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Ein Optimist: Jimmy Schulz ist schon so manches Mal hingefallen und wieder aufgestanden. Aufgeben gibt’s für ihn nicht.

Im Porträt:Bundestagskandidat Jimmy Schulz (FDP)

Stehauf-Mann mit liberalem Geist

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Jimmy Schulz war für die FDP im Bundestag und will wieder rein. Die „kollektive Nahtod-Erfahrung“ der Liberalen 2013 hat er verdaut.  Ein Stehauf-Mann.

Riemerling– Der 22. September 2013 war ein rabenschwarzer Tag für die FDP. Sie flog aus dem Bundestag, mit dem schlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte. Nicht nur „das kollektive Selbstbewusstsein war angeknackst“, sagt Jimmy Schulz (48), FDP-Direktkandidat im Landkreis München für die Bundestagswahl. Auch sein eigenes Selbstbewusstsein litt. Obwohl der Bundestagsabgeordnete damals mit 8,5 Prozent und über 16 000 Zweitstimmen das beste Ergebnis der Liberalen in ganz Deutschland lieferte. Dem eigenen Ego hilft’s. Das Gefühl, „nicht alles falsch gemacht zu haben“.

Doch sein liberaler Geist litt. Besonders schmerzhaft: Das Wissen, „selbst an der Katastrophe Schuld zu sein. Wir sind zu recht rausgeflogen, wir haben es verbockt“, sagt er und schaut in den Garten seines Reihenhauses, in dem er mit seiner Ehefrau und den drei Kindern lebt. 300 Meter vom Sitz seiner Firma und vom Wahlbüro entfernt. Manchmal arbeitet er auch von daheim. Dort stehen gerade Pfannkuchen auf dem Tisch. Essenszeit.

„Ich hätte lauter Nein sagen müssen“

Schulz schlägt, angesprochen auf die Misere der FDP vor vier Jahren, ehrliche Töne an, auch selbstkritische. „Ich hätte das eine oder andere Mal lauter Nein schreien müssen.“ Bei internen FDP-Entscheidungen sowie die Partei insgesamt gegenüber dem schwarzen Koalitionspartner. Das Ergebnis: eine Wahl, die zur „kollektiven Nahtod-Erfahrung“ für die FDP wurde.

Zweifel hatte Schulz danach einige, aber nie am Liberalismus. „Ich bin ein unheimlich liberaler Mensch“, sagt er aus tiefster Überzeugung. Darum hat es ihn so gewurmt, als die rot-grüne Regierung 1998 die Telekommunikationsüberwachungs-Verordnung einführen wollte. „Ich fühlte mich in meiner Freiheit als Unternehmer politisch eingeschränkt.“ Er wollte sich wehren, besuchte fortan politische Stammtische jeder Partei in und um Hohenbrunn, ließ sich ihre Programme schicken – und trat 2000 in die FDP ein.

Ost-West-Familie prägt

Auch geschuldet seiner Kindheit in einer „geteilten Familie“. Seine Mutter floh 1961 aus der DDR, jahrelang besuchte Schulz Verwandte „hinter Stacheldraht“ in Sachsen. Prägende Erlebnisse, die aus ihm einen Kämpfer für Freiheit und Bürgerrechte werden ließen. Aber erst nach der Wiedervereinigung. Für ein geeintes Deutschland trat er 1989 – im Jahr als seine Mutter starb – den Republikanern bei. Für etwa ein Jahr und mit „dem einzigen politischen Ziel“, Deutschland zu einen. Als das schon 1990 gelang, „trat ich sofort aus der Partei aus“. Aus dem National-Liberalen wurde ein Liberaler.

Doch Entscheidungen aus dem Bauch heraus sind nicht unbedingt das Ding des analytisch denkenden IT-Unternehmers, der seine Diplomarbeit über die „Kryptographie im Internet – eine politische und politikwissenschaftliche Herausforderung in der Informationsgesellschaft“ geschrieben hat. Schulz setzt gern auf Fakten, wollte seine Wahl für die FDP „auch wissenschaftlich begründen“. Er stellte eine Matrix auf und entschied sich für die Partei, die die meisten seiner Überzeugungen teilte.

Gute Chancen auf Platz vier

Denn Zahlen lügen nicht. In seinen 17 Jahren FDP hat er es weit gebracht: Gemeinderat, Kreisrat, Chef der FDP Oberbayern, Mitglied im Bundesvorstand, Bundestagsabgeordneter (2009 bis 2013), Mitglied diverser Ausschüsse und auf Platz vier der Bayern-Liste für die Wahl 2017.

Sein politisches Profil ist scharf gezeichnet, seine Themen sind klar gesetzt: Netz- und Digital-Politik – pro Datenschutz und gegen Vorratsdatenspeicherung, für den Ausbau der Infrastruktur durch Glasfaserkabel –, die Stärkung der Gründerszene, Bürgerrechte und -beteiligung. Das waren, sind und bleiben die Themen von Jimmy Schulz. Und sie fallen im Landkreis München auf „fruchtbaren Boden“. Das weiß der Familienvater, der in Ottobrunn mit politischen Eltern aufwuchs, die für die Tagesschau das Abendessen unterbrachen und die Zeitung als Pflichtlektüre am Frühstückstisch etablierten. Prosperierende Wirtschaft, eine boomende Gründerszene, kaum Arbeitslosigkeit, großer Reichtum, viele junge Familien. „Es ist ein Privileg, hier aufzuwachsen“, sagt Schulz.

Ein Kind des Landkreises

Er kennt die Region von klein auf, auch ihre Probleme. Verkehrschaos, Wohnraum-Knappheit. Für ihn ist eine der zentralen Fragen: „Wie gehen wir mit dem Zuzug um?“ Seine Antwort: tangentialen Verkehr stärken „und die Bürger fragen, ob ihre Gemeinden wachsen sollen“. Bürgerbeteiligung – sein Thema und eine liberale Antwort.

Doch Schulz ist kein unnahbarer Politikprofi, der mit weich gespülten Diplomatie-Phrasen antwortet. Er lacht gern, erzählt offen, mag klare Sprache und deutliche Standpunkte. Er wünscht sich, dass sich mehr Selbstständige was trauen. Elf Firmen hat er bislang gegründet. „Manche liefen gut, manche gar nicht.“ 

Hinfallen, schütteln, aufstehen

Gelernt hat er viel, aufgegeben nie. Wie in der FDP. Hingefallen, geschüttelt, wieder aufgestanden. Nun ein neuer Versuch. Die Chancen stehen gut, Schulz sieht die FDP aber eher in der Opposition denn als Regierungspartner der CDU/CSU. Doch erstmal stehen noch dreieinhalb Wochen Wahlkampf an. Die Sommerferien fallen für ihn heuer aus, seine Familie fährt ohne ihn in den Urlaub.

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