Anita Rucevic
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Anita Rucevic arbeitet seit acht Jahren als Pflegekraft im Lore Malsch Haus in Hohenbrunn

Interview

„Die Pflege ist seit Jahren am Limit“ : Altenpflegerin erzählt, wie sie das Jahr erlebt hat

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Seit acht Jahren arbeitet Anita Rucevic als Pflegefachkraft im Evangelischen Pflegezentrum Lore Malsch in Riemerling. Die 30-jährige Stationsleiterin ist schon einiges gewohnt und trotzdem, so erzählt sie, sei dieses Jahr das mit Abstand schwierigste in ihrem bisherigen Berufsleben gewesen.

Frau Rucevic, wie geht es Ihnen?

Nun ja, im Moment ist alles noch schwieriger als sonst. Wir müssen uns jetzt auch noch um die Schnelltests von Besuchern kümmern. Die Bewohner sind verunsichert und haben Angst, die Angehörigen haben Angst und viele Kollegen natürlich auch. Ein paar sind auch schon älter und gehören selbst zur Risikogruppe. Zum Glück hatten wir noch keinen Corona-Fall im Haus. Das ist das Positivste bisher in diesem Jahr. Es ist eine anstrengende Zeit.

Wie läuft es derzeit mit Besuchern?

Angehörige müssen vorab einen Termin ausmachen. Von viertel vor eins bis 16 Uhr ist Besuchszeit. Bevor sie ins Haus kommen, werden sie von uns getestet. Vorab wurden viele von uns geschult, wie wir die Corona-Schnelltests korrekt durchführen.

Was auch wieder Zeit kostet...

Ja. Das ist zusätzliche Arbeit. Wir wechseln uns dabei ab. Am Wochenende müssen wir uns da noch mehr absprechen, weil da regulär weniger Kollegen im Dienst sind. Es muss halt immer jemand aus der Pflege raus, um die Schnelltests zu machen.

Werden auch die Mitarbeiter regelmäßig getestet?

Natürlich. Zwei Mal die Woche. Außerdem wird generell jeder getestet, der aus dem Urlaub zurückkommt. Wir müssen alle Risiken möglichst reduzieren .

Was waren die größten Herausforderungen in diesem Jahr?

Das war im März, als wir das Haus plötzlich komplett für Besucher schließen mussten. Für die Bewohner war das eín Schock, dass sie von heute auf morgen ihre Angehörigen nicht mehr sehen durften. Aber auch für uns. Plötzlich mussten wir die Menschen noch viel intensiver betreuen, uns noch mehr kümmern. Vor allem die Bewohner mit einer Demenzerkrankung waren stark verunsichert und reagierten zum Teil auch aggressiv, weil sie nicht verstanden haben, was los ist. Zudem mussten wir die Angehörigen beruhigen und sie am Laufenden halten. Wir mussten auch viele Dinge am Eingang abholen, die dort für die Bewohner abgegeben wurden. Aber auch Medikamente, die von den Apotheken geliefert wurden. Hätte ich einen Kilometerzähler getragen – da wäre einiges zusammen gekommen (lacht).

Klingt nach einer enormen Belastung.

Es waren die drei schlimmsten Monate, die ich erlebt habe, seit ich in diesem Beruf arbeite. Für mich und viele weitere Kollegen, die ihre Familien im Ausland haben, war der Lockdown auch aus persönlicher Sicht schwierig. Ich konnte meine Eltern in Kroatien nicht besuchen. Das hat mich sehr belastet.

Sie haben sich im Haus einiges einfallen lassen, um Kontakte zwischen Bewohnern und ihren Angehörigen zu ermöglichen.

Ja, wir haben relativ früh unseren Begegnungsraum eingerichtet, wo Bewohner und Angehörige sich durch eine Plexiglasscheibe sehen und miteinander reden konnten. Außerdem haben unsere sozialen Betreuer Videos von den Bewohnern an die Angehörigen verschickt oder haben ihnen Videos von ihren Angehörigen vorgespielt. Soweit es ging, konnten sie sich auch über Video unterhalten. Das war eine große Hilfe für alle. Und hat dazu beigetragen, dass die Bewohner nicht in ein psychisches Loch gefallen sind.

Hatten alle Angehörigen Verständnis für die Einschränkungen?

Die meisten, aber nicht alle. Wir haben dann immer gesagt, dass nicht wir uns das ausgedacht haben. Und dass es eben notwendig ist zum Schutz der Bewohner. Wir als Mitarbeiter müssen uns ja auch einschränken. Das Privatleben herunterfahren und die persönlichen Kontakte reduzieren, um die Bewohner zu schützen. Wir haben da eine sehr große Verantwortung.

Gibt es durch die Corona-Krise mehr Wertschätzung für die Arbeit von Pflegekräften?

Wir habeneine Bonuszahlung bekommen. Das ist natürlich schön. Aber danach hat eigentlich keiner mehr über die Pflege gesprochen. Die Pflege ist schon seit Jahren am Limit und die Arbeitsbelastung sehr hoch. Und durch Corona ist es nochmal mehr geworden. Aber es sieht nicht so aus, als würde sich etwas ändern.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre Arbeit?

Ich bin grundsätzlich ein recht positiver Mensch. Und nach der Arbeit mag ich sowieso erst mal meine Ruhe und nicht so viel reden. Ich bekomme Kraft von meiner Familie, mit der ich viel telefoniere und über Whatsapp schreibe. Außerdem schöpfe ich viel Kraft aus meiner Beziehung. Und grundsätzlich bin ich froh, dass ich arbeiten gehen kann und nicht monatelang in meiner Wohnung sitzen muss.

Wie wurde heuer im Haus Weihnachten gefeiert?

Gar nicht. Natürlich haben wir einen Weihnachtsbaum, viel Weihnachtsdekoration. Aber man hatte heuer nicht dieses Weihnachtsgefühl, weil man wusste, man kann einfach nicht all diejenigen sehen, die man gerne gesehen hätte. Und dabei hatten viele solange gehofft, dass es Weihnachten besser werden könnte. Das belastet.

Was muss man noch mitbringen für diesen Beruf?

Man muss gut auf sich achten, viel Kraft haben und psychisch stabil sein. Und man muss natürlich Menschen mögen.

Was wünschen Sie sich fürs nächste Jahr?

Normalität und mehr Wertschätzung für die Pflege.

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