1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Hohenbrunn

Neue Gedenk-Homepage: „Trauernde brauchen zeitgemäße Angebote“

Erstellt:

Von: Wolfgang Rotzsche

Kommentare

Am Totensonntag, der heuer auf den 21. November fällt, gedenken die Protestanten den Verstorbenen.
Am Totensonntag, der heuer auf den 21. November fällt, gedenken die Protestanten den Verstorbenen. © Marc Schreib

Wer an einen Verstorbenen erinnern will, kann das mittlerweile auch auf einer speziellen Website im Internet. Wir haben uns mit dem verantwortlichen Pfarrer darüber unterhalten.

Riemerling – Was den Katholiken Allerseelen, ist den Protestanten der Ewigkeitssonntag oder Totensonntag. Der Sonntag vor dem Ersten Advent ist dem Andenken an Verstorbene gewidmet. Das heißt auch, sich der Toten zu erinnern. Medial ist das seit heuer auf der Internetseite „gedenkenswert.de“ möglich. Diese Webseite verantwortet Pfarrer Rainer Liepold. Er ist Seelsorger im Lore-Malsch-Haus in Riemerling und tätig im Evangelischen Presseverband für Bayern, dem Medienhaus der Evangelischen Kirche in Bayern. Im Interview spricht Liepold über den Bedarf eines „Online-Friedhofs“ und die Resonanz der Trauernden.

Herr Pfarrer Liepold, Katholiken schmücken gerade zu Allerheiligen/Allerseelen die Gräber mit Gestecken und Grabkerzen. Ist das bei Ihnen anders?

Bei uns wird am Ewigkeitssonntag, das ist der letzte Sonntag vor dem Advent, der Toten gedacht. Die Hinterbliebenen werden dazu in den Gottesdienst eingeladen. Am Altar brennt wird für jeden Verstorbenen eine Kerze angezündet. Viele Menschen gehen danach noch auf den Friedhof. Aber im katholisch geprägten Bayern gibt es natürlich auch evangelische Christen, die Allerheiligen zum Anlass für einen Friedhofsbesuch nehmen.

Normalerweise findet doch das Gedenken an die Toten in den Gottesdiensten oder privat statt. Warum braucht es eine Webseite?

Für viele Trauende gibt es heute kein „normalerweise“ mehr. Sie haben zwar das Bedürfnis, Erinnerungen an Verstorbene zu pflegen. Aber sie kennen die traditionellen Bräuche kaum mehr. Auch führt die zunehmende Mobilität dazu, dass Familien nicht mehr gemeinsam an einem Ort leben. Die Gräber unserer Lieben sind oft hunderte Kilometer entfernt. Zugleich pflegen wir aber immer mehr Kontakte über unsere Smartphones. Wir lassen Andere über das Handy teilhaben an unseren Reisen, Stimmungen und Alltagserlebnissen. Liegt es da nicht auch nahe, Erinnerungen an liebe Verstorbene auf diese Weise miteinander zu teilen?

Und was ist der Mehrwert dieses Pilotprojekts?

Es ist eine alte menschliche Einsicht, dass der Mensch als Trauernder ein soziales Netz braucht. Heute erwarten sich viele Menschen, dass sich das Internet für sie als soziales Netz erweist. Sie sind daran gewöhnt, auf Facebook und Instagram über ihre Gefühle zu sprechen. Als Seelsorger bin ich mir sicher: Trauernde brauchen seriöse und zeitgemäße digitale Angebote! Das zeigen ja auch die Zugriffszahlen…

Wie ist die Resonanz?

Pfarrer Rainer Liepold ist Seelsorger im Lore-Malsch-Haus in Riemerling.
Pfarrer Rainer Liepold ist Seelsorger im Lore-Malsch-Haus in Riemerling. © Jasmin Totschnig

Es scheint, als würden durchaus Menschen das nützen. Die Seite „Gedenkenswert“ gibt es erst seit Ostern, aber hat sie hat schon viele Besucher. Die meisten bleiben länger als eine Viertelstunde, das heißt, Sie lesen wirklich die Texte oder verfassen sogar eigene Texte. Es gibt Erinnerungsseiten, die wurden schon über 500 Mal besucht.

Aber warum macht das die Kirche? Es gibt doch auch Trauerseiten beispielsweise vom Münchner Merkur. Was bietet Ihr Onlineportal im Vergleich zu nicht kirchlichen?

In unserem Kulturkreis hieß der Friedhof früher „Kirchhof“, weil er ja selbstverständlich direkt neben der Kirche war. Historisch betrachtet sind deshalb die Kirchen eigentlich die erste Adresse, die dafür in Frage kommt, so etwas wie einen Online-Friedhof aufzubauen. Als Pfarrer erlebe ich: Auch Menschen, die lange keinen Kontakt zur Kirche mehr hatten, bringen uns im Umgang mit Tod und Trauer viel Vertrauen entgegen.

Sie haben als Pfarrer oft mit dem Tod zu tun. Macht das nicht unsäglich traurig?

Traurig? Ja, aber nicht wortlos und hilflos! Ich glaube an einen lebensbejahenden, uns zugewandten Gott. Ich glaube, er wird uns über unsere Grenzen hinaustragen. Und zugleich erlebe ich, dass Menschen beim Tod eines Angehörigen eine liebevolle Begleitung brauchen. Wer sich für Trauernde Zeit nimmt, lernt mit ihnen und von ihnen auch sehr viel Wertvolles. Ich wäre sicher ein oberflächlicherer und ärmerer Mensch, wenn ich diese Erfahrungen nicht machen dürfte.

Was raten Sie den Menschen, die den Totensonntag begehen?

Sie können am Gottesdienst teilnehmen, auf den Friedhof gehen oder eine virtuelle Kerze auf „Gedenkenswert“ anzünden. Was immer Sie tun: Führen Sie sich vor Augen, was Sie einem verstobenen Menschen verdanken und wie er sie geprägt hat. Oft ist unsere Familiengeschichte ja auch ein Schlüssel, der mir die Rätsel und Wunder meines eigenen Lebens ein Stück weit erschließt.

Weitere Nachrichten aus Hohenbrunn und dem Landkreis München finden Sie hier.

Auch interessant

Kommentare