schilling, Johann und Therese Schilling, die das Anwesen dann 1914 erworben und in der Folgezeit fleißig erweitert haben. Johann war Sohn eines Gastwirts, außerdem Metzgermeister, er kam aus Ilmmünster. Sie war gelernte Schneiderin. Die beiden bekamen fünf Kinder, von denen zwei gestorben sind. 

Zwei Jahre, nachdem sie sich niedergelassen hatten im kleinen Dorf im Nordosten von München, kauften sie sich schon einen Bauernhof dazu – und quartierten aus dem Wirtshaus-Gebäude das Vieh aus. „Der Oma wäre es sonst zu eng geworden“, weiß ihre Enkelin. Im aufgelassenen Stall richteten sie ein Schlachthaus ein mit Wurstkuchl und Metzgerei. Und leisteten sich auf der Südseite des Gehöfts, neben dem Eiskeller aus dem Jahr 1909, auch noch eine Kegelbahn. „Gast- und Tafernwirtschaft mit Metzgerei von Johann Schilling“ ließ der Großvater, ein Mann mit nach oben gezwirbeltem Schnauzer, der ernst schaut auf alten Bildern, stolz auf seine Fassade schreiben. Da hatte das Anwesen noch einen Balkon. Und da stand das Kriegerdenkmal, das später wegen der Straße versetzt worden ist, noch schräg gegenüber vom Haupteingang. 

Eigentlich ständig ist hier, im Zentrum von Harthausen, angebaut oder umgebaut worden, sagt Theresia Schilling. Mitte der 1960er-Jahre eröffneten ihre Eltern, die Gottfried und Therese hießen, im ersten Stock einen Saal, in dem bald in jeder Saison drei Faschingsbälle über die Bühne gingen – veranstaltet von der Feuerwehr, den Kriegern, den Schützen. Die wiederum bekamen hier auch ihre Schießstände, die sie nutzten, bis die Gemeinde dann ein Bürgerhaus aufmachte Ende der 1970er-Jahre. Derweil blieb die Gaststube unten nach dem Krieg erst einmal meistens zu. Weil dort nur ein Kanonenofen stand – und der war umständlich einzuheizen. „Es kamen ja nicht so viele Leute. Und die haben sich dann einfach zu den Eltern in die Küche gesetzt“, sagt Theresia Schilling. Sie und ihre fünf Geschwister verzogen sich jeweils lieber in ihre Zimmer. „Mit einem Apfel und unserem Butterbrot. Es war eine andere Zeit.“ Warmes Essen hat es beim Schilling selten gegeben – „sechs, sieben Jahre lang haben wir das mal probiert“. Auch das habe sich jedoch nicht rentiert. Weil aber die Eltern weiterhin schlachteten – „alle 14 Tage ein Schwein“ – konnte jederzeit, wer doch vom Hunger überfallen wurde beim Bier, wenigstens Wiener kriegen, eine Leberkässemmel oder „drei Dicke“.

 In dem verschachtelten Anwesen sich zurechtzufinden, ist gar nicht so leicht. Und immer hat es ja auch sein Gesicht verändert. Mal war der Eingang in einem Vorbau auf der Westseite, dann wurde die Haustür verlegt. Schließlich machten die Schillings den Saal dicht 1977 – und Theresia richtete sich dort oben eine Wohnung ein. Und 1977 gaben sie auch die Viehhaltung auf. „Ich wollte eine Pension haben“ – die dann neu hochgezogen worden ist anstelle des alten Bauernhauses. Im März 1987 hat Theresia Schilling ihre ersten Übernachtungsgäste einquartiert in den 15 Zimmern, „es läuft gut“. Auch wenn die Firmen ihren Leuten inzwischen oft kein Frühstück mehr zahlen. 

Drei Wirtschaften hat es in Harthausen früher gegeben – neben dem Alten Wirt der Schillings noch den „Neuwirt“ bei der Kirche und den „Forstwirt“ am südlichen Ortsrand. Der existiert noch immer – dorthin sind heuer dann die Krieger ausgewichen für ihre Hauptversammlung. Auch Schillings haben in den vergangenen zehn Jahren nur noch zwei Tage die Woche offen gehabt. Am Montag war Stammtisch – in eher kleiner Runde. „Ich sag’ immer“, sagt Frau Schilling, „das Dorfleben hat sich verändert.“ Derweil blieb ihre Gaststube, wie sie von den Eltern eben eingerichtet worden war in den 1970er-Jahren. Mit dem Fliesenboden. Den schmiedeeisernen Vorhangstangen. Den Topfpflanzen auf den Fensterbrettern. Irgendwann brachte ein Stammgast einen 1860er-Wimpel mit, dann pinnten die Schillings, damit sich niemand ärgern muss, auch ein Bayern-Fähnchen an die Wand. Vom Fenster aus kann man rübersehen auf Eiskeller und Kegelbahn – inzwischen zwei Abstellräume. Aber nie hat jemand diese Urkunde abgehängt, die dem Großvater in Schnörkelschrift seinen Eintritt in den „landwirtschaftlichen Verein“ bescheinigt. 1907 war das. Wie es weitergeht?

 Frau Schillings Nichte und deren Mann, Julia und Sebastian Kolb, haben die Pension schon übernommen. Aber auch Theresia, Enkelin der ersten Schillings am Ort, arbeitet weiter mit im Haus. Und schürt jeden Tag den alten Wamsler-Ofen ein in der Küche, auf dem sie zum Teil auch noch kocht.  AK

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach Bruch der Fraktion: Vanvolsem gibt sich souverän
Feldkirchen - Der Austritt von drei Gemeinderäten aus der Partei hat die CSU in Feldkirchen erschüttert. Auf dem Neujahrsempfang schlug der Ortsvorsitzender Herbert …
Nach Bruch der Fraktion: Vanvolsem gibt sich souverän
Kapellensteig-Posse: Stahlbauer wehrt sich
Oberhaching - Eine Brücke, jede Menge Ärger: Der Streit um den Kapellensteig in Oberhaching geht in die x-te Runde. Monatelang galt der Stahlbauer als der Sündenbock für …
Kapellensteig-Posse: Stahlbauer wehrt sich
Unterschleißheimer wollen sich gegen Zuzug wehren
Unterschleißheim - Die Interessensgemeinschaft „Für ein lebenswertes Unterschleißheim“ (IG) will sich gegen den neuen Flächennutzungsplan der Stadt wehren. Ziel ist es, …
Unterschleißheimer wollen sich gegen Zuzug wehren
Pläne für Moschee in Hochbrück platzen
Garching - Die Garchinger Ditib-Gemeinde wird in der ehemaligen Sparkasse in Hochbrück kein islamisches Kulturzentrum samt Gebetssaal errichten.
Pläne für Moschee in Hochbrück platzen

Kommentare