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Raus aus der Kirche: Immer mehr Menschen entscheiden sich zu diesem Schritt.

...und was ein Pfarrer darüber denkt

Gläubigen-Schwund im Landkreis München: Der Kirchenaustritt als Steuersparmodell

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Mangel an Gläubigen, Mangel an Priestern:Die Kirche schrumpft. Die Abkehr von religiösen Institutionen erscheint auch im traditionell katholischen Oberbayern wie ein Prozess, der nicht aufzuhalten ist.

Landkreis – Selten hat der Begriff Hiobsbotschaft so gut gepasst wie auf die Prognose, die die großen christlichen Konfessionen jüngst ins Mark traf: Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland werden laut einer Studie der Universität Freiburg im Jahr 2060 nur noch die Hälfte ihrer heutigen Gläubigen-Zahlen vorweisen können – und so nur noch die Hälfte ihres Kirchensteuereinkommens erwirtschaften.

Hochrechnung: bis 2060 dünnen die Kirchen um die Hälfte aus

Diese bundesweite, von beiden Kirchen als plausibel akzeptierte Hochrechnung ist Teil einer schon länger auch im Landkreis München anhaltenden Entwicklung: Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt unaufhörlich ab, eine Talsohle ist nicht in Sicht. So ist die Zahl der Katholiken im Landkreis zwischen 2007 und 2017, dem aktuellen Stand der Statistik, von 145 278 auf 135 708 gesunken. Die Zahl der Protestanten hat zeitgleich von 54 553 auf 49 347 abgenommen. Macht Einbußen von 7,6 Prozent bei den Katholiken und 9,6 Prozent bei den Protestanten in zehn Jahren.

Verluste, die noch schwerer wiegen, blickt man auf die Gesamtbevölkerung: Die ist gleichzeitig um knapp zehn Prozent gewachsen. Demographisch ist der Mitgliederschwund also offenkundig nicht aufzufangen, zumal andere Gründe der Freiburger Studie zufolge eine gewichtigere Rolle spielen.

Gerade junge Leute treten vermehrt aus

Im jüngsten Gemeindebrief der Kreuz-Christi-Kirche Höhenkirchen macht sich Pfarrer Thomas Lotz darüber Gedanken. Er ist verantwortlich für die evangelische Seelsorge in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Aying, Brunnthal und Hohenbrunn. Für den Großraum München hat Lotz einen gewichtigen Grund ausgemacht, der – wie die Studie bestätigt – gerade jüngere Leute zwischen 25 und 35 aus der Kirche treibt: das liebe Geld.

Der Steuerberater rät zum Kirchenaustritt

Angesichts der hohen Lebenskosten sei sogar in Doppelverdiener-Haushalten der Kirchenaustritt „in Reichweite und wird vom Steuerberater als Sparmöglichkeit nahegelegt“. Die Kirche mit ihrer „prinzipiellen Offenheit“, so argumentiert der Pfarrer, erwecke den Eindruck, dass sie auch für Ausgetretene bereitstehe: Wenn sie sie doch einmal brauchen, hat man von einem Austritt eigentlich nichts zu befürchten.

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Und überhaupt sei Glaube und Kirche den Menschen nicht mehr so wichtig wie früher – und wie letztere ihre Infrastruktur personell stemme und finanziere, sei den Menschen eher egal. „Man geht heute in eine Community, klickt sich ein und wieder aus“, diagnostiziert Lotz. „Die Kostenlos-Kultur des Internets schlägt auch auf die Kirche durch.“ Das habe weniger mit genereller Abkehr vom Glauben oder Unzufriedenheit mit der Kirche als mit einer „Abwägung von Kosten und Nutzen“ zu tun.

Die Kirchensteuer abzuschaffen hält Lotz aber nicht für hilfreich, genauso wenig wie organisatorische Neustrukturierung, mehr Digitalisierung oder mehr Frömmigkeit. Aufstecken will der Pfarrer aber nicht, im Gegenteil, er sieht die Seelsorger vor Ort und ihre öffentliche Präsenz gefordert. „Schon den Namen und das Gesicht des Pfarrers zu kennen, lässt die Austrittsneigung sinken“, konstatiert Lotz. In Höhenkirchen, wo er präsent sei, seien die Austrittszahlen verhältnismäßig niedriger als schon in den umliegenden Orten, die auch zu seinem Wirkungsbereich gehören.

Verbindlichkeit als Überlebensstrategie

Verbindlichkeit als Überlebensstrategie funktioniert allerdings nur, wenn genügend Pfarrer vor Ort präsent sind. Gerade in der katholischen Kirche ist aber das Gegenteil der Fall: Mit dem Mitgliederschwund – und der Tatsache, dass es immer schwieriger wird, Seelsorger-Stellen zu besetzen, geht auch eine Verwaltungsreform in der zuständigen Erzdiözese München und Freising einher. Die Folge: Ein Pfarrer betreut oft gleich mehrere Pfarrgemeinden.

Nach Auskunft des Erzbistums gibt es im Landkreis nur noch drei eigenständige Pfarreien: St. Nikolaus in Neuried im Würmtal, St. Severin von Noricum in Garching und St. Laurentius in Großdingharting. Die anderen 44 sind in 19 Pfarrverbänden unterschiedlicher Größe organisiert. Jüngstes Beispiel: Die Zusammenlegung von nun fünf Pfarreien zum Riesen-Pfarrverband Vier Brunnen Ottobrunn. Weitere Fusionen seien derzeit nicht geplant, teilt das Ordinariat mit – seien aber möglich, „wenn sie angesichts der örtlichen Gegebenheiten sinnvoll erscheinen und wenn sie von den Pfarreien/Pfarrverbänden gewollt sind“.

Auch die evangelische Landeskirche „ermutigt“ nach eigener Auskunft Kirchengemeinden „zu prüfen, ob nicht Kooperationen mit den Nachbarkirchen sinnvoll sein könnten“. Fusionen seien aber nur auf Initiativen vor Ort hin denkbar.

Ist der Schwund überhaupt aufzuhalten?

Oder unausweichlich, wenn sich der Trend fortsetzt und die unheilschwangeren Prophezeiungen der Freiburger Forscher eintreten. Gott prüfte den biblischen Hiob mit dem Verlust seines Viehs, seiner Knechte und schließlich seiner Kinder. Trotz der schweren Schicksalsschläge blieb er dem Glauben treu. Den Kirchen in der Region steht der forderndste Teil ihrer eigenen Prüfung möglicherweise noch bevor.

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