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Abschiedsinterview: Ursula Mayer empfängt Redakteur Stefan Weinzierl zum Gespräch in ihrem Amtszimmer.

„Ich habe mich nie verstellt“: Bürgermeisterin Mayer im großen Abschiedsinterview

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Kommendes Jahr ist Schluss. 2020 legt Bürgermeisterin Ursula Mayer nach 18 Jahren ihr Amt nieder. Im Abschiedsinterview verrät sie, worauf sie stolz ist und was sie bereut.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Ende April kommenden Jahres endet nach 18 Jahren die Amtszeit von Bürgermeisterin Ursula Mayer (CSU). Die 64-Jährige verzichtet bei der Kommunalwahl am 15. März 2020 auf eine erneute Kandidatur. Zeit, mit der scheidenden Rathauschefin Bilanz zu ziehen.

Können Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Tag als Bürgermeisterin erinnern?

Ja. Der Bauhofleiter hat mich damals in einem Gemeindewagen abgeholt und vor der Rathaustür abgesetzt. Drinnen haben mich mein Vorgänger Rudolf Mailer und der damalige geschäftsleitende Beamte Manfred Stein willkommen geheißen. Herr Mailer hat mir noch die Schlüssel in die Hand gedrückt, und ich bin hier ins Amtszimmer hereinmarschiert. Danach kamen viele Mitarbeiter und haben mich begrüßt.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie Ihr letzter Arbeitstag im Rathaus aussehen könnte?

Davor graut es mir. Denn ich werde schon wehmütig sein. Und ich bin kein Freund von großen Abschieden. Ehrlich gesagt, weiß ich noch überhaupt nicht, ob ich es allen sage, wann genau ich meinen letzten Arbeitstag haben werde. Ich könnte auch still, heimlich und leise hier verschwinden. Zuvor muss ich aber noch aufräumen. Ich will meinem Nachfolger schließlich ein ordentliches Zimmer hinterlassen.

Welche Zeitungsschlagzeile wäre Ihnen für Ihren Abschiedstag lieber: „Wohnungsnot besiegt – Höhenkirchen-Siegertsbrunn kann Wohnwagen-Park schließen“ oder „Personalmangel besiegt – Kindertagesstätten können sogar Gastkinder aufnehmen?

Letzteres wäre meine Wunsch-Schlagzeile. Der Fachkräftemangel und damit der Mangel an Betreuungsplätzen brennt den Leuten hier wirklich sehr unter den Nägeln.

Haben Sie in Ihrer Zeit als Bürgermeisterin zu wenig getan, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?

Dieses Thema haben wir leider in den vergangenen Jahren hinten angestellt. Für uns stand im Vordergrund, die Bedürfnisse der Bürger vor Ort zu befriedigen, die sich die Mieten oder eigenes Eigentum leisten können. Daneben musste auch für den wachsenden Ort die Infrastruktur ausgebaut werden. Da sind diejenigen, die sich Wohnraum nicht leisten können, hinten runter gefallen. Das Tagesgeschäft, das eine Gemeinde zu bewältigen hat, frisst oft so viel Energie, dass man derartige Dinge leicht aus dem Auge verliert.

Den Wohnwagen-Park zu eröffnen war wahrscheinlich eine Ihrer spektakulärsten Entscheidungen. Was war aus Ihrer Sicht die bedeutendste Ihrer Amtszeit?

Da kann ich viele aufzählen. Zum Beispiel ist der barrierefreie Ausbau unseres Bahnhofs in den ersten drei Jahren meiner Amtszeit erfolgt. Wir haben das Seniorenzentrum gebaut und die Umgehungsstraße. Und natürlich haben wir das Gymnasium hier an den Ort bekommen. Das sind schon ganz wichtige Projekte, auf die ich stolz bin.

Gibt es auch Entscheidungen, die Sie heute anders treffen würden? Haben Sie Fehler gemacht?

