+

Wohnwagen-Dorf für Obdachlose in Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Am Rande der Gesellschaft

  • schließen

Höhenkirchen-Siegertsbrunn - Im Wohnwagendorf  leben obdachlose Menschen am Rand der Gesellschaft. Viele schaffen kaum den Sprung in ein menschenwürdiges Wohnen. Ein Besuch vor Ort.

Eine Ära geht zu Ende, die Ära des Karl Olkowski, den die Bauhofleute hier im Trailerpark in Höhenkirchen-Siegertsbrunn nur den „Junkie“ nennen. Olkowski, der eigentlich anders heißt, hat es nämlich geschafft. Der 40-Jährige verlässt zum Monatsende seinen Container und zieht in eine eigene Wohnung. Dann ist seine eineinhalbjährige Zeit vorbei in der Obdachlosenunterkunft, die die Gemeinde vor eineinhalb Jahren für 30 000 Euro gebaut hat auf dieses Fleckchen Erde am Ortsrand zwischen Bauhof und Burschenhütte. „Wobei, eine Unterkunft im klassischen Sinn ist das hier nicht“, sagt Olkowski, hebt den Zeigefinger und zieht die Tür hinter sich zu. „Das hier ist was anderes.“

Mittwochvormittag, Trailerpark, Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Die Vorhänge der meisten Wohnwagen und Wohncontainer sind zugezogen, die Türen verschlossen. Zwei bunte Plastikschüsseln liegen im Sandkasten. Davor steht schief eine Kinderrutsche. Ein Mitarbeiter des Bauhofes, der den Hausmeister vertritt, sieht nach dem Rechten. Er klopft an einen Container. Keine Reaktion.

Der Trailerpark ist ein Ort, an dem man gescheiterte Integration beobachten kann. Und das gilt nicht nur für Migranten, sondern für alle Menschen, die in dieser Gesellschaft keinen Platz finden. Von den rund zehn Obdachlosen, die hier derzeit leben, sind an diesem Vormittag nur drei Zuhause. Einer davon ist Olkowski. Der zweite ist wie die meisten Bewohner ein Flüchtling, der von der Asyl- in die Obdachlosenunterkunft ziehen musste, weil er anerkannt wurde. In der öffentlichen Diskussion spricht man von einem „Fehlbeleger“, wenn ein Flüchtling mit Aufenthaltserlaubnis in der Asylunterkunft bleiben muss, weil er keine Wohnung findet. Für die Flüchtlinge, die im Trailerpark leben, gibt es dagegen keinen Fachbegriff. Sie sind obdachlos und weit weg von Zuhause, angekommen am Rande der Gesellschaft.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist so etwas wie die Vorreiter-Gemeinde, wenn es um die Unterbringung von obdachlosen Flüchtlingen geht. Schließlich beherbergt die Kommune seit rund zwölf Jahren Asylsuchende. Am Anfang waren es Russland-Deutsche. Jetzt sind Menschen aus Bürgerkriegsländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan.

Laut Bürgermeisterin Ursula Mayer (CSU) hat die Gemeinde in den vergangenen Jahren rund 30 anerkannte Flüchtlinge in den Wohnwagen untergebracht, oder wie Mayer sagt: „Wir haben sie durchgeschleust.“ Manchmal waren Familien mit kleinen Kindern dabei. Schließlich dürfen anerkannte Flüchtlinge ihre Angehörigen nach Deutschland holen. Mayer sagt: „Da hat man dann plötzlich nicht nur einen Obdachlosen, sondern gleich fünf.“

Für Familien hat die Gemeinde daher extra geräumigere Container aufstellen lassen. Anders als die Wohnwagen verfügen die Container über ein eigenes Badezimmer mit Dusche und Waschbecken. Alle anderen Bewohner duschen in Gemeinschaftsbädern. Die Wasch- und Toilettencontainer stehen direkt am Eingang des Parkes.

Dort befindet sich auch das Büro der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Die Gemeinde hat neben einem Putzdienst eine AWO-Mitarbeiterin angestellt, damit sie den Menschen hier eine Wohnung und Arbeit vermittelt. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Beim Job scheitert es oft an den Sprachkenntnissen, bei der Wohnung am Geld. Der Mietzuschuss, den anerkannte Flüchtlinge ohne geregeltes Einkommen erhalten, reicht freilich nicht aus, um sich in der Metropolregion München eine Wohnung zu leisten. Doch auch Vorurteile spielen eine Rolle. Mayer sagt: „Ich kenne Mieter, die würden ihre Wohnung nicht an Afrikaner vermieten.“

Im Gemeinschaftsraum, der ausgestattet ist mit einer Kochnische, einem Tisch samt Stühlen und einem Fernseher, kocht ein Mann gerade sein Mittagessen. Es gibt Eintopf. Er möchte nicht reden, sagt er auf Englisch. Er habe keine Zeit. Dann hebt er den Topf von der Kochplatte und sieht fern.

