Einblick in Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge

"Es darf auch geweint werden"

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Hohenbrunn - Sie werden betreut, versorgt und vorbereitet auf ein Leben in Deutschland: die minderjährigen Flüchtlinge im "Haus am Wald". Doch die Eltern kann ihnen niemand ersetzen.

Eine völlig neue Verwendung findet seit längerer Zeit ein Teil des Seniorenwohn- und Pflegezentrums in Riemerling. Das weitläufig als „Haus im Wald“ bekannte Gebäude ist Zufluchtsstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Immer mehr Stockwerke wurden für sie umfunktioniert. Mittlerweile wird das Haus komplett als Unterkunft genutzt. Nur ein kleines Schild am Eingang verrät, dass es sich um eine sozialpädagogische Einrichtung der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen handelt. 

Wer das Gebäude betritt, hört einen Stimmengewirr verschiedener Sprachen. Die Heranwachsenden, die unter einem Dach leben, stammen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Somalia, Ägypten, Mali, Ghana, von der Elfenbeinküste und aus dem Iran. Insgesamt 72 Jugendliche. Eine Wohngruppe leitet Anja Gschwender, die zweite Daniela Haag. 

Die 34-Jährige betont, dass die Sprache natürlich ein wichtiger Faktor sei. Die Betreuer achten darauf, mit den Jugendlichen soweit wie möglich Deutsch zu sprechen: „Nur im Notfall behelfen wir uns mit Englisch.“ Mit dem bayerischen Dialekt werden die jungen Bewohner ebenfalls konfrontiert. „Bayerisch ist schon sehr anspruchsvoll für unsere Buben“, sagt Andrea Pollner, die seit der Eröffnung der Unterkunft im November 2014 dort mitwirkt. Um sie an den Dialekt zu gewöhnen, steht die BR-Sendung „Habe die Ehre“ und der „Komödienstadel“ auf dem TV-Programm. 

Kulturunterschiede gebe es, allein schon wegen der vielen Nationalitäten, betont Pollner. Auch Meinungsverschiedenheiten gehören zum Zusammenleben. Aber sonst seien ihre Schützlinge ganz normale Jugendliche: „Ich habe selbst erwachsene Kinder, die haben sich in dem Alter auch nicht anders gegeben“, betont die 53-Jährige. 

Rund um die Uhr ist Personal im Haus. Der Betreuungsschlüssel liegt bei 5,4 pro Wohngruppe. „Wir haben Frauen und Männer mit unterschiedlicher Ausbildung und verschiedenem Alter bei uns“, erklärt Haag. Auch Hauswirtschafter. 

Doch Kochen in der Gruppe gehört genauso zum Alltag wie die Selbstversorgung am Wochenende. „Manchmal kommen da schon die wildesten Mahlzeiten zusammen“, verrät Pollner schmunzelnd. „Das Essen schaut zwar für uns seltsam aus, schmeckt aber gut.“ 

Einfach ist das neue Leben in Deutschland nicht für die Minderjährigen. „Unsere Jugendlichen spüren das Misstrauen und die Ängste der Deutschen“, sagt Pollner. Aber sie haben auch Antworten parat. Einem Bewohner gefällt ein deutsches Mädchen in der Schule. Er sagte ihr: „Ich bin zwar schwarz, aber nicht gefährlich.“ Die Schule sei der Hauptkontakt zu anderen. 

Darüber hinaus sind sie in den Sportvereinen aktiv. Gemeinsame Aktionen bringen Schwung in den Alltag. „Wir machen alles, was man für deutsche Kinder auch tun würde“, sagt Haag. Doch vergessen sind Heimat und Flucht nicht. „Die Schicksale sind immer Gesprächsthema“, erzählt Haag. „Es darf auch geweint werden.“ Pollner berichtet von einem Jugendlichen, dessen Mutter bei der gemeinsamen Flucht im Mittelmeer ertrunken ist. Er konnte mittlerweile in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Bei anderen steht die Suche eines Ausbildungsplatzes an. Einmal war sogar eine Familienzusammenführung möglich. Natürlich darf auch der Kontakt zu den Angehörigen nicht fehlen. Denn ersetzen kann Vater und Mutter niemand.

Wolfgang Rotzsche

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