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Trafen sich zum Gespräch im Amtszimmer von Rathauschefin Ursula Mayer: (v.l.) Luitgart Dittmann-Chylla und Mindy Konwitschny mit Merkur-Redakteur Stefan Weinzierl.

Interview

„Eine Quote hilft nicht nur Frauen“: Drei Bürgermeisterinnen über Gleichberechtigung

  • Stefan Weinzierl
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In Höhenkirchen-Siegertbrunn sind Frauen an der Macht. Drei Bürgermeisterinnen leiten die Geschicke der Kommune. Im Interview sprechen sie über Gleichberechtigung in der Politik.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Frauen in Führungspositionen – in der Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist das eine Selbstverständlichkeit. Sämtliche Ämter im Rathaus leiten derzeit Frauen. Zudem ist die Kommune eine der wenigen in Bayern, die drei Bürgermeisterinnen vorzuweisen hat. Da bietet es sich regelrecht an, mit Rathauschefin Ursula Mayer (63, CSU) und ihren beiden Stellvertreterinnen Mindy Konwitschny (46, SPD) und Luitgart Dittmann-Chylla (60, Grüne) anlässlich des Internationalen Frauentags ein Gespräch über Gleichberechtigung zu führen.

Lauter Bürgermeisterinnen und Amtsleiterinnen im Rathaus, dazu der Gemeinderat fast paritätisch mit Männern und Frauen besetzt: Kann Höhenkirchen-Siegertsbrunn als Vorzeige-Gemeinde für Frauenrechtlerinnen dienen?

Konwitschny: Zum Teil auf jeden Fall. Was den Gemeinderat angeht, ist der Frauenanteil je nach Fraktion aber doch sehr unterschiedlich. Bei der AFW und bei den UB gibt es beispielsweise nur Männer. Die Grünen und wir haben eine Quote, die für Gleichberechtigung sorgt.
Dittmann-Chylla: Bei uns führen außerdem die Frauen immer die Wahllisten an. Dann wechseln sich Frauen und Männer auf der Wahlliste ab.
Mayer: Ich finde, dass Höhenkirchen-Siegertsbrunn auf jeden Fall eine Vorzeigegemeinde ist, aber nicht nur für Frauenrechtlerinnen...da hat es keiner militanten Suffragetten gebraucht.

Warum ist der Frauenanteil im Rathaus so extrem hoch? Ist das purer Zufall?

Mayer: Nein, ich habe schon auch Frauen gefördert. Zum Beispiel Verwaltungsmitarbeiterinnen, die sich weiter entwickeln wollten.
Dittmann-Chylla: Ich gehe auch davon aus, dass sich jemand, der sich bei uns im Rathaus für eine Stelle bewirbt, vorher über den möglichen neuen Arbeitsplatz mit einem hohen Frauenanteil informiert.

„Frauenberufe müssen aufgewertet werden“ , fordert Zweite Bürgermeisterin Mindy Konwitschny.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Arbeitet es sich mit Frauen besser zusammen als mit Männern?

Mayer: Als Försterin bin ich in einer reinen Männerdomäne aufgewachsen. Für mich ist aber das Geschlecht nachrangig, solange die Zusammenarbeit zielgerichtet ist und effizient.
Dittmann-Chylla: Ich arbeite sowohl mit Männern als auch mit Frauen gerne zusammen.
Konwitschny: Es hat beides seine Vor- und Nachteile. Konflikte, denke ich, werden anders ausgetragen. Männer und Frauen haben einfach eine andere Art und Weise, mit Konflikten umzugehen. Ich würde aber nicht sagen, dass die eine Art und Weise besser ist als die andere. Männer gehen schneller auf Konfrontation, dann kommt es zum großen Knall. Bei Frauen ist das oft ein langsamer und schleichender Prozess, der sich vielleicht auch ein bisschen länger hinzieht. Wichtig ist, dass man damit umzugehen weiß.
Dittmann-Chylla: Bei Frauen werden Probleme oder Konflikte tatsächlich meist länger ausdiskutiert. Wahrscheinlich wäre die goldene Mitte ideal.
Konwitschny: Wobei die Männer trotzdem oft auch nicht zu einem schnelleren Ergebnis oder einer schnelleren Lösung kommen. Denn bei einer schnellen Konfrontation wird vieles oft nicht ausgesprochen. Dann muss das Thema noch einmal behandelt werden. Ich meine aber: Wenn Lösungen gut ausdiskutiert worden sind, dann tragen sie sich meistens besser.

Die Zusammenarbeit zwischen Ihnen drei wird auch nicht immer einfach sein – bedingt allein schon, weil sie unterschiedlichen Parteien angehören.

Mayer: Wir unterscheiden uns ja nicht nur parteimäßig, sondern auch grundsätzlich in der Persönlichkeit.
Konwitschny: Trotzdem finde ich, dass wir eigentlich sehr gut zusammenarbeiten. Wir alle drei können gut zwischen Parteiarbeit und der Arbeit als Bürgermeisterin unterscheiden. Wenn wir vertreten, haben wir nicht den Parteihut auf und sprechen uns gut ab. Da muss keiner Angst haben, dass ihm der andere in den Rücken fällt.
Dittmann-Chylla: Ich vertrete meist die Zweite Bürgermeisterin. Und zwischen uns hat die Zusammenarbeit schon immer gut funktioniert.

Fände eine Frauenquote in der CSU gut, aber nicht im Parlament oder in Firmen: Bürgermeisterin Ursula Mayer.

Verlassen wir einmal die Frauenhochburg Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Wie ist es denn Ihrer Ansicht nach um die Gleichstellung von Frauen und Männern in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in Deutschland im Jahr 2019 gestellt?

