Musterdorf der Nazis: Ein solches gab es in Hohenbrunn. 
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Musterdorf der Nazis: Ein solches gab es in Hohenbrunn. 

Forschung zur NS-Zeit

Nazis hatten mit Landkreis Großes vor 

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Der Landkreis stellt sich seiner Nazi-Vergangenheit: Ein Team der LMU soll drei Jahre forschen. Schon jetzt ist klar: Die Nazis hatten große Pläne mit dem Kreis.

Landkreis – Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist in den Landkreis-Kommunen gerade in jüngster Zeit beachtlich vorangekommen. Pullach unternimmt in seinem Geschichtsforum große Anstrengungen, in Hohenbrunn hat man sich der bitteren Erinnerung des NS-Musterdorfes gestellt, auch Neubiberg hat die Zeit sorgfältig und kritisch aufgearbeitet. Auch der Kreis will nun die NS-Jahre und ihre Folgezeit genauer beleuchten.

Einstimmig hat sich der Kreistag dafür ausgesprochen, den Vorläufer des Landratsamts München in der NS-Zeit, das Bezirksamt, zu untersuchen. Den Forschungsauftrag erhält das Institut für Bayerische Geschichte der LMU München unter Leitung von Ferdinand Kramer. Unmittelbarer Ansprechpartner wird der wissenschaftliche Mitarbeiter Daniel Rittenauer. Eine Vorrecherche ist schon gemacht, die Quellenlage ist offenbar gar nicht so schlecht, wie vom Lehrstuhl zu erfahren ist. Im Staatsarchiv in München gebe es eine ansehnliche Überlieferung. Die Kreisheimatpfleger sind ebenfalls eingebunden.

Frage nach Rolle des Amts in NS-Regime

Das Forschungsprojekt gliedert sich in drei Blöcke. Zunächst soll das Bezirksamt in der NS-Zeit behandelt werden. Wo lagen die Aufgaben- und Tätigkeitsfelder? Wo wurde strikt ministeriellen Anordnungen gefolgt und wo hat sich die Behörde nicht angepasst? Welche Stellung nahm das Bezirksamt im Herrschaftsgefüge des NS-Staates ein, und welche Instanzen nahmen Einfluss?

Ein zweiter Teil widmet sich dem Bezirksamt in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Wie gestaltete sich der Übergang des Bezirksamts München von der NS-Zeit über die Zeit der Besatzung bis hin zur Wiedererrichtung eines souveränen Staatswesens? Was wurde aus den Mitarbeitern des Bezirksamts? Wie war das Verhältnis des Spitzenpersonals der Verwaltung und des Kreistags zum Nationalsozialismus? Welche Spuren hat die NS-Zeit bis heute hinterlassen?

Gemeinden und ihre Rolle

Der dritte Teil beschäftigt sich allgemein mit der NS-Zeit auf dem Gebiet des Bezirksamts München. Behandelt werden sollen unter anderem die Gliederung der NSDAP im Kreis München, das Verhältnis des Bezirksamts zu den Gemeinden, die Auswirkungen der nationalsozialistischen Rassenideologie sowie die Themen Widerstand und Verfolgung. Eine umfassende Betrachtung des Landkreises zur NS-Zeit würde das Forschungsprojekt laut Landratsamt sprengen.

Die stellvertretende Landrätin Annette Ganssmüller-Maluche (SPD) hatte den Antrag im Kreistag gestellt: „Ich finde, es ist wichtig hinzuschauen, die Zeit aufzuarbeiten, seriös Fakten zu studieren und auch Geschichten zu erzählen. Sie nachvollziehbar zu machen, auch als Grundlage für Schulen.“ Auf diese Weise könne man sich mit Werten und dem Verfall von Werten auseinandersetzen – zu einem Zeitpunkt, wenn politisches Verständnis beginnt.

Ganssmüller-Maluche ist Tochter eines Halbjuden, dessen Mutter in den letzten Monaten des Krieges nach Theresienstadt als Zwangsarbeiterin kam. Ihrer Mutter dagegen wurde als Mädchen in den Jugendverbänden der Nazis die NS-Ideologie eingetrichtert. „Ich habe die Problematik miterlebt, wenn man menschenverachtende Werte indoktriniert bekam. Das ist aktueller denn je.“ Es ist, findet die Ismaningerin, in gewisser Weise „eine Heilung dieser unheiligen Zeit, indem man den Verfolgten gerecht wird“.

Drei Jahre Forschung

Der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Herrmann Rumschöttel aus Neubiberg, kennt den beauftragten Historiker und ist gespannt: „Herr Rittenauer ist ein ausgewiesener Kenner der NS-Zeit in Bayern. Da hat man einen guten Griff getan.“ Auch die Laufzeit von drei Jahren, angesetzt mit einer Halbtagsstelle, hält Rumschöttel für anmessen angesichts des umfangreichen Projektauftrags.

Der Forschungsstand auf diesem Gebiet sei momentan unzureichend. Es gebe lediglich eine Studie über die Zwangsarbeit im Landkreis. Rumschöttel fände es schön, wenn die Geschichte der Gemeinden mitberücksichtigt würde. Es sei sinnvoll, ein Gesamtbild zu zeichnen. Es gebe schon eine ganze Reihe sehr solider Arbeiten in den Gemeinden, auf die man sich stützen könne. Einige Gemeinden seien eher zurückhaltend mit der Erinnerung an diese Zeit. „Aber ich denke: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um das aufzugreifen.“

Landkreis als Gegengewicht zur Stadt

Interessant findet Rumschöttel in diesem Zusammenhang Folgendes: „Die Nationalsozialisten stellten sich die Frage: Wie gestalten wir den Landkreis als Gegengewicht zur Stadt?“ Es habe Überlegungen gegeben, den Landkreis als riesige Einheit bis zum Starnberger See zu fassen, damit er als echter Gegenspieler zur Landeshauptstadt in Frage komme.

Rumschöttel selbst ist auf dem Sektor seit Jahrzehnten forschend und auch aufklärend tätig. „Es ist bitter, wenn man feststellt: Es gibt Teile der Gesellschaft, die das nicht zur Kenntnis nehmen. Und auch die Gefahren bei einem zu leichtfertigen Umgang mit der Demokratie unterschätzen.“

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