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Pfarrer Thomas Lotz probiert vom Bayerischkraut, das Diakon Jaehnert und seine Helfer gekocht haben.

Kreuz-Christi-Kirche lud zum Luther-Essen

Zu Ehren des Reformators aufgekocht

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Wie und vor allem was haben die Menschen in der Renaissance gegessen und getrunken? Eine Ahnung von den Tischsitten und Kochkünsten des 15. und 16. Jahrhunderts haben die Gäste bekommen, die am Wochenende der Einladung der Kreuz-Christi-Kirche zum Luther-Essen im evangelischen Gemeindezentrum in Höhenkirchen-Siegertsbrunn gefolgt sind.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Aufgetischt wurde den über 80 Festgästen quasi als Appetizer Brot mit Schmalz und danach eine mittelalterliche Erbsensuppe. Den Hauptgang bildeten Schweinekeulen mit Serviettenknödel und Bayrischkraut. Dazu gab es spezielle Soßen nach mittelalterlichen Rezepten. Wer jetzt noch nicht genug hatte, konnte sich beim Nachtisch – Kirschenkompott mit Birnenpudding – den Bauch vollschlagen.

Für das Menü verantwortlich zeichnete Diakon Markus Jaehnert, der zusammen mit dem Kirchenvorstand und Mitgliedern der Evangelischen Jugend – darunter ein ausgebildeter Koch – die Küche organisierte. Wie er betonte, galt es bei der Menüauswahl vor allem, den Spagat zu bewältigen, möglichst authentische Speisen zu kredenzen und gleichzeitig die Geschmacksnerven der Tischgäste nicht über zu strapazieren.

Denn wie Jaehnert bei der Lektüre mittelalterlicher Kochbücher schnell feststellen musste: „Man hat damals mehr nach Farbe als nach Geschmack gekocht.“ Besonders wie die Köche zu jener Zeit die Zutaten kombinierten, hält der Mittelalter-Fan für gewöhnungsbedürftig. So haben der Diakon und seine Mitstreiter beispielsweise Abstand davon genommen, mit Rosenwasser zu kochen, einem süßlich schmeckenden Aromastoff, der im Mittelalter und in der Renaissance eine beliebte Zutat war und auch jetzt noch gern in der arabischen oder indischen Küche Verwendung findet.

Die Finger gelassen hat man auch von Produkten wie Kartoffeln oder bestimmten Getreidesorten, die zur damaligen Zeit in Europa noch überhaupt nicht angebaut wurden. „Auch das Marinieren in der heutigen Form war zu Zeiten Luthers unbekannt“, so Jaehnert. Deshalb wurde das Fleisch lediglich mit Salz, Pfeffer und den damals üblichen Kräutern gewürzt.

Die Gaumen der Gäste wussten dann auch die sorgfältige Auswahl der Gerichte zu schätzen. „Es war sehr lecker“, befand Jutta Landau. Aber es sei auch nichts wirklich Außergewöhnliches dabei gewesen. „Das Essen ohne Gabel war etwas gewöhnungsbedürftig, aber geschmacklich war es 1 a“, meinten auch Christian und Philippa Pho Duc. Dass die Erbsensuppe nicht püriert war, sondern Erbsen und Kräuter als Ganzes in der Suppenbrühe schwammen, machte den beiden nichts aus. „Das hat sehr fein und natürlich geschmeckt“, lautet das Fazit von Christian Pho Duc. „Und die Schweinkeulen waren so groß, das hättest Du ein Ritter sein müssen, um die zu bezwingen.“

Für das entsprechende Ambiente sorgten beim Luther-Essen aber nicht nur die Speisen. Serviert wurde das Essen von Konfirmanten in Gewändern der damaligen Zeit. Die historische Kleidung hat sich die Kirchengemeinde laut Pfarrer Thomas Lotz ebenso wie die zum historischen Mahl passenden Holzlöffel, Schüsseln und Krüge vom Prodekanat ausgeliehen. Nur die Messer habe man selbst besorgt – die Gäste durften sie als Erinnerung mit nach Hause nehmen. Länger in Erinnerung bleiben, dürfte den Teilnehmern auch das Unterhaltungsprogramm des Abends. Ein Musiker spielte die Laute. „Das war Luthers Lieblingsinstrument und er hat es auch selbst gespielt“, klärte Lotz auf. Daneben wurden Auszüge aus Luthers Tischreden vorgetragen und es gab ein Quiz rund um den berühmten Reformator, den die Evangelische Kirche heuer anlässlich des 500. Jahrestages der Reformation gebührend feiert.

Aus Anlass des Lutherjahres hat die Kreuz-Christi-Kirche auch ihre guten Beziehungen zur Familienbrauerei in der Nachbargemeinde Aying spielen und dort eigens ein Bier brauen lassen. Der sogenannte Ayinger Reformator feierte beim Luther-Essen seine Premiere – auch wenn Lotz und Jaehnert verrieten, den hellen Bock bereits vorab gekostet zu haben. „Sehr süffig“, lautete das einhellige Urteil der beiden, das auch von anderen Gästen bestätigt wurde. „Es ging bei uns am Tisch gut weg“, erzählte Landau.

1500 Liter des „nicht ganz so starken Starkbiers“ wurden gebraut. „Der Ayinger Reformator kommt aber nicht in den Getränkehandel“, so Lotz. Vielmehr sollen die 3000 Flaschen bei den Veranstaltungen der Kirchengemeinde im Lutherjahr angeboten werden. Vor allem beim Abschlussfest am 31. Oktober – dem Tag, an dem vor 500 Jahren Martin Luther mit lauten Hammerschlägen die 95 Thesen über den Ablass an die Türen der Kirche in Wittenberg genagelt haben soll und der als Geburtsstunde der Reformation gilt. Dennoch kann man laut Lotz möglicherweise auch andernorts in den Genuss des Bockbieres kommen. „Andere Kirchengemeinden können das Bier bei uns bestellen – so lange es bei uns vorrätig ist.“ Denn wie das Luther-Essen am Samstagabend hat auch der Biergenuss irgendwann einmal ein Ende.

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