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Die Heimleiterin Irmgard Kaleve.

„Wir tragen eine große Verantwortung“

Heimleiterin berichtet vom Alltag im Krisenmodus

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In den Alten- und Pflegeheimen sind Bewohner, Angehörige und Personal derzeit besonders gefordert - groß ist die Gefahr durch das Corona-Virus. Heimleiterin Irmgard Kaleve über die Herausforderungen des Alltags.

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnlich Maßnahmen. Getreu diesem Motto haben die Alten- und Pflegeheime im Landkreis zum Schutz ihrer Bewohner das Besuchsrecht stark eingeschränkt oder sogar verboten – für ältere Menschen mit Vorerkrankungen ist es besonders gefährlich, an der durch das Coronavirus hervorgerufenen Lungenkrankheit Covid-19 zu erkranken. Irmgard Kaleve, die das von der Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn betriebene Alten- und Pflegeheim „Wohnen am Schlossanger“ seit 2008 leitet, erklärt, was die Maßnahmen für die 71 Einwohner ihrer Einrichtung, die ein Durchschnittsalter von 86 Jahren haben, und ihre 69 Mitarbeiter bedeutet.

Was wiegt momentan für die Bewohner schwerer: die Furcht, sich den Coronavirus einzufangen oder die Angst zu vereinsamen?

Die Furcht vor einer möglichen Ansteckung. Die Bewohner schützen sich auch selbst, indem sie die aufgestellten Regeln wie die Händehygiene und das Abstandhalten beachten. Außerdem schränken sie ihre Aktivitäten außerhalb des Heimes stark ein, gehen nicht oder kaum mehr raus.

Wie war es bei Ihnen zuletzt geregelt: Haben Sie das Besuchsrecht komplett aufgehoben oder nur stark eingeschränkt?

Wir haben sehr früh konsequent ein Besuchsverbot ausgesprochen und genehmigen nur in Ausnahmefällen einen Besuch, zum Beispiel, wenn Bewohner oder Angehörige dringend Kontakt brauchen, etwa in einer palliativen Situation sowie bei Demenz- oder Schwererkrankten. Wir versuchen mit diesen strikten Maßnahmen einen maximalen Schutz zu erreichen. Die Entscheidung wurde übrigens gemeinsam mit dem Heimbeirat getroffen.

Der Freistaat hat am Freitag die Beschränkungen – auch für das Besuchsrecht in Altenheimen – noch einmal verschärft.

Auf die neuen Anweisungen der Bayerischen Staatsregierung reagieren wir natürlich entsprechend.

Wie haben die Bewohner und die Verwandten reagiert, als sie vom Besuchsverbot gehört haben?

Angehörige wie Bewohner sind ausnahmslos für diese strickte Regelung. Ich habe Anrufe erhalten, die mir ausdrücklich für dieses restriktive Vorgehen gedankt haben. Ich glaube, sie möchten alle unsere Senioren schützen und haben das sehr positiv aufgenommen.

Und wie setzen Sie das Besuchsverbot konkret um?

Wir bitten Angehörige und Freunde, den Besuch vorher telefonisch anzumelden und den Grund des dringenden Besuches zu erläutern. Auch bitten wir jeden Besucher, uns zu versichern, dass er die Verhaltensregeln zur Vermeidung der Ausbreitung des Coronarvirus befolgt. Anschließend dokumentieren wir den Besuch. Wenn Angehörige Einkäufe gemacht haben, nehmen wir diese am Eingang in Empfang.

Für die Bewohner, die regelmäßig Besuch von Familie oder Bekannten bekommen, wird das Besuchsverbot sicher schwerer sein als für diejenigen, die kaum besucht werden.

Ja das stimmt, sie zeigen aber alle Verständnis für diese Ausnahmesituation. Diejenigen, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr einsichtsfähig sind, weil sie an demenziellen Erkrankungen leiden, brauchen jetzt natürlich unsere volle Unterstützung. Unsere Mitarbeiter in der Pflege und Betreuung versuchen, das abzufedern. Und in diesen Fällen kann auch vom Besuchsrecht Gebrauch gemacht werden. Wir sind immer in engem Kontakt mit den Angehörigen und versuchen, individuell zu entscheiden.

