+
Die Reihen lichten sich: Apothekerin Veronika Storz vor einer Medikamenten-Schublade. Rund 250 Präparate kann sie momentan nicht bestellen, weil der Nachschub ausbleibt. 

Interview

Arzneimangel: Apothekerin sagt: „Der Markt Deutschland ist nicht mehr interessant“

  • schließen

Bundesweit herrscht derzeit Medikamentenmangel in den Apotheken. Veronika Storz betreibt die Luna-Apotheke in Riemerling. Im Interview erklärt sie, was die Arzneimittelknappheit für Kunden bedeutet – und weshalb keine Besserung in Sicht ist.

Frau Storz, müssen die Menschen Angst haben, die dringend auf Medikamente angewiesen sind?

Nein, dieser Alarmismus ist unangemessen. Die Nachschubprobleme bei Arzneimitteln sind nicht lebensbedrohlich. Aber wir bewegen uns weg von dem medizinischen Standard, den wir bei uns bisher gewohnt sind.

Wie trifft das Ihre Kunden?

So ab Mitte 40 haben gefühlt die meisten Deutschen eine Medikation. Und gerade Patienten mit chronischen Beschwerden trifft es natürlich, wenn das Medikament, auf das sie eingestellt sind, plötzlich nicht mehr zu bekommen ist.

Hoffen, dass die Patienten noch genug Tabletten daheim haben

Zum Beispiel?

Nehmen wir mal Carndesartan, das ist ein Blutdruck-Senker. In der weitverbreiteten Dosierung von 16 Milligramm kann ich es zurzeit kaum beschaffen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Im schlimmsten Fall muss ich Patienten auf später vertrösten. Dann haben sie hoffentlich bis dahin noch genug Tabletten daheim.

Das hört sich gefährlich an.

Wir versuchen immer, eine Lösung zu finden. Abgesehen von den Impfstoffen gelingt uns das meistens. Zwar mit hohem Zeitaufwand, meine Kunden sind mir den aber auch wert. Manchmal halten wir Rücksprache mit dem Arzt, der vielleicht einen anderen Wirkstoff verschreiben kann. Oder ich gebe dem Patienten eine andere Dosierung mit, was aber seine eigenen Probleme mit sich bringt.

Wie meinen Sie das?

Statt der 16-Milligramm-Tablette kann ein Patient ja auch vier Vier-Milligramm-Tabletten einnehmen. Oder eine halbe mit 32 Milligramm. Nur: Erklären Sie mal einem Menschen mit weit über 80, der seit Jahrzehnten jeden Tag seine Herztablette nimmt, dass er jetzt plötzlich vier davon nehmen soll. Hoffentlich denkt er auch jeden Tag daran. Und kommt damit klar, wenn sich wieder was ändert. Wenn das Blutdruckpräparat immer anders aussieht, besteht die Gefahr einer versehentlichen Unter- oder Überdosierung.

Problem vor allem mit verschreibungspflichtigen Medikamenten

Welche Medikamente sind für Sie besonders schwer zu kriegen?

Neben dem erwähnten Candesartan betrifft das Impfstoffe. Zum Beispiel Gardasil gegen den Virus, der Gebärmutterkrebs verursacht, oder Shingrix gegen Herpes-Zoster-Viren. Die können in Form einer Gürtelrose jahrelange, extreme Nervenschmerzen verursachen. Einige Zeit war der Vierfach-Impfstoff für Säuglinge vergriffen, weshalb zwei verschiedene Impfdosen verabreicht werden mussten. Und dann sind da noch Antidepressiva wie Venlafaxin, das gegen Angststörungen hilft. Antibiotika sind dagegen nicht das große Thema. Grundsätzlich liegt das Problem im verschreibungspflichtigen Bereich.

„Es geht zu wie am Basar“

Sie sprachen von hohem Zeitaufwand. Wie verändert das Nachschubproblem Ihre Arbeit?

Ich mache inzwischen hauptsächlich Krisenmanagement. Zwei bis drei Stunden bin ich jeden Tag damit beschäftigt, bei Großhändlern, Herstellern oder über Importe Medikamente zu ergattern. Da geht es zu wie am Basar – oder an der Börse, wenn Sie so wollen. Denselben Wirkstoff gibt es von zig verschiedenen Herstellern. Vorbestellungen sind auch nicht mehr möglich, also muss ich den richtigen Moment erwischen, bevor die anderen zuschlagen.

Eine Konkurrenzsituation der Apotheken untereinander. Wie konnte das passieren?

Das hat sich schon über Jahre entwickelt. Ein Faktor sind aus meiner Sicht die Rabattverträge der Kassen mit bestimmten Herstellern. Manchmal sind die Hersteller, die einen solchen Zuschlag bekommen, mit dem Liefervolumen überfordert. Unterm Strich ist es aber ein globales Problem. Der Markt Deutschland ist nicht interessant.

Medikamente werden nicht mehr im Inland produziert

Wie bitte?

Die Wirkstoffe vieler Medikamente werden längst nicht mehr im Inland, sondern in China und Indien produziert. Bei uns sitzt nur noch das Know-how. Die Gewinnmargen für die deutsche Pharma-Industrie sind zu gering geworden – nach Wegfall des anfänglichen Patentschutzes unterbieten sie sich bei den Generika. Die Folge: Hersteller verkaufen ihre Wirkstoffe lieber dort, wo sie mehr daran verdienen – in den USA oder Großbritannien zum Beispiel. Ohne Wirkstoff keine Medikamentenproduktion. Das ist Marktwirtschaft.

Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?

Vor drei Jahren hatte ich eine Defekten-Liste von 20 Präparaten, die ich nicht bekommen konnte. Momentan sind es 250. Diese Liste wird immer länger. Und die Politik tut nichts. Eine Lösung habe ich aber auch nicht parat. Einfach die Preise anzuheben, würde eine Kostenexplosion bedeuten. Damit käme unser System nicht zurecht.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Brand beim Baierbrunner Wort & Bild Verlag
Großeinsatz beim Wort & Bild Verlag in Baierbrunn - eine Dämmung am Dach hatte sich entzündet.
Brand beim Baierbrunner Wort & Bild Verlag
Coronavirus: Menschenmassen strömen in den Perlacher Forst
Im Perlacher Forst bei Unterhaching haben sich am Wochenende regelrecht Hotspots für sorglose Frischluftliebhaber gebildet, die eher lax mit den derzeitigen Verboten und …
Coronavirus: Menschenmassen strömen in den Perlacher Forst
Zweiter Corona-Todesfall in Ismaninger Pflegeheim - Schutzausrüstung fürs Personal
Ein weiterer Bewohner des AWO-Seniorenzentrums in Ismaning ist nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Das Heim bemüht sich nach Kräften, die Lage unter …
Zweiter Corona-Todesfall in Ismaninger Pflegeheim - Schutzausrüstung fürs Personal
Coronavirus im Landkreis München: Weiterer Todesfall in Ismaninger Pflegeeinrichtung - Wahlhelfer infiziert
Das Coronavirus versetzt den Landkreis München in den Ausnahmezustand. Mittlerweile sind mehrere Menschen gestorben, viele sind infiziert. Alle Infos hier im Ticker.
Coronavirus im Landkreis München: Weiterer Todesfall in Ismaninger Pflegeeinrichtung - Wahlhelfer infiziert

Kommentare