Drohende Obdachlosigkeit im Landkreis

"Skandal": Viele Wohnungen stehen leer

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Landkreis - Immer mehr Menschen im Landkreis droht die Obdachlosigkeit. Darunter Flüchtlinge mit Aufenthaltsstatus. Für sie ist es ein Hohn, dass in einigen Gemeinden Wohnungen und Häuser leer stehen.

Spricht von einem Skandal: Bürgermeisterin Ursula Mayer.

In vielen bayerischen Gemeinden steht Wohnraum leer, so auch in Höhenkirchen Siegertsbrunn. Schließlich ziehen etwa viele, insbesondere junge Menschen vom Land in die Stadt. Doch wohl kaum eine dieser Gemeinden hat am Ortsrand einen Trailerpark für Obdachlose bauen müssen. Höhenkirchen-Siegertsbrunn schon. Und es ist unter anderem dieses Missverhältnis, das Bürgermeisterin Ursula Mayer Anfang März bei einer Asyl-Infoveranstaltung zu einer Wutrede veranlasst hat. Die CSU-Politikerin sprach von einem „Skandal“.

Wenn sich Mayer zum Themenkomplex „Obdachlosigkeit“ äußert, sollten ihre Amtskollegen aufhorchen. Die Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn im Osten des Landkreises ist in Sachen Asyl nämlich ein Zukunftsdorf. Anders als in anderen Kommunen leben hier seit mehr als zwölf Jahren Flüchtlinge. Die Gemeinde kümmert sich also nicht nur um die Unterbringung von Menschen, die gerade erst in Deutschland angekommen sind, sondern auch um diejenigen, deren Asylantrag bereits anerkannt wurde. Flüchtlinge mit Aufenthaltsstatus müssen aus der Flüchtlingsunterkunft ausziehen und sich eine Wohnung suchen. Im ganzen Landkreis leben schon jetzt 600 solcher sogenannter Fehlbeleger. Vielen droht die Obdachlosigkeit. Das Problem wird auch auf andere Kommunen noch zukommen.

So viele Flüchtlinge leben im Landkreis.

In Höhenkirchen-Siegertsbrunn haben sie am Ortsrand eine Obdachlosenunterkunft bestehend aus Wohnwagen und Containerin gebaut. Gleichzeitig steht mitten im Ort Wohnraum leer. Insgesamt weiß die Gemeinde von 25 Wohnungen und Häusern, in denen niemand wohnt. Ein Hohn nicht nur für die Menschen im Höhenkirchner Trailerpark, sondern für alle, denen ein Dach über dem Kopf fehlt. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat zuletzt Alarm geschlagen: 2015 waren im Landkreis 2323 Menschen von Obdachlosigkeit bedroht, davon 750 Kinder. Die Mitarbeiter der AWO-Fachstelle haben 1231 Fälle bearbeitet. Der Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes München Land, Michael Wüstendörfer, mahnt die Eigentümer von leerstehenden Häusern und Wohnungen: „Im Grundgesetz heißt es: ,Eigentum verpflichtet’. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist nicht die einzige Gemeinde im Landkreis, in der Wohnraum leer steht. In Unterschleißheim war bis vor kurzem ein unbewohntes Reihenhaus an der Raiffeisenstraße seit zwei Jahren verkommen. Seit September wird es saniert. Straßlach-Dinghartings Bürgermeister Hans Sienerth weiß von rund 30 leerstehenden Häusern und erschlossenen, aber unbebauten Grundstücken. Sienerth erzählt, man habe alle Besitzer angeschrieben und gebeten, den ungenützten Wohnraum der Gemeinde zur Verfügung zu stellen. Aber kaum jemand habe überhaupt geantwortet.

"Vielen ist das wurscht"

Dasselbe in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Im September hat die Gemeinde das Ergebnis einer Umfrage präsentiert: 25 Wohnungen und Häuser stehen leer. Alle Eigentümer wurden angeschrieben, 16 haben sich zurückgemeldet. Sie versichern, schon bald wieder selbst einziehen oder vermieten zu wollen. Mayer ist aber skeptisch: Einige Wohnungseigentümer hätten schlechte Erfahrungen mit Mietern gemacht und würden deshalb die Wohnung oder das Haus lieber leer stehen lassen, sagt sie und findet das: „absolut unverständlich“. Auch sie verweist auf das Grundgesetz, wonach „Eigentum verpflichtet“, gerade jetzt, da die Wohnungsnot in der Region München immer stärker werde. Doch: „Vielen ist das wurscht.“

Vorbild München?

Die Stadt München, die ebenfalls in immer kürzerer Zeit immer mehr Wohnraum anbieten muss, hat eine Satzung erlassen. Demnach muss mit Bußgeld bis zu 50 000 Euro rechnen, wer seine Wohnung länger als drei Monate leer stehen lässt. Ein denkbares Modell für Höhenkirchen-Siegertsbrunn und andere Gemeinden im Landkreis? Beliebt mache man sich damit nicht, „aber wenn alle Stricke reißen“, sagt Bürgermeisterin Mayer. Den Eigentümern von leerstehenden Wohnungen und Häusern müsse schließlich bewusst werden: „Wir sind kein einfaches Dorf mehr, sondern ein Dorf im Landkreis München.“

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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