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Dutzende seiner abenteuerlichen Reiseerzählungen wurden verfilmt und vertont, die Romane weltweit millionenfach verkauft und gelesen: Karl May ist einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache.

Vor 175 Jahren wurde Karl May geboren 

Der Zauber von Winnetou verfliegt

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Dutzende seiner abenteuerlichen Reiseerzählungen wurden verfilmt und vertont, die Romane weltweit millionenfach verkauft und gelesen: Karl May ist einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache. Doch seine Romane werden heute immer weniger gelesen.

Landkreis –Heute vor 175 Jahren wurde der Schöpfer von Winnetou, Old Shatterhand und Hadschi HalefOmar im sächsischen Ernstthal geboren. Solche Jubiläumstage nehmen Büchereien und Volkshochschulen gerne zum Anlass für Ausstellungen und Kurse. Doch Veranstaltungen zum 175. Geburtstag des Schriftstellers finden sich – zumindest im Landkreis – vergebens. Ein Indiz, dass der Zauber seiner Werke mittlerweile verflogen ist?

„Die Faszination ist dahin. Der Hype ist vorbei“, ist sich Ingrid Dierolf sicher. Die langjährige Mitarbeiterin der Gemeindebücherei Haar erzählt, dass die Abenteuerromane in ihrer Einrichtung nur noch äußerst selten nachgefragt würden. „Und wenn, dann von Lesern, die vielleicht vor 50 Jahren Jugendliche waren.“

Gerade mal sechs Bücher im Bestand

Etwa 35 Medien von Karl May gebe es noch im Fundus der Gemeindebücherei, darunter aber auch E-Books und DVDs. Die Bücher stünden mittlerweile nicht mehr in den frei zugänglichen Regalen, so Dierolf: „Wer so ein Buch lesen will, muss bei uns nachfragen. Das holen wir dann aus dem Magazin.“ Die populären Verfilmungen aus den 1960er-Jahren mit Pierre Brice als edler Apatschenhäuptling und Lex Barker als sein Blutsbruder Old Shatterhand würden aber selbst von jüngeren Eltern noch ausgeliehen. Weil sie nicht so brutal und schnell geschnitten seien, glaubten die Eltern wohl, dass sie für ihre Kinder besser geeignet wären als die Filme, die heute im Kino gezeigt werden.

Gerade einmal sechs Bücher hat Ute Raab, die Leiterin der Gemeindebibliothek Ottobrunn, noch in ihrem Bestand. Karl May werde einfach relativ selten gelesen, sagt sie. „Die Geschichten aus dem Wilden Westen noch eher, der Orientzyklus überhaupt nicht mehr.“ Die 60-Jährige hat einige der Erzählungen in ihrer Jugend gelesen. „Ich fand sie nicht nur aufgrund der veralteten Sprache schwierig zu lesen“, erinnert sie sich. Dass die Jugendlichen heutzutage für sein Werk nicht mehr zu begeistern sind, ist für sie in Zeiten von Bestsellern wie der Harry-Potter-Reihe kein Wunder: „Western sind für die Jugend kein Thema mehr. Sie bevorzugen Fantasiewelten.“

Keines der Bücher vorrätig

Auch in Buchläden spielt das Werk von Karl May eigentlich keine Rolle mehr. „Seine Bücher gehen nur noch ab und zu über den Ladentisch“, erzählt Maria Greindl, Inhaberin der Buchhandlung Greindl in Unterschleißheim. Sie hat keine der Erzählungen mehr bei sich im Laden, muss sie bei Nachfrage bestellen. „Wenn, dann kauft sie ein Opa, der früher Karl May gelesen hat, für seinen Enkel.“ Diese Erfahrung hat auch Christine Helming von der Buchhandlung „Helming und Heuser“ in Unterhaching gemacht. Und sie hat auch eine Erklärung dafür: „Karl Mays Erzählungen haben mit der Welt, in der wir leben, nichts mehr zu tun.“ Zudem handele es sich bei seinem Werk um reine Literatur für Jungen. „Und die lesen leider fast überhaupt nichts mehr.“

Karl-May-Fan: Jochen Rotzsche lebte viele Jahre in Radebeul. Dort ist der Autor begraben.

Diesen Umstand bedauert auch der Unterhachinger Autor und Literaturexperte Uwe Gardein. Der 72-Jährige hat als Jugendlicher die Bücher von Karl May verschlungen. „Seine Erzählungen waren die Basis für unsere Fantasie und unsere Gespräche. Er hat uns ein völlig neues Feld geöffnet.“ Nach Ansicht Gardeins wird das Werk Karl Mays verkannt. Wie spannend und teils doch humorvoll er seine Geschichten erzählt habe, wie detailreich er über fremde Landschaften und Kulturen geschrieben habe, das müsse ihm erst einer nachmachen. Und auch wenn Karl May die Länder, über die er schrieb, erst im Nachhinein bereist hat: Das Wissen, das er in seinen Erzählungen transportiert habe, sei in der Schule sehr nützlich gewesen, erinnert sich Gardein. Besonders das Solidarische in den Geschichten hat den Unterhachinger nachhaltig beeindruckt: „In seinen Erzählungen waren die Menschen gleich, egal welcher Kultur sie entstammten und welche Hautfarbe sie hatten.“ So ein Weltbild sei in den 1950er-Jahren, als er Karl May las, in Deutschland nicht selbstverständlich gewesen.

In Jochen Rotzsches Küche stehen 40 Bände

Auch in der ehemaligen DDR sei das Werk Karl Mays nicht gern gesehen gewesen, erzählt Jochen Rotzsche. „Wir haben uns die Bücher unter der Hand besorgt.“ Der 76-Jährige hat eine besondere Beziehung zum Schriftsteller. Rotzsche verbrachte seine Jugend in Radebeul. Dort lebte Karl May bis zu seinem Tod am 30. März 1912, dort wurde er bestattet, dort locken die Karl-May-Festtage jedes Jahr rund 30 000 Besucher in die Stadt. Auch das Karl-May-Museum ist dort beheimatet. Es sei damals in der DDR nicht geschlossen worden, aber hätte bei Weitem nicht so den Zulauf gehabt, wie heute, erinnert sich Rotzsche.

Auf einem großen Schrank in seiner Küche stehen rund 40 Bände von Karl May, die er im Lauf der Jahre gesammelt hat. Reingeschaut hat er schon lange nicht mehr. Hergeben möchte er sie aber auch nicht. Sie sind für den Höhenkirchner eine Erinnerung an seine alte Heimat. „Schließlich spielen viele seiner Erzählungen im Erzgebirge.“ So wird zumindest im Hause Rotzsche das Andenken Karl Mays weiter hochgehalten.

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