Wenig später betritt Amada den Raum. In einer Hand hält die 38-Jährige einen Porzellanteller, auf dem eine Kaffetasse steht. Da ihre Hand zittert, klirrt das Geschirr. Amada ist so etwas wie ein Sondersonderfall im Trailerpark. Sie ist vor sechs Monaten aus Spanien nach Deutschland gekommen. Die gelernte Gärtnerin erzählt in schlechtem Englisch, sie habe gehört, dass man in Deutschland leicht einen Job finde.

Doch ein festes Einkommen oder eine Wohnung hat sie immer noch nicht, dafür aber einen nigerianischen Freund, der als anerkannter Flüchtling im Trailerpark wohnt. Das Paar lebt nun gemeinsam in einem der Wohnwagen. Gemeldet ist Amada freilich nicht. Hausherrin und Bürgermeisterin Ursula Mayer weiß: „Eigentlich müsste ich sie rausschmeißen.“ Aber sie tut es natürlich nicht. Amada geht schließlich bald von alleine. Für sie ist das hier kein Leben, sagt sie. Daher möchte sie Höhenkirchen-Siegertsbrunn bald verlassen und zurückkehren in die Heimat.

Eine neue Heimat wird auch Olkowski bald haben. Zum 1. Februar zieht er in eine Münchner Sozialwohnung. Lange genug musste er darauf warten. Er war einer der ersten Bewohner im Trailerpark. Zuerst lebte er in einem der Wohnwagen. Doch inzwischen haust er in einem der Container. Seine Tagesbeschäftigung: „Zur Tanke gehen und Bier holen.“

Die Luft im Container ist dick, und es riecht nach Zigarettenrauch. Olkowski hat die Heizung aufgedreht. Doch von sozialer Wärme spürt man nichts auf diesen rund zehn Quadratmetern. Olkowski ist vor rund drei Jahren obdachlos geworden, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er habe Drogen verkauft, erzählt er. Als er aus dem Knast kam, hatte er alles verloren: seinen Job, die Wohnung sowie seine Familie. Die Frau reichte die Scheidung ein. Olkowski war mehrmals in Therapie wegen des Alkohols. Doch immer wieder brach er ab und wurde rückfällig.

Schließlich zog er in die Obdachlosenunterkunft. Hier gebe es manchmal Zoff, sagt er. Eine Folge, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen aufeinandertreffen. Auch er habe schon Streit mit einem anderen Bewohner gehabt. „Dabei könnte man auf dem Gelände im Sommer super Grillpartys feiern.“

Olkowski hat vier Kinder. Inwischen sind sie im jugendlichen Alter. Einmal haben sei ihn besucht in seinem Container. Aber sie waren nur kurz da. „Was soll man denn hier schon machen?“, sagte er. Olkowski möchte nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Wenn man ihn fragt, welcher Name ihm gefällt, sagt er: „Schreiben Sie einfach ’Ein Familienvater’.“

Thomas Radlmaier

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Radlfahrer fährt gegen Betonbrocken und verletzt sich
Weil Unbekannte Betonbrocken auf den Weg legten, hat sich ein Radlfahrer in Kirchheim verletzt.
Radlfahrer fährt gegen Betonbrocken und verletzt sich
Unbekannter bedroht Mädchen mit Messer
Auf dem Nachhauseweg von der Disco sind am frühen Sonntagmorgen gegen 3.05 Uhr zwei 16 und 17 Jahre alte Mädchen bedroht und bestohlen worden.
Unbekannter bedroht Mädchen mit Messer
Nach dem Zuckerfest ist vor dem Quali
Das Wohnhaus für minderjährige Geflüchtete in der Laufzorner Straße in Grünwald hat sich vor mehr als zwei Monaten mit Bewohnern gefüllt. Zeit für eine erste Bilanz.
Nach dem Zuckerfest ist vor dem Quali
Höhere Kita-Gebühren
Die Eltern in Höhenkirchen-Siegertsbrunn müssen sich ab September auf deutlich höhere Kindergartengebühren einstellen.
Höhere Kita-Gebühren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion