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Drei Zugwaggons hat der Hagelsturm umgerissen.

Erinnerungen an ein Jahrhundert-Unwetter am 27. Juli 1936

Hagelsturm verwüstet Höhenkirchen

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Faustdicke Hagelkörner und ein Sturm, der drei Zugwaggons vom Gleis riss: Vor 81 Jahren wütete ein Unwetter über Höhenkirchen und Siegertsbrunn, das sich ins Gedächtnis vieler eingebrannt hat.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Heiß, schwül, gewittrig: So lässt sich der Sommer 2017 bisher beschreiben. „Es muss damals ein ähnliches Wetter gewesen sein wie heuer“, sagt Günther Schmid. Der Ortschronist von Höhenkirchen steht am Rand des Neubaugebietes „Am Mitterfeld“, hebt seinen Arm über einen Zaun, der die Wohngrundstücke vom Feld trennt, und deutet in Richtung der Bahnlinie. Dort, auf dem freien Feld zwischen der heutigen Siedlung „Am Hart“ und dem Wohngebiet „Am Mitterfeld“, schlug der Hagelsturm am frühen Abend des 27. Juli 1936 mit voller Wucht zu. „Er hat drei Eisenbahnwaggons einfach umgerissen“, erzählt Schmid. „Dabei hat er nur etwa zehn Minuten gedauert.“

Wie verheerend das Unwetter in den damals selbstständigen Gemeinden Höhenkirchen und Siegertsbrunn wütete, verdeutlichen Augenzeugenberichte, die Schmids Vorgänger Rudolf Stingl viele Jah

re später für die Ortschronik zusammengetragen hat. Zu Wort kommt darin beispielsweise der Höhenkirchner Max Walser senior, der damals in dem Personenzug saß, der von München kam und vor Höhenkirchen von der Sturmfront erfasst wurde: „Nach Wächterhof setzte der Sturm ein. Dann ging alles sehr schnell. Es hagelte, die Schloßen schlugen an der Westseite die Fensterscheiben des Waggons ein. Dann gab es einen Ruck und der Zug stand.“ Laut Walser, der sich nicht in einem der Waggons befand, die umgestürzt waren, hatten einige Passagiere Schnittwunden an den Händen: „Größere Verletzungen hatte keiner. Erst als wir ausstiegen, sahen wir das ganze Unheil.“

Dramatisch fällt in der Ortschronik auch die Schilderung von Xaver Schmid aus. Der damals Elfjährige erlebte mit, wie das Unwetter jäh die Hochzeitsfeier seiner Schwester beendete. „Der Hagel war so groß, dass man nur eine weiße, milchig glasige Wand sah. Ich verkroch mich unter dem Tisch, die meisten Hochzeitsgäste liefen in den Hausflur. Alle fürchteten sich sehr. Man meinte, die Welt ginge unter.“ Wie er weiter erzählt, seien die Fensterscheiben von den Hagelkörnern eingeschlagen worden, die Schloßen seien in der Stube gelegen. „Es krachte, als würde man Steine in die Stube werfen. Der Hagel zerschlug das Dach, das Wasser rann die Wände herab und zur Haustür herein bis in den Keller. In den Kuchen, die noch auf den Tischen standen, steckten Glassplitter.“

Hausdächer und Fensterscheiben wurden vielerorts zerschlagen, wie es in der Ortschronik weiter heißt. Der Sturmwind, andernorts ist auch von einem Orkan die Rede, entwurzelte zahlreiche Bäume und riss einen Heustadel an der Schulstraße um. Zum Trocknen aufgestellte Getreidegarben lagen platt am Boden. Die Ernte war vernichtet. Auch ein Wanderzirkus, der an der Münchner Straße sein Lager aufgeschlagen hatte, wurde durch das Unwetter zerstört. „Gott sei Dank hat es keine Toten gegeben“, sagt Schmid.

Dem Sturm zum Opfer fiel auch die sogenannte Todesangst-Christi-Gedächtniskapelle am nördlichen Waldrand des Höhenkirchner Forstes. Niederbrechende Bäume zerstörten die angeblich von einem Jäger um 1813 erbaute Kapelle vollständig. Engagierte Bürger errichteten sie 50 Jahre später wieder – nicht weit von der Stelle entfernt, an der die alte Kapelle gestanden hatte.

Das Jahrhundert-Unwetter sei übrigens nicht lokal begrenzt gewesen, betont Schmid. Seinen Informationen zufolge hatte es sich westlich von Landsberg gebildet und war dann bis ins Chiemgau gezogen. Dabei soll es eine Breite bis zu 20 Kilometer gehabt haben. So gibt es Berichte über extreme Schäden in Leoni und Berg am Starnberger See. Dort sollen Hagelkörner Badegäste blutig geschlagen haben.

„Doch am stärksten hat es sich wohl hier im südöstlichen Landkreis entladen.“ Ein Unwetter diesen Ausmaßes hat es laut Schmid seitdem in der Gemeinde nicht mehr gegeben. „1990 ist der Orkan Wiebke über uns hinweggefegt. Aber der hat in erster Linie Schäden im Forst verursacht.“

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