Ja, die gibt es sicher. Ich bedauere heute noch den Pavillon, den wir an der Erich-Kästner-Schule gebaut haben. Das war im Speziellen eine Fehlentscheidung von mir, weil ich den falschen Planer herausgesucht habe. Ich habe mich durch die Gebäudedarstellung blenden lassen. Als die Baukosten explodiert sind, wollte ich noch die Bremse reinhauen und den Architekten rausschmeißen. Aber da hat der Gemeinderat nicht mitgezogen.

Wenn Sie Ihre Amtszeit Revue passieren lassen – haben sich die Anforderungen an einen Bürgermeister in den vergangenen Jahren verändert?

Seit 2002 trägt Ursula Mayer die Bürgermeisterkette um den Hals.

Finde ich schon. Es ist alles schnelllebiger geworden. Früher hat man einen Brief bekommen, sich den erst einmal in aller Ruhe zu Gemüte geführt und eine Woche später beantwortet. Heute bekommst Du eine E-Mail und wenn Du bis übermorgen noch keine Antwort geschickt hast, kommt eventuell schon eine Beschwerde.

Der Fluch der digitalen Revolution.

Es gibt aber auch noch eine andere Entwicklung, die ich sehr bedauere. Das Gemeinwohl steht für viele Menschen nicht mehr im Vordergrund. Wir haben ganz viele Ich-AGs, nach dem Motto: mein Haus, mein Kind, mein Kindergartenplatz. Die Leute fordern und sagen, sie haben ein Anrecht darauf, weil sie Steuern zahlen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch im ehrenamtlichen Bereich wider, wo sich immer weniger einbringen.

Grundsätzlich hat sich auch die Stimmung für politisch Engagierte geändert. Viele Bürgermeister beklagen, dass sie – gerade in den sozialen Netzwerken – deutlich schärfer angegangen werden.

Es ist leider schon seit Längerem so: Alles, was in einer Gemeinde gut läuft, nehmen die Leute als normal hin, läuft etwas schlecht, dann bin ich persönlich dafür verantwortlich. Das sagen einem die Leute auch so. So richtigen Anfeindungen wurde ich Gott sei Dank noch nicht ausgesetzt. Und alles, was anonym reinkommt, das schmeiß’ ich sowieso in den Papierkorb. Aber es stimmt: Die Reizlage ist anders als früher.

Das wird es in den nächsten Jahren sicher schwieriger machen, Bürger zu finden, die sich noch politisch engagieren.

Ja, das glaube ich schon. Und ich befürchte, dass viele von denen, die sich jetzt für die Kommunalwahl aufstellen lassen, sei es nur für den Gemeinderat oder als Bürgermeisterkandidat, nicht wirklich wissen, auf was sie sich einlassen. Der Zeitaufwand für so ein Amt ist schon ein ganz erheblicher. Auch die Verantwortlichkeit, die man hat, unterschätzen viele. Ich fühle mich für alle 11 000 Bürger verantwortlich. Der Gemeinderat sollte sich auch für alle Bürger verantwortlich fühlen, und nicht nur für ein bestimmtes Klientel.

Dann machen Sie doch einmal Werbung für Ihren Berufsstand. Was macht das Bürgermeisteramt aus Ihrer Sicht so attraktiv?

Ich liebe die Abwechslung an diesem Amt. Es ist kein Tag wie der andere. Für mich wäre stupide Büroarbeit grauenhaft. Du hast unglaublich große Gestaltungsmöglichkeiten, wenn Du Ideen hast und einen Gemeinderat, der halbwegs mitzieht. Meine Mitarbeiter klagen immer: Jeden Tag kommst Du mit drei neuen Ideen daher. Ich kontere jetzt immer und sage: Mittlerweile habe ich nur noch eine am Tag.

Was muss man fürs Bürgermeisteramt mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Man muss die Leute mögen und auf sie zugehen können. Dann benötigt man ein dickes Fell oder sollte sich schnell eines aneignen. Und Du musst in diesem Amt flexibel sein und immer einen Plan B in der Tasche haben, um ihn rausziehen zu können. Ansonsten bis du nämlich aufgeschmissen.

