Über 100 Zuhörer verfolgen die Podiumsdiskussion.
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Über 100 Zuhörer verfolgen die Podiumsdiskussion.
Auf dem Podium: (v.l.) Christian Hirneis (BUND), BBV-Kreisobmann Anton Stürzer; Moderator Torsten Kerl; Martin Häusling (Grüne, MdE), Benno Maier (Landwirt Hohenbrunn), Michael Stark (Verwalter Stadtgüter München).
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Auf dem Podium: (v.l.) Christian Hirneis (BUND), BBV-Kreisobmann Anton Stürzer; Moderator Torsten Kerl; Martin Häusling (Grüne, MdE), Benno Maier (Landwirt Hohenbrunn), Michael Stark (Verwalter Stadtgüter München).

Podiumsdiskussion

Landwirte wollen nicht die bösen Buben sein

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Anton Stürzer, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, stellte bei der Podiumsdiskussion in Höhenkirchen-Siegertsbrunn klar, dass Landwirte aus seiner Sicht am Artensterben keine Schuld tragen.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Der Runde Tisch in München zum Thema Artenschutz verkündete viele Kompromisse. Von dieser vermeintlichen Einigkeit war bei der mit über 100 Besuchern vollbesetzen Podiumsdiskussion vier grüner Ortsverbände mit Landwirten wenig zu spüren. Anton Stürzer, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, stellte klar, dass Landwirte aus seiner Sicht am Artensterben keine Schuld trügen.

Eingeladen hatten die vier Grünen-Ortsverbände aus Hohenbrunn, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Ottobrunn und Neubiberg. Es diskutierten Martin Häusling, Landwirtschafts-Sprecher der Grünen im Europaparlament, Christian Hierneis vom Bund Naturschutz, Landwirt Benno Maier aus Hohenbrunn, Bio-Bauer Michael Stark, der für die Landeshauptstadt München vier Güter leitet sowie Anton Stürzer vom Bauernverband. Einig waren sich Häusling, Hierneis, Maier und Stark darin, dass die aktuelle EU-Landwirtschaftspolitik der wahllosen Subventionierung, bei der die Bauern mit den größten Betrieben am meisten Geld bekämen, falsch sei, fasste Hierneis zusammen. Diese Politik schütze weder Natur noch Artenvielfalt oder mittelständische Betriebe.

Der Bauernverband

BBV-Kreisobmann Anton Stürzer aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn sieht das entschieden anders: „Die Medien sind daran schuld, dass alle auf uns Bauern herumhacken und das Bürgerbegehren so ausging“, sagte er. „Wir Landwirte bekommen keine Subventionen, sondern Unterstützung, wir spritzen nicht, sondern bringen geprüften Pflanzenschutz aus – und ein Insektensterben gibt es auch nicht“, waren einige seiner Argumente.

Der ,normale’ Landwirt

Benno Maier aus Hohenbrrunn ist konventioneller Landwirt, der seinen „Traumberuf“ in der freien Natur über alles liebt. „Ich habe 55 Hektar Ackerland, vor allem Getreide, dazu 90 Hektar Forst und seit ein paar Jahren einen Hofladen, in dem ich meine Kartoffeln verkaufe, die ich seit vielen Jahren nicht mehr spritze“, berichtete Maier. Gewinn erziele er nur noch mit den Kartoffeln, die Verbraucher liebten sie, der Rest mache kaum noch Spaß, weil die Bürokratie überhandnehme. In Hohenbrunn sei man auf einem guten Weg, seit 2018 gebe es neun Bienen- und Blühinseln. „Bürger, Gemeinde und Bauern sorgen gemeinsam für Artenvielfalt“, sagte Maier. Aus seiner Sicht ist der einzige Weg, dass deutsche Landwirte für die Bevölkerung in Deutschland anbauten und nicht für einen imaginären Weltmarkt. „Dann würden sich auch die Preise auf einem Niveau einpendeln, von dem wir ohne Subvention leben könnten.“

Der Bund Naturschutz

Aus Sicht des Naturschutzes sei die EU enorm wichtig, „wir hätten niemals so viele sinnvolle Gesetze zum Schutz der Natur in Deutschland ohne die EU“, sagte Christian Hierneis vom Bund Naturschutz. Doch in der EU-Subventionspolitik gehe es nur um immer größere Betriebe für Hühner, Schweine und Kühe oder große Mais-Monokulturen. „Das hat die deutsche und bayerische Landwirtschaft mit ihrem Bauernverband voll übernommen – das muss sich schnell ändern“, forderte Hierneis.

