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Dort sitzt der Schädling drin: Stefan Welzmüller, Forstrevierleiter in Höhenkirchen der Bayerischen Staatsforsten, steht mit einem vom Käfer befallenen Stück Rinde neben abgeholzten Fichtenstämmen.

Borkenkäfer-Befall in den Wäldern nimmt zu

Kampf gegen den Fichten-Killer

Es sind kleine Käfer. Doch sie haben große Macht. Wenn es ihnen so richtig gut geht und keiner was gegen sie macht, können Fichtenwälder zugrunde gehen. In Bayern haben die Borkenkäfer heuer beste Bedingungen. Schon wieder – wie sich bei einem Rundgang durch den Höhenkirchner Forst zeigt.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Mit einem dumpfen Krachen schlägt die Fichte auf dem Waldboden auf. Ein Greifarm umfasst den Stamm, der Baum saust von kleinen Walzen getrieben durch den Aufsatz am Greifer. Alle paar Meter schneidet eine unsichtbare Säge den Stamm auseinander, fein säuberlich, in 5,10 Meter lange Stücke. Sechs Mal ertönt das Geräusch der Motorsäge, dann rollt der Harvester zum nächsten Baum. Pro Tag kann eine solche Forstmaschine 70 Bäume fällen. Dieses Pensum ist auch nötig, denn die Waldarbeiter im Revier Höhenkirchen haben nicht viel Zeit: Im Kampf gegen den Borkenkäfer ist Eile geboten.

Einziges Mittel: Bäume fällen

Auf der Gefährdungskarte der bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) ist mehr als die Hälfte Bayerns tiefrot gefärbt: Gefährdungsstufe; häufig mit akutem Befall. Stark betroffen sind dem Forstministerium zufolge vor allem die Wälder in Niederbayern, dem nördlichen und mittleren Oberbayern und in der südlichen Oberpfalz. Besonders der Buchdrucker macht Probleme. Diese Borkenkäfer-Art ist auf Fichten spezialisiert – und das sind die mit Abstand häufigsten Bäume in Bayern. Wenn die Käfer einen Baum befallen, bekommt dieser keine Nährstoffe mehr und stirbt. Die Schädlinge verbreiten sich jedoch rasch weiter. Und das einzige Mittel laut Ministerium ist, befallene Bäume so schnell wie möglich aus dem Wald zu holen.

Ein Stück Rinde, auf dem ein ausgewachsener Borkenkäfer sitzt. Daneben kann man das Fraßbild der Buchdrucker-Käferlarven sehen.

Deshalb sind allein in den Wäldern des Forstbetriebs München rund 60 Menschen unterwegs. Deren einzige Aufgabe ist es, nach Anzeichen für Borkenkäfer zu suchen. Die zu erkennen, ist gar nicht so einfach, sagt Stefan Welzmüller, Leiter des Reviers Höhenkirchen bei München. „Man denkt, der Baum hat eine grüne Krone, ist doch super, aber wenn man ihn dann genauer anschaut, ist er eigentlich dem Tode geweiht.“

Finden die Sucher einen befallenen Baum, markieren sie seinen Standort in einer App. Innerhalb von einer, maximal zwei Wochen müssen die markierten Bäume gefällt und aus dem Wald geholt werden. Wenn die Käfer das Holz schon stark beschädigt haben, kommt es in ein Trockenlager. Wenn die Qualität besser ist, in ein Nasslager.

Im Nasslager des Forstbetriebs München lagern nach Welzmüllers Schätzung schon rund 35 000 Kubikmeter Holz. Auf einer riesigen Wiese sind Baumstämme in drei langen Reihen aufeinandergeschichtet. Die Stapel türmen sich höher als die Lkw, die wieder und wieder Nachschub bringen. Obwohl es seit Tagen nicht geregnet hat, sind die Stämme klatschnass und der Boden mit Pfützen bedeckt. Immer wieder gießen Sprinkler die gefällten Bäume. So könne man die Qualität des Holzes über Jahre hinweg erhalten, erklärt Welzmüller. Wenn die Stämme wassergesättigt sind, können sich keine Pilze entwickeln und das Holz fault nicht. Gleichzeitig werden Larven und Käfer unter der Rinde einfach ertränkt - der entscheidende Vorteil des Nasslagers. Denn der gesamte Forstbetrieb München schlägt derzeit nur noch Käferholz, wie Wilhelm Seerieder, Leiter des Forstbetriebs München mitteilt.

Käferpopulation steigt rasant an

2018 ist bereits das vierte Jahr in Folge, in dem es zu „Massenvermehrungen“ kommt, sagt Seerieder. In den vergangenen drei Jahren gab es immer drei Käfergenerationen. Bleibt es weiterhin warm und trocken, könnte es heuer sogar eine vierte geben. Bei drei Generationen kommen dem Forstministerium zufolge auf ein einziges Käferweibchen bis zu 100 000 Nachkommen. Aus einem einzigen frisch befallenen Baum im Frühjahr könne so leicht bis zum Spätsommer ein Käfernest mit rund 100 zu fällenden Bäumen entstehen. Generell nehme die Käferpopulation in Bayern immer stärker zu.

Käfer haben viel Zeit, sich zu vermehren

Der Klimawandel verschlimmert die Situation. Im Frühling wird es früher warm, die Sommer dauern länger. Dadurch hat der Käfer viel Zeit, sich zu vermehren. Auch entwickelt er sich schneller, je wärmer es ist, sagt Welzmüller. Außerdem kommen die Fichten wegen der hohen Temperaturen und fehlendem Regen eher in „Trockenstress“, und sind somit anfälliger für die Käfer. Dieses Jahr komme noch dazu, dass die Bäume besonders stark geblüht hätten und deshalb geschwächt seien.

Fichtenstämme, und Baumstümpfe sind in einem sogenannten „Käferloch“ zu sehen. Durch Borkenkäfer-Befall mussten so viele Bäume gefällt werden, dass eine Lichtung im ehemals dichten Fichtenwald entstanden ist.

Trotzdem sei die Situation 2018 noch nicht so schlimm wie anfangs befürchtet: 2017 sei es bislang am schlimmsten gewesen, dieses Jahr aber gebe es rund 30 Prozent weniger Befall.

Dass damit das Käferproblem nicht erledigt ist, wird im Revier Höhenkirchen deutlich. Dort verunzieren „Käferlöcher“ den Wald. Wo einst hunderte Fichten standen, liegen nun nur noch Stämme auf dem Boden. Vereinzelt wachsen ein paar Buchen zwischen dem geschlagenen Holz – viele von ihnen sind jedoch nicht einmal hüfthoch. Bis hier wieder dichter Wald wächst, dauert es noch Jahrzehnte.

Hannah Friedrich

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