„Digitaler Quantensprung in die neue Zeit“: Schulleiter Torsten Bergmühl mit 25 Tablets für Lehrkräfte. 
+
„Digitaler Quantensprung in die neue Zeit“: Schulleiter Torsten Bergmühl mit 25 Tablets für Lehrkräfte. 

Trotz stagnierender Corona-Zahlen

Schulen in Bayern geöffnet - Schulleiter mit düsterer Prognose: „In zwei Wochen sperren wir wieder zu“

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
    schließen

In Bayern kehren Grundschulen und Abschlussklassen zum Unterricht zurück - trotz stagnierender Corona-Zahlen. Schulleiter Torsten Bergmühl bringt das Problem auf den Punkt.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Der Bub aus der 1b mag Homeschooling lieber als Unterricht in der Schule. Warum? „Weil man zuhause nicht sitzen bleiben muss“, sagt er frech. So viel Disziplin schon am ersten Schultag, Mitschüler und Lehrerin kichern. Wie hier an der Erich Kästner Grund- und Mittelschule in Höhenkirchen-Siegertsbrunn haben heute alle Grundschulen sowie Abschlussklassen im Landkreis wieder den Präsenzunterricht aufgenommen - obwohl weiterhin strenger Lockdown herrscht.

Corona in Bayern: Kein Homeschooling mehr - Schulen kehren zum Unterricht zurück

Lehrer, Schulleitung und viele Eltern an der Erich Kästner Schule: Ihnen wäre ein späterer Unterrichtsstart lieber gewesen. Sie haben Angst, dass sich in der Schule die neuartigen Mutanten des Coronavirus ausbreiten. Warum auch aufsperren? Der Digitalunterricht funktioniert super, sagen Lehrkräfte und Eltern.

In die Erich Kästner Schule gehen rund 500 Schüler, es ist eine der größten Schulen im Landkreis München. 16 der 25 Schulklassen hatten dort heute ihren ersten Unterricht in der Schule – nach gut zwei Monaten Zwangspause. Homeschooling gibt es für die Grundschüler seit heute nicht mehr. Die eine Hälfte der Klasse wird von 8 bis 10.15 Uhr unterrichtet, die andere von 10.45 bis 13 Uhr. Die aufgeteilten Klassen wechseln wöchentlich, damit jeder Schüler mal morgens in den Unterricht kommen muss.

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Landkreis-München-Newsletter.

Schulöffnungen trotz Corona in Bayern: Schulleiter mit düsterer Prognose

Konrektorin Tanja Sommerfeld musste seit Schulstart im September den Stundenplan fünfmal umwerfen. An dem aktuellen Unterrichtsplan arbeitete sie das komplette Wochenende. Informationen aus dem Kultusministerium kamen erst Dienstagabend. Sie zeigt den Plan auf ihrem Computer-Bildschirm: unzählige Klassen, in mehreren Farben untermalt – ein Laie steigt hier nicht durch. Tanja Sommerfeld offensichtlich schon. Der erste Schultag verlief laut Schulleiter Torsten Bergmühl nämlich ohne Probleme. Nur, wie lange noch? Seine Prognose: „In zwei Wochen sperren wir wieder zu.“

Der Stundenplan an der Erich Kästner Grund- und Mittelschule. Konrektorin Tanja Sommerfeld hat ihn bereits zum fünften Mal in digitaler Form geändert.

Schulstart trotz Corona: Bayerischer Schuleiter sieht Entscheidung kritisch

Bergmühl hätte mit dem Schulstart noch ein paar Wochen gewartet, bis es ein fertiges Hygienekonzept gibt, bis eine Teststrategie vorliegt. „Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen“, sagt er. Lehrer müssen zudem ihre soziale Kontrollfunktion wahrnehmen. Aber: Die neuen Coronavirus-Mutanten würden sich an Schulen schnell ausbreiten, der Rektor sorgt sich um das Kollegium und die Schüler. „Mir ist nicht wohl.“

Der Unterrichtstart an der Erich Kästner Schule hätte zudem abgewartet werden können, weil der Digitalunterricht „mega gut gelaufen“ sei, sagt Elternbeiratsvorsitzende Kathrin Schiller-Winklmann. Das Kultusministerium soll es Schulen freistellen, Homeschooling beizubehalten oder Präsenzunterricht einzuführen, fordert sie.

Corona: Auch positive Auswirkung auf Schulen - „technischer Quantensprung“

Erfolgreiches Homeschooling hängt von Schülern und Eltern ab, von Lehrkräften und der Ausrüstung. „Allein in diesem Schuljahr gab es 40 interne Fortbildungen für Digitalunterricht“, sagt Bergmühl. Der Digitalpakt, eine Digitalisierungsinitiative an Schulen, sei an der Erich Kästner Schule fast abgeschlossen. Die Einrichtung schaffte 160 Schülerleihgeräte heran, dazu 25 brandneue Tablets für Lehrkräfte. Bergmühl nennt die Modernisierungswelle einen „digitalen und technischen Quantensprung in die neue Zeit“.

Grundschüler auf dem Nachhauseweg: Gibt es hier eine Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren?

Corona in Bayern: Trotz fast einem Jahr Pandemie - Schule ohne funktionierendes Internet

Ohne eine starke Gemeinde ist der Schritt nach vorne schwierig, die Kommune ist schließlich Sachaufwandsträger. „In unserer Gemeinde funktioniert das Zusammenspiel von Schule und Kommune sehr gut“, sagt die Bürgermeisterin von Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Mindy Konwitschny (SPD). Das sei nicht an jeder Schule der Fall, sagt Schulleiter Bergmühl. Er ist auch Bereichsvorsitzender des Bayerischen Schulleitungsverband. Dieser hatte bereits in den vergangenen Tagen einen wütenden Brandbrief an Bayerns Kultusminister Michael Piazolo von den Freien Wählern geschrieben.

An einer Grundschule in Unterschleißheim beklagen Eltern einen Brief der Schulleitung: Das Kultusministerium würde begrüßen, wenn es eine Live-Übertragung aus dem Klassenzimmer gebe, heißt es darin. Nur, in den Klassenzimmern gibt es keine Internetverbindung. „Die Stadt arbeitet derzeit an einer Lösung.“

Alles rund um das Thema Corona in Bayern lesen Sie auch immer aktuell in unserem News-Ticker.

Auch interessant

Kommentare