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Besser als das Grammophon eignen sich zum Plattenauflegen zwei große Plattenspieler neueren Modells. Bernd Lhotzky muss sehr vorsichtig sein.

Vor hundert Jahren

Schellack – eine Liebe fürs Leben

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Es war genau vor 100 Jahren: Die „Original Excentric Band“ aus Berlin brachte am 15. Januar 1920 ihren „Tiger Rag“ heraus. Es war die erste deutsche Jazz-Schallplatte, und auf der Plattenhülle tauchte auch das erste Mal der Name Jazz auf. Ein guter Grund, bei Jazzliebhabern nachzufragen, welchen Bezug sie zu alten LPs haben. Eine besondere Liebe verbindet Bernd Lhotzky mit den alten Tonträgern.

Landkreis – Es war genau vor 100 Jahren: Die „Original Excentric Band“ aus Berlin brachte am 15. Januar 1920 ihren „Tiger Rag“ heraus. Es war die erste deutsche Jazz-Schallplatte, und auf der Plattenhülle tauchte auch das erste Mal der Name Jazz auf. Ein guter Grund, bei Jazzliebhabern nachzufragen, welchen Bezug sie zu alten LPs haben. Eine besondere Liebe verbindet Bernd Lhotzky mit den alten Tonträgern.

Im Besitz von Jazzpiano-Spieler Bernd Lhotzky (49) befindet sich ein besonders schönes Grammophon mit einem Trichter, auf den Singvögel gemalt sind. Es ist dekorativ, funktioniert aber nicht zum Abspielen der Musik. Das erledigen zwei weitere guten Plattenspieler im Haus. Der Musiker, der in Oberhaching aufgewachsen ist und seit einiger Zeit in Riemerling wohnt, ist nicht nur von der Muse geküsst. Er ist auch mit einer enormen Schallplattensammlung gesegnet. „Ich habe einige 100 Schallplatten zuhause, und vor nicht allzu langer Zeit wurde mir eine weitaus größere Sammlung von meinem Onkel vererbt, die noch in seinem Haus in Paris steht.“ Es finden sich in dieser Sammlung Raritäten, die nie wieder aufgelegt wurden, erzählt Lhotzky. Der innig geliebte Onkel Claude, Melomane und aktives Mitglied des Hot Club de France, hat den jungen Bernd an den Jazz herangeführt: „Er konnte damals sicher nicht absehen, dass das einmal mein Beruf werden sollte.“

Onkel hinterlässt riesige Sammlung

Onkel Claude hat seinem Neffen eine tonnenschwere, Wände füllende Sammlung hinterlassen, die dem Erben einiges Kopfzerbrechen bereitet. Denn er weiß nicht, wie er sie nach München transportieren soll, ohne ein Vermögen zu bezahlen. Außerdem hat er noch keine Idee, wie er sie vor seiner lieben Frau verstecken könnte. Die enthaltene Musik würde heute sicher auf eine handliche Festplatte passen, aber das ist nicht dasselbe. Lhotzky: „Diesen Platten haftet ein besonderer Zauber an.“ Dazu gehören die Cover-Fotografien nebst künstlerischen, den Zeitgeist spiegelnden Grafiken, das Knistern und Knacksen, die handschriftlichen Vermerke des Onkels, Signaturen von Jazz-Größen und die genauen Besetzungsangaben. Diese werden „von den Streaming-Anbietern dieser Tage herzlos unterschlagen“. Zum Vergleich: Um die Mona Lisa zu sehen, so Lhotzky, müsse man in den Louvre gehen. Auf dem Computerbildschirm sei das Erlebnis nicht das Gleiche: „Da helfen fünf Milliarden Pixel nichts.“

Kein Kult um Hifi

Der 49-Jährige betreibt keinen Hifi-Kult, hat aber zwei gute alte Plattenspieler, die sich in tadellosem Zustand befinden. Besonders mag er seinen schweren Dual, mit dem man nicht nur 33er und 45er, sondern 78er, also Schellack-Platten, abspielen kann. Das Klangerlebnis das man beim Abspielen einer gut erhaltenen Schellackplatte hat, ist für ihn unvergleichlich: „Der Physiker wird dieses subjektive Empfinden widerlegen, wird schlüssig beweisen, dass besonders tiefe und hohe Frequenzen nicht adäquat wiedergegeben oder abgeschnitten werden.“

Zeitreise mit Tonträgern

Mag alles sein. Trotzdem versetzt ihn der Tonträger in die Lage, eine Zeitreise zu unternehmen, wenn er eine Schellack-Platte von Bix Beiderbecke, oder seinem Helden Willie „The Lion“ Smith auflegt. Die mechanische, unmittelbare Übertragung mache diesen Zauber möglich. „Es ist fast wie eine persönliche Begegnung mit längst verstorbenen Musikern.“

An dieser Stelle sei erwähnt, dass Lhotzky mit seinem Quartett „Echoes Of Swing“ im vergangenen Jahr anlässlich des 20-jährigen Bestehens eine Langspielplatte herausgegeben haben. „Die Klangqualität ist von einer CD kaum zu unterscheiden. Das Auflegen macht aber deutlich mehr Spaß.“

Buchtipp

Bernd Lhotzky empfiehlt zum Thema von Rachel Joyce: „Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“. Da werde das Thema LP liebevoll behandelt. Mister Frank hat eine besondere Gabe: Er spürt, welche Musik die Menschen brauchen, um glücklich zu werden.

Lesen Sie auch: 50 Jahre Trikont-Plattenlabel: „Wir befreien uns selbst“

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