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Heitere Klapsmühlen-Burleske auf Narrenschiff

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- Unterhachinger Gymnasiasten toben in "Der Flut" auf den Bühnenbrettern

Unterhaching - Dieses Stück ist eine Naturkatastrophe. Es überschwemmt den Zuschauer mit Absurditäten, hüllt sich in ominöse Nebelschwaden, zuckt, zittert und grollt und tobt, dass sich die Bühnenbretter biegen. Dann bricht es in der durch Stoffballen und raffinierte Beleuchtung zur Theaterwerkstatt umfunktionierten Hachinga-Halle endgültig zusammen, und die Akteure vom Unterhachinger Gymnasium retten sich auf die Arche Noah, die zugleich als allegorisches Narrenschiff und als filmreifer Superliner Titanic funktioniert.

Schmalz-Lerche Celine Dion singt dazu vom Band. "Die Flut" ist hereingebrochen und sie gibt auch dem "Katastrophen-Concerto", das der Grundkurs Dramatisches Gestalten anstimmt, ihren Namen. Unter der Leitung von Werner Fiebig hat sich ein bizarres Ensemble versammelt, das sich in absurden Schreckensfantasien wälzt und auf die banale Brille der Realität sehr gut verzichten kann. Schauplatz ist die Station einer psychiatrischen Klinik. Kalt, weiß und steril wie ein Schwesternhäubchen, und eine Wand aneinandergefügter Zellen droht in cooler Erbarmungslosigkeit. Die Hölle, die ist hier!

Ein faschistischer Kotzbrocken in Oberschwesterntracht terrorisiert Patienten und Untergebene, verordnet für 22 Uhr Bettruhe, und der Fernseher wird ausgeklickt. Da drängen sich natürlich dem Filmfreak Reminiszenzen an Milos Formans "Einer flog über das Kuckucksnest" auf, und wer dies immer noch nicht durchschaut hat, der kann es im großformatig unkonventionellen Programmheft der Unterhachinger Mimen nachlesen.

Eine depressive, zersplitterte Gesellschaft vermodert, die Kranken sind versehrt von Gleichgültigkeit und Normalität. Schattenwesen auf Zeit. Aber jetzt brechen die Figuren ihr inneres Gefängnis auf, und das dürfte einer der Hauptgedanken dieses Traumendspiels sein. Die Ausgelieferten, die Diskriminierten tragen den Kern der Wahrheit in sich. Sie sehen das Herannahen der alles verschlingenden Flut, sind dem Mythos nahe und deshalb fähig, sich in Taube, General, Wasserhahn oder Noah zu verwandeln oder wie im Mysterienspiel selbst den "Glauben" zu personifizieren.

Die Kids agieren flapsig, ohne feierlichen Pathos, und wehe dem, der den Kalauer über der Katastrophe hinweg verschmäht. Es entsteht so eine heitere Klapsmühlen-Burleske, die zugleich Götterdämmerung ist. Alles rinnt den Bach herunter, nur das Narrenschiff mit seiner surrealen Logik schaukelt über den wütenden Gewässern. Die Spieler formen sich zu einer Art Pyramide: Leinen los und ab ins Unendliche. Urplötzlich wieder schneidende Kliniktristesse. Aus Kabinen werden Gefängnisse, und die Folter-Schwestern kreischen "Therapie." Fluchträume, die in Depressionen verenden und eine Flut, die den Gefangenen nur den Hauch von Freiheit vorgaukelte? Die Zuschauer haben was zu grübeln.Manfred Stanka

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