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Ruhig, idyllisch und ein Kind seiner Zeit ist die Deutschbausiedlung in Oberschleißheim. In den 1960er-Jahren gebaut, entsprechen die Häuser samt Garagen heute aber nicht mehr den Anforderungen ihrer Bewohner. Viele Eigentümer haben daher um- und angebaut – allerdings dafür die notwendigen Genehmigungen einzuholen. 

Deutschbausiedlung in Oberschleissheim 

Hier gedeiht der Schwarzbau

Großer Ärger in der kleinen Deutschbausiedlung. Ein Anwohner will sein Heim energetisch sanieren. Den Antrag ans Rathaus hat er mit Hinweisen auf Bausünden seiner Nachbarn unterfüttert. Die Siedlung scheint von Schwarzbauten durchzogen.

Von Andreas Sachse

OberschleißheimObwohl nicht mit dem Bebauungsplan vereinbar ist, was der Anwohner der Deutschbausiedlung plant, gaben die Gemeinderäte im Oberschleißheimer Bauausschuss seinem Antrag statt. Bürgermeister Christian Kuchlbauer (FW) hätte sich nicht wohl bei dem Gedanken gefühlt, ausgerechnet den einen Bewohner der Siedlung zu bestrafen, der den regulären Weg beschreitet. „Jetzt ist da ein Einzelner, der einen Antrag stellt, und der soll abgestraft werden?“

Kaum ein Wohnquartier in Oberschleißheim wirkt so idyllisch wie die in den 1960er-Jahren errichtete Deutschbausiedlung. Über die Bahnhofstraße zu erreichen, ist das auch als „Fliegersiedlung“ bekannte Quartier störendem Straßenverkehr praktisch entzogen. Hinter der Bahn und dem Schloss verborgen, sind Lilienthal-, Zeppelin- und Ernst Udet-Straße über die Jahre zu einem natürlichen und ziemlich grünen Verbund gewachsen. Den Eindruck verstärken die relativ einheitliche Gestaltung und Architektur von Grundstücken und Häusern. Die von einem Immobilienunternehmen als Flachdachvillen bezeichneten Bauten folgen dem Bauhausstil.

Seit einigen Jahren beobachtet man im Rathaus, dass „Bauhaus“ die Leute nicht sonderlich schert. Große Flächen in Gärten seien abgegraben, Hügel andernorts aufgeschüttet worden, sagte Kuchlbauer. Bäume wurden gefällt, die charakteristischen Flachdächer durch Schrägen ersetzt. Ein Bewohner habe einen Teich auf seinem Grundstück angelegt.

Die Verstöße in der Siedlung stören den Bürgermeister. Auf der anderen Seite ist ihm und den Gemeinderäten bewusst, dass der 1998 zuletzt überarbeitete Bauleitplan seitdem nicht verändert worden ist. „In die Garagen passt gerade noch ein VW-Käfer“, stellte Stefan Vohburger (FW) fest. Die Flachdächer begannen im Laufe der Jahre zu lecken. Die Bewohner wurden aktiv, vergaßen dabei allerdings, womöglich berechtigte Forderungen auf dem Antragswege abzusichern. In Eigenregie setzten sie stattdessen mit Ziegeln bestückte Schrägen auf ihre Dächer, gestalteten Gärten um, vergrößerten Grundstückseinfahrten, schaufelten Kellerfenster frei.

Mit seiner Entscheidung, dem Bauausschuss zu empfehlen, dem Antrag des Anwohners zuzustimmen, stand Kuchlbauer vor der Wahl zwischen dem moralisch Richtigen und dem, was bauplanerisch korrekt wäre. Die Gemeinderäte zogen mit, wollten ebenfalls nicht bestrafen, wer Veränderungen ordentlich beantragt. Lediglich Peter Lemmen (SPD) stellte sich gegen den Beschluss. Durch die Genehmigung würden Schwarzbauten im Quartier nachträglich legitimiert, argumentierte er. In den zurückliegenden Jahren habe die Siedlung genügend Korrekturen erfahren. Vor dem Hintergrund regte Vohburger an, den Bebauungsplan maßvoll anzupassen. Autos sind größer geworden. Familien fordern mehr Gestaltungsfreiraum. Immer mehr Bewohner planen offenbar, ein weiteres Haus auf die verhältnismäßig großen Grundstücke zu setzen. Das Rathaus berichtet von mehreren Bauanträgen. Bis dahin will Vohburger Schwarzbauten auf mögliche Einnahmen für die Gemeinde prüfen lassen. Ist Wohnraum geschaffen worden, ohne das Rathaus in Kenntnis zu setzen? „Da ist schon einiges passiert, was sehr fraglich ist.“

Dem Landratsamt als Aufsichtsbehörde sind die baulichen Korrekturen der vergangenen Jahre nicht aufgefallen. Das Amt teilte mit, den Beschluss der Gemeinde zur Kenntnis zu nehmen. Man behalte die Siedlung im Auge.

Die wohlwollende Entscheidung der Gemeinde verdanken die Bewohner letztendlich dem aufrichtigen Nachbarn. Gemeinderäte wie Edgar Putz (FW) fürchten zwar um den Frieden im Quartier. Der Anwohner könnte als Verräter gelten. Durch seine Fotos aber sind dem Rathaus erst Belege an die Hand gegeben worden, die Lage zu verändern, den Bebauungsplan anzupassen.

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