Mayer: Es gibt die Gleichstellung von Mann und Frau, bloß wird sie von den Frauen nicht so wahrgenommen, angenommen und umgesetzt.
Dittmann-Chylla: Es gibt auf jeden Fall noch zu wenig Frauen in Führungspositionen. Auch in der Politik besteht da noch Nachholbedarf. Sehen Sie sich bloß den Bundestag an. Die Frage ist nun: Woran liegt das? Das liegt sicher nach wir vor am Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es müssen weiterhin mehr Kinderbetreuungsplätze, allen voran Krippenplätze, geschaffen werden. Das ist das Wichtigeste. Dann haben die Frauen die Wahl, ob sie arbeiten oder nicht. Diese Wahlmöglichkeit muss gewährleistet sein.
Konwitschny: In der Wirtschaft sind die Führungsebenen von den Frauen noch nicht erkämpft. In den mittleren Führungsebenen sieht es schon besser aus. Da sind viele Stellen mittlerweile mit Frauen besetzt. Das ist sicher auch den kleinen politischen Erfolgen der vergangenen Jahre zu verdanken – Stichwort Elternzeit, die auch Männer nehmen können.

Da muss aber auch der Partner mitspielen.

Konwitschny: Ja. Das sieht man bei Frauen in Führungspositionen. Entweder haben sie die Unterstützung vom Partner und man teilt sich die Erziehungs- und Familienzeit. Oder die Frauen haben eben keine Kinder beziehungsweise bekommen diese erst spät, wenn sie sich eine bestimmte Position erarbeitet haben. Sonst ist die Gefahr groß, dass sie bei einer Auszeit schnell abgehängt werden.

Wie sieht es in der Politik aus?

Konwitschny: Der Erfolg der Frauen im Beruf könnte zum Nachteil des Frauenanteils in der Politik führen. Denn es sind viele Frauen in die Politik gegangen, die sich statt im Beruf eben durch ihr politisches Engagement verwirklicht haben. Dadurch dass viele Frauen nun die Möglichkeit haben, auch in der Wirtschaft Fuß zu fassen und dort gutes Geld verdienen können, ist ein politisches Engagement vielleicht nicht mehr so attraktiv. Zum einen, weil man dort in der Regel nicht so gut verdient, zum anderen, weil Posten und Ämter sehr unsicher sind. Schließlich ist man vom Wähler abhängig.
Dittmann-Chylla: Sehen Sie, Altersarmut ist in aller Munde. Und wer in der Politik nicht ein bestimmtes Amt für einen gewissen Zeitraum besetzt, der hat keinen Rentenanspruch. In der unteren Ebene ist die politische Tätigkeit eine ehrenamtliche Arbeit.

Ausreichend Kinderbetreuungsplätze sind für Dritte Bürgermeisterin Luitgart Dittmann-Chylla die Basis.

Können Sie selbst eine Situation schildern, in der Sie sich als Frau diskriminiert fühlten?

Mayer: Bei meiner ersten Kandidatur 1996 wurde mir vom politischen Mitbewerber nahegelegt, mich doch erst um meine Kinder zu kümmern.
Konwitschny: Beruflich eigentlich nicht. Im gesellschaftlichen Leben schon. Ein Beispiel ist das Oktoberfest. Da muss man immer noch erleben, dass wildfremde Männer zum Beispiel einfach den Arm um einen legen oder einen berühren. Da nehmen sich die Männer zu viel heraus, da fehlt es am nötigen Respekt gegenüber Frauen.
Dittmann-Chylla: Ich habe im Berufsleben noch nie einen Nachteil erlebt, obwohl ich als Architektin auf Baustellen hauptsächlich mit Männern zusammenarbeite.

Wie kann die Situation für Frauen weiter verbessert werden?

Dittmann-Chylla: Es muss auf jeden Fall noch mehr getan werden. Frauen müssen für ihre Arbeit ausreichend und fair bezahlt werden, damit sie auch später von diesem Geld leben können. Indem man zum Beispiel ausreichend Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung stellt, schafft man dafür die Grundlage.
Konwitschny: Dazu zählt auch, dass man die sogenannten Frauenberufe weiter aufwertet. In diesen Berufen, vor allem im sozialen Bereich, ist die Bezahlung immer noch vergleichsweise schlecht. Gleichzeitig werden diese Berufe von vielen unterschätzt, obwohl sowohl die Arbeit in der Pflege als auch in der Kinderbetreuung oft eine extrem anstrengende Arbeit ist.

Braucht es auch gesetzliche Vorgaben wie zum Beispiel eine Frauenquote in Parlamenten und Firmen?

Dittmann-Chylla: Ja. Sonst ändert sich nie was.
Mayer: Ich bin für die Frauenquote in der CSU eingetreten, damit es für die Verteilung von internen Parteiämtern eine feste Größe gibt. In Parlamenten oder Firmen halte ich das aber nicht für notwendig, weil es auf die Kompetenz ankommt, nicht auf das Geschlecht.
Konwitschny: Wir sehen aber, dass etwas nicht funktioniert und wir wünschen uns, dass sich etwas ändert. Und wir brauchen ein Hilfsmittel dafür, um diese Veränderung herbeizuführen. Die Quoten müssen ja nicht ewig bestehen.
Dittmann-Chylla: Das sehe ich auch so. Aber bei den Grünen hat sich diese Quote bisher bewährt.
Konwitschny: Es ist ja auch nicht unbedingt so, dass eine Quotenregelung nur den Frauen hilft. Unsere Quoten für die parteiinternen Listenplätze helfen bei manchen Aufstellungen, wenn es viele Kandidatinnen gibt, den Männern, dass sie bessere Listenplätze bekommen.

sw

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