Zieht die Zuhörer in ihren Bann: Charlotte Kügel 2003 bei einer Lesung in der Schlossbücherei; neben ihr ihr Sohn Alexander, Begründer des Kulturkreises „Ars Noah“. Foto;: agm

3000 Gedichte als Nachlass: Lyrikerin Charlotte Kügel stirbt mit 95 Jahren

Ismaning - In Ismaning hatte Charlotte Kügel ihre zweite Heimat gefunden. Draußen in der torfigen Mooslandschaft an der Erdinger Straße holte sie sich zwischen Grün und Natur ihre verloren Heimat aus dem Memelland ein wenig zurück.

Hier fern aller Geschäftigkeit war der ideale Ort, ihre Dichtkunst zu pflegen. Nach rund 3000 selbst geschriebenen Gedichten gelang sie nun „durch die Zeiten des Verfalls zur letzten Freiheit“, wie sie einst gefühlvoll den Tod umschrieb und wie es auf ihrem Sterbebild zu lesen sein wird.

95 Jahre alt ist die Lyrikerin geworden. Ihr Leben war ein Zeugnis deutscher Geschichte. In Uszballen im Memelland, im heutigen Litauen, wurde sie 1919 geboren. Ein Jahr vorher hatte sich als Folge des 1. Weltkriegs die Litauische Republik unter deutscher Besatzung gegründet. Sie lernte Litauisch in der Schule und übersetzte später „Dainos“, litauische Volkslieder mit oft nur schwer erschließbarem mythischen Gehalt. Sie glaubte an den Garten der Natur, an die Mystik, die Mondphasen, und war sicherlich damit auch Ideengeber für ihren Sohn Alexander, als er den Kulturverein „ars Noah“ mit den Vollmondkonzerten gründete.

Die Liebe zur Heimat in Ost- und Westpreußen prägte Charlotte Kügel ihr Leben lang. Die Eltern hatten einen Bauernhof. In Coadjuthen im Memelgebiet war ihre Welt noch in Frieden und Ordnung. Mit zwölf schrieb sie dort 1931 ihr erstes Silvestergedicht: „Noch bin ich jung und möchte vieles lernen. Auch was verborgen ist, so in den Sternen. Es wäre sicherlich sehr interessant, so dies und das zu seh’n im fremden Land.“

In einem Hotel lernte sie gutes Kochen. Und sie lernte dort ihren späteren Mann kennen, einen Münchner Wehrmachtsoffizier. 1944, auf der Flucht vor der Roten Armee, kam die Zeit, fremdes Land kennen zu lernen, ganz anders, als gewünscht. In München wurden Sohn und Tochter geboren. Ihre Mutter kaufte 1957 das Grundstück im Ismaninger Moos. Der nahe Birkenwald erinnerte die Familie an das idyllische Anwesen mit Birkenauffahrt im Memelland. Auch dort war Torfgebiet und frühmorgendlicher Nebel.

Nach dem frühen Tod von Ehemann Johann 1966 zieht Charlotte zur Mutter und hält mit ihr Hühner, Schweine, Ziegen und pflegt den Garten. Im Silvestergedicht von 1966, jedes Jahr bis 1991 verfasst sie es am letzten Tag des Jahres, beschäftigt sie der Tod des Mannes: „Der Tod hat Ernte gehalten. Es wird nie mehr, wie es war. Silvestersternenflimmern eiskalt am hohen Zelt.“ 1998 heißt es wieder Abschied nehmen - von der Mutter. Zwölf Jahren bleibt sie allein in ihrem verwunschenen Garten. Ihre Kinder Adelheid und Alexander mit vier Enkeln und Urenkeln sorgen immer wieder für Leben in der ruhigen Landschaft. Familie und der Kreislauf der Natur waren Charlotte Kügel immer wichtig.

Jetzt hat der Tod Ernte bei ihr selbst gehalten. Als sie am Muttertagstag im Mai 2010 ihren ersten Schlaganfall erleidet, kommt sie nach Unterföhring ins Pflegeheim. Hier hat sie im August 2014 einen letzten wachen Moment und spricht ihr letztes Gedicht „Der Garten“:

„Ich denke an das, was aufgeblüht ist im Geheimen und im Zusammenhang mit meinem Charakter. Die Pflanzen, die da im Geheimen kamen, hatten mir eine Kunde zu sagen. Meistens wollten sie sagen, dass irgendetwas vorbei ist und warum es vorbei ist. Es wollte eine Kunde bringen und diese Kunde habe ich vergessen aufzunehmen.“

Annette

Ganssmüller-Maluche

Beisetzung

ist am Montag, 15. Sepzember, um 11 Uhr am Alten Friedhof Ismaning.

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