High-Tech aus Taufkirchen schützt vor Lawinentod

- Ortovox ist Weltmarktführer für LVS-Geräte

VON MARTIN BECKER Taufkirchen - Der Winter naht, und mit ihm für Alpinsportler die Gefahr, von Lawinen in den Tod gerissen zu werden. An der Zugspitze starb auf diese Weise kürzlich ein Snowboarder, und in den französischen Alpen sind am vergangenen Wochenende fünf Skitourengeher bei einem Schneebrett-Abgang ums Leben gekommen. Wenn auf einer winterlichen Bergtour der Ernstfall eintritt und ein Alpinist von einer Lawine verschüttet wird, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. 92 Prozent der Verschütteten überleben die erste Viertelstunde, in den 20 nächsten Minuten indes sinken die Überlebenschancen auf 30 Prozent. Bis ein Hubschrauber die Bergwacht eingeflogen hat, verstreicht in der Regel zu viel Zeit. Die effektivste Rettung geht daher von den unversehrt gebliebenen Bergkameraden aus. Mittels so genannter Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte, kurz LVS-Geräte, können sie das Lawinenopfer rasch orten und ausgraben, um bis zum Eintreffen des Hubschraubers lebensrettende Maßnahmen einzuleiten. Der Weltmarktführer dieser LVS-Geräte sitzt in Taufkirchen: die Firma Ortovox. Ihr Marktanteil an diesen High-Tech-Apparaten liegt global bei etwa 60 Prozent.

Kleiner blauer Kasten wurde zur Legende

Die Vorgeschichte des Unternehmens, dessen 22 Mitarbeiter heute einen Jahresumsatz von neun Millionen Euro erzielen, begann 1976. Damals gründete Gerald Kampel ein "Ingenieurbüro für messtechnische Ausrüstung und Industrieautomation". Vier Jahre später revolutionierte er zusammen mit Jürgen Wegner den Markt für LVS-Geräte, die damals noch nicht - wie heute üblich - auf der international einheitlichen Frequenz von 457 kHz ihre Signale sendeten. Dieses Problem lösten Kampel und Wegner, indem sie das weltweit erste Doppelfrequenzgerät für die Suche nach Lawinenverschütteten konstruierten. Sein Name: "Ortovox F 2" - ein kleiner blauer Kasten, der zur Legende werden sollte. Und er diente zugleich als Namensgeber für das 1980 gegründete Unternehmen, als dessen Inhaber Gerald Kampel heute noch im Hintergrund die Fäden zieht.

Kampels leitender Kompagnon, der Geschäftsführer Frank Wiegand, beschreibt die Philosophie von Ortovox so: "Als zentrale Aufgabe betrachten wir die Lebensrettung von Lawinenverschütteten. Dabei wollen wir einerseits vorbeugend durch Aufklärung Lawinenunfälle vermeiden und andererseits durch beste Ausrüstung Menschen eine schnelle und effektive Suche ermöglichen." Ausrüstung - dazu zählen in erster Linie die LVS-Geräte wie das "m 2", das digitale und analoge Technik vereint, und das erst kürzlich auf den Markt gekommene voll-digitale "x 1". Insbesondere das "m 2" schnitt bei Tests der internationalen Fachpresse immer wieder als Sieger ab und erfreut sich unter anderem bei der Bayerischen Bergwacht größter Beliebtheit.

Neben diesen kleinen, knapp 300 Euro teuren Lebensrettern produzieren die Experten von Ortovox zwei weitere wesentliche Bestandteile der Lawinenbergung, nämlich Sonden zur genauen Lokalisierung des Verschütteten sowie spezielle Schaufeln Prävention durch gezielte Ausbildung zum Ausgraben. Rucksäcke und Kleidung zählen eher zum Randsortiment von Ortovox, doch in einem anderen Sektor engagiert sich das Taufkirchner Unternehmen ebenfalls massiv: in der Prävention durch Ausbildung. Die Ortovox-Tochter "Outventure" veranstaltet Lawinenseminare, Workshops und Schnupper-Skitouren, um einen verantwortungsvollen Umgang mit den Naturelementen zu vermitteln. Denn so präzise die LVS-Geräte auch sein mögen, eine Garantie, unter den Schneemassen dem Erstickungstod zu entgehen, bieten sie allein nicht; ihre richtige Handhabung muss immer wieder trainiert werden, um bei einer Lawinenbergung eben die entscheidenden Minuten schneller zu sein.

Welches Renommee Ortovox in der Branche genießt, zeigt ein Blick auf die professionellen Nutzer der Produkte. Dazu zählen neben Extrembergsteigern wie Malte Roeper oder Sigi Hupfauer diverse Organisationen, von der Bayerischen Bergwacht, dem Deutschen Skilehrerverband und der Bundeswehr bis hin zur "American Mountain Guides Association" oder der "Canadian Ski Patrol". Und was bringt die Zukunft? Geschäftsführer Wiegand: "Wir brennen darauf, viele gute Ideen in Produkte umzusetzen und im Sinne der Ortovox-Philosophie Hervorragendes zu leisten." Ein Prinzip, das sich bezahlt macht - trotz allgemeiner Konjunkturflaute erwarten die Taufkirchner Tüftler ein zweistelliges Umsatzwachstum.

Mehr über die LVS-Geräte unter www.ortovox.com

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