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Stillstand: Zwischen 2007 und 2017 gab es keinen nennenswerten Zugewinn an Arbeitsplätzen in der Gemeinde.

Alarmierende Statistik

Schluss mit der Roten Laterne: Wirtschaftsförderung gefordert

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In Höhenkirchen-Siegertsbrunn gibt es pro 1000 Einwohner so wenige Arbeitsplätze wie nirgendwo sonst im Landkreis. Nun wird eine gemeindliche Wirtschaftsförderung gefordert. 

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Das Gewerbe beraten, vernetzen und fördern: Um diese Aufgaben soll sich die Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn in Zukunft verstärkt kümmern – zumindest wenn es nach dem Arbeitskreis (AK) „Arbeit & Wirtschaft“ der örtlichen Zukunftswerkstatt geht. Der AK hat, um diesem Thema Nachdruck zu verleihen, jetzt Gemeindevertreter, Gewerbetreibende und interessierte Bürger zu einer Informationsveranstaltung ins Arcone Center eingeladen. Das ist die Heimat des größten Gewerbesteuerzahlers im Ort, der Lauterbach GmbH. Dort stellte der Arbeitskreis Möglichkeiten der Wirtschaftsförderung vor und zeigte auf, welche Probleme es aus seiner Sicht in der Gemeinde derzeit gibt und ließ auch die Betroffenen selbst zu Wort kommen(siehe unten).

Schlusslicht: Im landkreisweiten Arbeitsplatzdichte-Vergleich liegt Höhenkirchen-Siegersbrunn ganz hinten.

Und die gibt es nach Ansicht des Arbeitskreises genug. AK-Mitglied Stefan Weise präsentierte Zahlen des Planungsverbandes Äußerer Wirtschaftsraum München, die die Dringlichkeit der Forderungen untermauern sollten. So ist die Gemeinde mit aktuell 130 sozialversicherten Arbeitsplätzen pro 1000 Einwohner nach wie vor das Schlusslicht im Landkreis München (siehe Grafik). Bis auf den Dienstleistungssektor, so führte Weise weiter aus, gebe es in der Gemeinde zwischen 2007 und 2017 keine nennenswerten Zugewinne an Arbeitsplätzen, Nur etwa 20 Prozent der Ortsansässigen würden in Höhenkirchen-Siegertsbrunn arbeiten. „Darüber sollte man vielleicht einmal nachdenken“, so Weises Schlusskommentar.

Eine von der Gemeinde gesteuerte Wirtschaftsförderung müsse das Ziel haben, mehr hochwertige Arbeitsplätze für den Ort zu generieren, sagte AK-Leiter Rolf Gaertner. Seiner Ansicht nach würde sich die Wirtschaftsförderung aber auch in anderer Hinsicht auszahlen: „Mehr Arbeitsplätze könnte zu einem weniger an Verkehr sorgen“, meinte er hinsichtlich der hohen Zahl an Auspendlern.

„Wir sind ganz nah dran an den Unternehmen“

Was aber macht ein Wirtschaftsförderer genau? Diese Frage beantwortete Gastrednerin Edigna Kessel. Sie kümmert sich seit 2017 um die Wirtschaftsförderung in Eichenau, einer 12 000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Fürstenfeldbruck. Wichtigste Aufgabe: „Wir sind ganz nah dran an den Unternehmen“, sagte sie. Die Sicherung und Pflege des Unternehmerbestands habe große Priorität. Daneben betreibe man Gewerbeflächenmanagement, sorge also für möglichst wenig und kurze Leerstände von Gewerbeflächen im Ort, betreibe Netzwerkpflege und versuche, den Standort Eichenau bestmöglichst zu vermarkten. So beteiligt sich Eichenau unter anderem an Messen und Wirtschaftsempfängen und lädt selbst örtliche Unternehmer monatlich zum Netzwerken ein.