Was machen Sie, damit die Bewohner keinen Lagerkoller bekommen?

Unseren Bewohnern bieten wir schon immer ein abwechslungsreiches Wochenprogramm an. Es finden am Vormittag und Nachmittag Aktivitäten wie Gymnastik und Motomed-Training, verschiedene kognitive Aktionen wie Lese-, Rätsel- und Gedächtnisstunden, sowie Basteln, Tischkegeln und vieles mehr statt. Außerdem haben wir einen schönen kleinen Garten. So können unsere Senioren die ersten Sonnenstrahlen genießen.

Gibt es sonst Einschränkungen für die Bewohner?

Wir haben unsere Partner, etwa Friseur und Fußpfleger, gebeten, bis auf Weiteres ihre Tätigkeit einzustellen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflege und Betreuung übernehmen das, soweit möglich. Nach Rücksprache mit den behandelnden Ärzten wurde entschieden, welche Therapien ausgesetzt werden können und welche weitergeführt werden müssen. Danach handeln wir. Die ärztliche und behandlungspflegerische Versorgung ist in jedem Fall gewährleistet. Hausarzt- und Facharztbesuche finden nur nach Anforderung statt. Wir haben feste Visitenzeiten mit den Haus- und Fachärzten ausgesetzt und kommunizieren über Telefon und Fax.

Der Ticker für den Landkreis München. Das Coronavirus versetzt den Landkreis München in den Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben steht still, die Fallzahlen steigen rapide und viele Testzentren sind in Betrieb.

Die Situation ist vermutlich auch eine Belastung für Sie und das Pflegepersonal.

Die physische und psychische Belastung ist schon enorm. Uns allen ist bewusst, dass wir eine große Verantwortung haben, und wir wollen alles dafür tun, dass wir Schlimmeres abwenden können. Ich möchte mich bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Pflege, Betreuung, Küche, Hauswirtschaft, Haustechnik und Verwaltung bedanken, denn sie leisten alle ausnahmslos eine sehr gute Arbeit und sind durch ihr Verhalten und ihren Einsatz Vorbilder.

Was würde es für Ihr Haus bedeuten, wenn sich ein Bewohner infiziert?

Nicht auszudenken – aber wir müssen uns, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, damit auseinandersetzen. Für den Infizierten würde das Quarantäne bedeuten, und es hängt davon ab, wie einsichtsfähig dieser ist. Demenzerkrankte sind nicht in der Lage, die Situation richtig einzuschätzen. Gesundheitsämter und Behörden unterstützen uns dann entsprechend.

Was passiert, wenn ein Mitarbeiter des Hauses erkrankt?

Die Mitarbeiter wurden aufgeklärt, dass sie sich frühzeitig, bei ersten Symptomen krankmelden sollen und unabhängig davon, um welche Erkrankung es sich handelt, sich mit uns telefonisch in Verbindung setzen. Wird ein Mitarbeiter positiv auf das Covid-19-Virus getestet, werden die konkreten Maßnahmen mit dem Gesundheitsamt festgelegt.

Was ist momentan das drängendste Problem in der Einrichtung?

In unserem Haus werden Handschuhe und Mundschutz knapp. Der Hersteller der Produkte, die wir verwenden, hat bereits mit uns Kontakt aufgenommen und uns versichert, dass alles getan wird, dass die bestehenden Lieferverträge eingehalten werden.

Das heißt, das Prinzip Hoffnung ist jetzt gefragt.

Ja. Wir können nur hoffen, dass das Personal gesund bleibt und wir die Versorgung unserer Bewohner aufrecht erhalten können.

Gibt es auch etwas, was Außenstehende für Ihre Bewohner und Mitarbeiter tun können?

Ich kann nur an alle appellieren: Bitte beachten Sie die von der Bayerischen Staatsregierung ausgegebenen Regelungen und helfen Sie mit, die Ausbreitung des Virus zu minimieren!

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