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Besondere Bedürfnisse: Für die an ALS erkrankte Thoa Nguyen, um die sich ihr Ehemann Tung liebevoll kümmert, muss die Wohnung barrierefrei sein. 

Junger Investor drängte sie heraus

Familie sucht 13 Monate nach Wohnung - und lebt nun in Notunterkunft

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Die Ngyuens sind geschockt: Sie wohnen neuerdings in der Notunterkunft. Die fünfköpfige Familie findet seit 13 Monaten keine Wohnung.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Unverschuldet ist die Familie Nguyen aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn in die Obdachlosigkeit gerutscht. Der Grund: Der Vermieter hat wegen Eigenbedarfs gekündigt. Nach 13 Jahren musste die Familie aus ihrer Drei-Zimmer-Wohnung an der Arnikastraße ausziehen. Das Ehepaar fand trotz langer intensiver Suche keine neue Wohnung für sich und ihre drei von vier Kindern. Die Mutter, Thoa Nguyen (51), ist zudem schwer krank. 

Der Familie blieb nichts anderes übrig, als in ein Feel-Home-Haus an der Ottobrunner Straße zu ziehen. „Wir sind froh, dass wir hier unterkommen“, sagt Tung Nguyen (54), „aber wir suchen dringend eine neue Wohnung.“

„Viele Vermieter legen auf, wenn wir anrufen“

Seine Frau Thoa leidet seit zehn Jahren an ALS, einer Erkrankung, die gemeinhin als Muskelschwund bekannt ist. Sie sitzt im Rollstuhl. Ihr Mann Tung kümmert sich um seine schwerkranke Frau. Seine Arbeit in einem Restaurant hat er für die Pflege aufgegeben. Das sind keine guten Voraussetzungen, mit denen man bei Vermietern punktet. „Viele legen einfach auf, wenn wir anrufen.“

Seit 13 Monaten suchen sie schon verzweifelt nach einer Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnung. „Sie sind sichere, ruhige und angenehme Mieter“, sagt Conny von Reinhardstoettner von der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die die Familie unterstützt. Das Jobcenter übernimmt eine Miete in Höhe von 1250 Euro warm. „Die Miete kommt jeden Monat zuverlässig und pünktlich.“ Die AWO-Mitarbeiterin hilft als Patin bei der Wohnungssuche, gibt Tipps für die Bewerbungen und glaubt fest daran, dass die Familie etwas findet. „Es sind ganz feine Leute.“

Thoas Hände liegen schlaff auf den Oberschenkeln. Das Sprechen fällt schwer, doch die Gesichtsmuskulatur gehorcht der vierfachen Mutter, deren dichte Haare ein grüner Haarreif zusammenhält: Ihr Lächeln verschenkt sie großzügig, trotz der bitteren Notlage, in der sie jetzt steckt.

Gemeinde bietet Notunterkunft an

Vor sechs Wochen sind die Nguyens in die Zwei-Zimmer-Wohnung an der Ottobrunner Straße eingezogen. Für die Familie ist es ein Schock, dass sie in eine Notunterkunft einziehen musste. Doch tapfer versuchen die Nguyens, das Beste daraus zu machen. In der Wohnküche riecht es nach vietnamesischem Essen. Über dem Küchentisch sind Fotos an die Wand gepinnt. Alle sechs Nguyens auf Rom-Wallfahrt vor dem Petersdom, in der Mitte Thoa im Rollstuhl, alle lachen in die Kamera. Auf einem anderen Foto sieht man sie vor dem schiefen Turm von Pisa. „Das ist länger her“, sagt Familienvater Tung.

Die Familie lebt seit 2006 in Höhenkirchen. „Sie ist gut aufgestellt“, sagt AWO-Mitarbeiterin Janett Bodemann, „und sehr gut integriert.“ Der älteste Sohn (24) ist nach seiner Ausbildung schon ausgezogen. Die 23-jährige Tochter hat gerade Abitur gemacht und beginnt eine Lehre als medizinische Fachangestellte. Auch ihre jüngeren Brüder machen den Eltern viel Freude. Der 16-Jährige hat vor den Sommerferien die Mittlere Reife abgelegt, der Jüngste besucht die Grundschule.

Junger Mann kaufte ihre Wohnung

Thoa Nguyen kam 1982 mit den Boatpeople auf der Cap Anamur nach Deutschland, er arbeitete in einem Fotolabor und in asiatischen Restaurants. Seine Frau war in den 1980er Jahren als Näherin Vertragsarbeiterin in der DDR. In München lernten sie sich kennen. In Höhenkirchen-Siegertsbrunn fühlten sie sich im hübschen Wohnviertel an der Arnikastraße sehr wohl. Als ihr langjähriger Vermieter die Wohnung veräußern wollte, hatte er sie ihnen zum Kauf angeboten. Rund 300.000 Euro sollte sie kosten. „Das konnten wir uns nicht leisten“, sagt Tung Nguyen. Ein junger Mann kaufte ihr Heim. Der neue Eigentümer meldete Eigenbedarf an. Auf dem Klageweg versuchte die Familie, sich zu wehren. Dass die Mutter schwer krank und behindert ist, hat das Gericht nicht als Härtefall akzeptiert.

Die Gemeinde habe sich sehr bemüht, konnte aber keine Wohnung vermitteln, erzählt die Tochter. Was blieb, war die Obdachlosenunterkunft. Die Situation ist extrem belastend. „Wir suchen dringend drei oder vier Zimmer, rollstuhlgerecht“, sagt die 23-Jährige. Die Familie hofft, dass es Menschen, gibt, die bereit sind, ihnen eine Wohnung zu geben – und eine neue Perspektive.

Kontakt zur Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband München, unter Tel. 089/402 87 97 18 oder 0170/474 31 05.

Isabell Wäß ist Kinderkrankenschwester und Pflegepädagogin in München, ihr Mann ist bald fertig ausgebildeter Krankenpfleger. Sie wollen mit ihren Kindern in eine größere Wohnung ziehen. Keine Chance mit dem Gehalt. Darum machen sie etwas Ungewöhnliches.

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