Eine andere Art der Förderung der örtlichen Gewerbetreibenden stellte Otto Beck vor. Er ist Mitglied bei den Aktivsenioren Bayern. Dabei handelt es sich um einen Verein, in dem ehemalige Führungskräfte, Fachkräfte und Unternehmer mithilfe ihres Wissens und ihrer Erfahrung ehrenamtlich Existenzgründer sowie klein- und mittelständische Betriebe auf ihrem Weg beraten und unterstützen. Mehr Informationen über das Angebot der Aktivsenioren und wie man Kontakt aufnimmt, gibt es im Internet unter www.aktivsenioren.de.

Hier drückt der Schuh: Das wünschen sich die Unternehmen im Ort

Wie sehen die Gewerbetreibenden selbst den Standort Höhenkirchen-Siegertsbrunn? Gastgeber Lothar Lauterbach, Geschäftsführer einer Entwicklungssystem-Firma und Betreiber des Arcone Technologie Centers, das neben Gewerbeflächen für Unternehmen auch Konferenz-Räume anbietet, vermisst im Ort ein Hotel, in dem Geschäftsleute übernachten können. „Das ist eine Einschränkung“, sagte er.

 Alex Stefan wiederum, Betreiber des Edeka in Siegertsbrunn, benötigt permanente Übernachtungsmöglichkeiten für seine Mitarbeiter – und zwar in Form von Wohnungen. „Wohnungen sind ein Argument, um Mitarbeiter zu gewinnen“, betonte er. Ins gleiche Horn blies Christl Lauterbach, Geschäftsführerin der Future Shape GmbH. Ihr fehle es, um expandieren zu können, derzeit nicht nur an einer geeigneten Fertigungshalle, sondern auch an zusätzlichen jungen Mitarbeitern. Um die zu ködern, bräuchte es bezahlbaren Wohnraum. 

AK-Leiter Rolf Gaertner wollte von Stefan wissen, ob er durch die vielen Auspendler in der Gemeinde Verluste zu beklagen hat. Das wollte Stefan so nicht bestätigen. Sein Supermarkt sei gut besucht und ziehe sogar Kunden in den Ort – zum Beispiel aus Sauerlach und Egmating. CSU-Ortschef Roland Spingler wiederum glaubt sehr wohl, dass die Geschäfte im Ort davon profitieren, wenn die Höhenkirchner und Siegertsbrunner auch im Ort arbeiten. „Wer hier arbeitet und auch seinen Lebensmittelpunkt hier hat, kauft auch eher hier ein“, meinte er. Er setzt sich wie der AK für eine Wirtschaftsförderung durch die Gemeinde ein. „Die Gemeinde muss proaktiv auf die Gewerbetreibenden zugehen“, sagte er. Um die Wirtschaftskraft zu stärken, plädiert er zudem dafür, dass die Gemeinde dem Verein Metropolregion München beitritt.

 Ex-Gemeinderätin Andrea Hanisch, sprach sich dafür aus, durch regelmäßige Messe-Projekte die Attraktivität der Gemeinde zu steigern. Sie hat selbst bereits mehrere Messen im Ort organisiert. Diese seien immer ein großer Erfolg gewesen, erinnerte sie. Sowohl die Förderung des örtlichen Gewerbes als auch die Organisation von Messen müsse aber letztlich von Profis gemacht werden, sagte Zweite Bürgermeisterin Mindy Konwitschny (SPD). „Es kann nicht alles mit dem Ehrenamt gemacht werden, warnte sie.“ 

Bürgermeisterin Ursula Mayer (CSU) hatte sich die Sorgen und die Kritik der Gewerbetreibenden lange ruhig angehört, nahm dann aber doch dazu Stellung: Zum Vorwurf, die Gemeinde brauche zu lange, um Gewerbegebiete auszuweisen und Bauprojekte zu genehmigen, verwies sie auf die gesetzlichen Vorgaben, die es einzuhalten gelte. „Wir versuchen uns beim Gewerbe breit aufzustellen“, sagte sie. Gleichzeitig schob sie dem Gewerbe selbst den schwarzen Peter dafür zu, dass es nicht mehr Läden im Ort gibt. „Die Gewerbetreibenden wollen oft gar keine Konkurrenz haben“, sagte sie. Beim Thema Hotel habe sie schon bei mehreren Hotelketten angeklopft – ohne Erfolg. Ihr Fazit: „Unter 72 Betten geht mir hier kein Hotel her.“

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