Der Bio-Bauer

Bio-Bauer Michael Stark geht noch einen Schritt weiter: Nicht nur regional, sondern biologisch arbeiten sei die Lösung. „Bio ist kein Humbug von ein paar Spinnern, sondern absolut notwendig und wird immer mehr nachgefragt.“ Blühstreifen seien nett, aber nur ein Anfang zu einem radikalen Umdenken in eine Landwirtschaft ohne Spritzmittel, ohne Kunstdünger. „Früchte werden dann zur Saison reif und werden fair bezahlt, dass der Bauer davon leben kann.“

Der BBV-Kreisobmann

Anton Stürzer wehrte sich gegen die Rollenzuweisung, die konventionelle Landwirtschaft sei „böse“ und nur Bio gut. „Wir setzen sorgfältig Mittel gegen Unkraut, Schädlings-Befall und Krankheiten ein, die geprüft sind. Also tun wir nichts Böses und nichts Verbotenes.“ Die 90 Prozent konventionellen Landwirte müssten die deutsche Bevölkerung und auch Teile des Weltmarkts mit Lebensmitteln versorgen. „Also brauchen wir große Betriebe für große Mengen. Damit das wirtschaftlich Sinn macht, weil Lebensmittel in Deutschland viel zu billig sind, brauchen wir Unterstützung, das ist aber keine Subvention“, stellte Stürzer klar. Jeder bayrische Landwirt erhalte 60 Prozent seines Einkommens aus Fördertöpfen aus Brüssel, Berlin und München, das müsse so bleiben. „Wenn die Bevölkerung mehr Bio will, muss sie es kaufen, dann steigen auch mehr Bauern um – einfach nur zu beschließen, wir wollen 30 Prozent Bio, das geht nicht.“

Zudem beschließe der Deutsche Bauernverband oft gegen die bayerischen Betriebe, diese müssten es dann ausbaden. Schuld am Verschwinden von Arten seien nicht Landwirte, sondern Straßen, Flughäfen, Wohn- und Gewerbegebiete. „Es gibt kein Insekten-Sterben! Weil es immer mehr Autos gibt, findet jeder auf seiner Windschutzscheibe eben immer weniger“, sagte Stürzer.

Der EU-Abgeordnete

Martin Häusling, seit 1988 Biobauer und seit zehn Jahren im EU-Parlament, widersprach. „Der Bauernverband wollte die Abschaffung der EU-Milchquote und beschwert sich jetzt über die niedrigen Preise. Der Verband sitzt bei allen Preisverhandlungen dabei und in der BayWa – da gibt es die Möglichkeit, direkt Einfluss zu nehmen.“ So wie sich Ministerpräsident Söder vom Gegner des Volksbegehrens zum Artenschutz-Befürworter gewandelt habe, würden CSU und Vertreter des Bauernverbandes bei Versammlungen in Bayern, weil es aktuell schick sei, ganz anders über Landwirtschaftspolitik und Artenschutz sprechen, als sie im Parlament in Berlin oder Brüssel abstimmen. „Die EVP will unbedingt die Beibehaltung der falschen Subventionspolitik“, sagte Häusling. 30 Prozent der Bio-Produkte kämen von außerhalb der EU, das sei eine große Chance für bayerische Landwirte. Führe der Freistaat dann auch noch Bio für seine Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser ein, gebe es weiteren Bedarf. „Wir brauchen keine Alibi-Blühstreifen, sondern eine radikal andere Landwirtschaftspolitik in Europa“, sagte Häusling.

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