Wenn etwas anders läuft, wie Sie es gerne gehabt hätten, dann sieht man das Ihnen aber auch an. Ihre direkte, zum Teil auch emotionale Art – ist die fürs Bürgermeisteramt eher hinderlich oder hilfreich?

Ich glaube, bei meinen Gegnern hat sie die Aversion gegen mich verstärkt. Meine Freunde finden es toll, weil es authentisch ist. Ich habe mich noch nie verstellt. So wie ich da sitze, so bin ich. Und mein Ja ist ein Ja und mein Nein ein Nein. Außerdem wäre es doch fad, wenn es keinerlei Emotionen mehr im Gemeinderat gibt. Es muss das Herzblut mit zu sehen sein. Für eine Sache, von der man überzeugt ist, zu kämpfen, ist doch wunderbar. Streit muss ja an sich nichts Schlechtes sein. Man muss auch streiten, wenn man irgendwo hinkommen will. Letztlich sind bei uns fast 98 Prozent der Entscheidungen einstimmig. Das übersehen die meisten. Und so ist halt die Demokratie.

Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, nicht mehr für eine vierte Amtszeit zu kandidieren?

Ihr Rückhalt: Ehemann Martin Mayer heiratete sie 1979. Er starb im November 2017.

Auf jeden Fall mein Alter. Zum Ende der nächsten Amtszeit wäre ich ja 70 Jahre alt gewesen. Auch der Tod meines Mannes spielt eine bedeutende Rolle. Das ist immer noch schwer für mich. Mein Mann war mir eine Stütze, hat mir Rückhalt gegeben. Ich konnte mich immer abends mit ihm austauschen. Das gibt es nun nicht mehr und das fehlt mir sehr. Und kürzlich habe ich bei der Abifeier am Gymnasium Abiturienten gesehen, die ich schon als Säugling begrüßt habe. Da sage ich mir: Das passt jetzt und reicht.

Was wollen Sie in den verbleibenden Monaten Ihrer Amtszeit auf alle Fälle noch erledigen?

Es wäre schön, wenn der Gemeinderat noch die Entscheidung trifft, ob er statt einer Unterführung für Fußgänger und Radfahrer unter den S-Bahn-Gleisen eine Holzbrücke will. Das wird schwer genug, jemanden zu finden, der da die Planung macht. Der Kindergarten in der Sigohostraße und das neue Feuerwehrhaus in Siegertsbrunn werden vorangetrieben, da wird es im nächsten Jahr wohl die Spatenstiche geben. Auch für den Ausbau der Mehrzweckhalle, damit da etwas vorangeht, müssen wir heuer noch ranklotzen.

Was ist denn das Dringendste, was Ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin angehen muss?

Der oder die muss erst einmal nur fortführen, was angefangen worden ist. Was ein großes Thema für die Zukunft sein wird, sind die Finanzen der Gemeinde. Die Konjunktur flaut ab, wir haben heuer schon relativ viel Geld ausgegeben. Das gibt mir alles zu denken. Dann muss man auch an die Digitalisierung der Verwaltung rangehen.

Zu guter Letzt die obligatorische Frage: Was werden Sie in Zukunft mit Ihrer vielen Freizeit machen?

Ich habe vier Enkelkinder im Alter zwischen einem und dreieinhalb Jahren. Da springe ich schon einmal als Babysitter ein. Da kann ich dann aktiver werden. Ich habe außerdem ein junges Pferd, das ich noch ans Kutschenziehen gewöhnen muss. Und es reizt mich, noch die eine oder andere Stadt und Region in Bayern und Deutschland näher zu erkunden. Außerdem werde ich mich sicher auch ehrenamtlich hier im Ort engagieren. Nur in den Gemeinderat, da werde ich sicher nicht mehr gehen.

Also ist Ihre politische Karriere Ende April beendet.

Ja. Aber wenn mich jemand um meine Meinung bittet oder ich sehe, dass etwas völlig quer läuft, werde ich mich sicher auch politisch äußern.

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