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Bibbern für den Pieks: Großer Ansturm auf Impf-Aktionen des Landkreises

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Von: Sabina Brosch

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Mehrere Hundert Meter war die Schlange derer lang, die sich in Ismaning gestern impfen lassen wollten.
Mehrere Hundert Meter war die Schlange derer lang, die sich in Ismaning gestern impfen lassen wollten. © Sabina Brosch

Mit diesem Ansturm hat kaum jemand gerechnet: Das Angebot der Impf-Aktionen im Landkreis München wird nahezu überrannt. Mit der Folge, dass viele Impfwillige wieder nach Hause geschickt werden müssen. In Garching und Unterföhring hat das mit Beginn der Aktion für reichlich Unmut gesorgt. Ein Vor-Ort-Termin in Ismaning aber zeigt, dass man dazugelernt hat.

Ismaning - Xinyu Gao (23) hat trotz dicker Winterstiefel eiskalte Füße, ihre Finger sind steif vor Kälte. Die Münchnerin steht seit 6.20 Uhr vor der Ismaninger Hainhalle, um dort ihre ersehnte zweite Impfung zu erhalten. Es ist kurz vor neun an diesem Dienstag, gleich öffnen die Türen. „In München hatte ich keine Chance auf einen Termin“, sagt Gao. „Auf der Homepage des Landratsamtes habe ich gesehen, dass es in Ismaning heute eine Sonderimpfung gibt.“ Sie wird als Nummer 4 ins Warme gerufen, es folgen weitere 311 Impfwillige.

Aus Fehlern gelernt

„315“ ist hier heute die magische Zahl. So viele Patienten schafft das Impf-Team an einem Tag in Ismaning, Vakzin ist genug da. Bis auch der Letzte, die Nummer 315, seinen Pieks bekommen hat, war es schon lange dunkel. Das Impf-Team und die Gemeinde arbeiten dabei Hand in Hand: Die einen impfen, die anderen kümmern sich um die Wartenden, versorgen sie mit warmem Tee. Aus den Querelen des Vortags in der Nachbarstadt hat man offenbar gelernt.

Xinyu Gao hat sich um 6.20 Uhr für ihre Zweit-Impfung angestellt.
Xinyu Gao hat sich um 6.20 Uhr für ihre Zweit-Impfung angestellt. © Sabina Brosch

In Garching gab es ebenfalls lange Schlangen, aber ohne Tee und ohne Toiletten. Trotz zweier Impfbusse mussten Mitarbeiter des Landkreises, Organisator des Impftags, Wartende aus der Schlange nach Hause schicken. Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) kritisierte die „blamable“ Organisation. Landrat Christoph Göbel (CSU) verteidigte unterdessen das Engagement des Landkreises: „In anderen Landkreisen gibt es weniger Impfangebote“.

Es fehlt Personal

Richtig sei, dass so viele Menschen gekommen seien, dass bald klar war, selbst mit zwei Impfbussen könnten nicht alle geimpft werden. Es fehle aber nicht an Impfstoff, sondern an Personal. Göbel: „Die Teams sind irgendwann durch.“ Deswegen hätte man keinen dritten Impfbus schicken können. „Wir bemühen uns aber bereits, mehr Mitarbeiter zu finden und akquirieren – auch auf Facebook.“

Mitten in der Schlange in Garching stand Stadträtin Daniela Rieth (Grüne). Sie bemängelt, dass die Stadt den Landkreis durchaus hätte unterstützten können. „Vielleicht ein paar Sitzgelegenheiten für ältere Menschen. Mit dem Ansturm hätte man schon rechnen können.“ Nach neun Stunden hat sie ihre Impfung erhalten, „das Personal war um 18 Uhr immer noch freundlich, aber natürlich erledigt.“

Biontech und Moderna

Zurück in Ismaning: Hier betritt soeben Xinyu Gao die Hainhalle, wo bereits das zehnköpfige Malteserteam auf sie wartet, darunter zwei Ärzte. „Wir geben absolut Vollgas“, versichert Dr. Nicoline Burger. Biontech und Moderna werden in Ismaning verimpft. Unter 18-Jährige erhalten keinen Booster, unter 35-Jährige nur Biontech, „vier Monate und drei Wochen sollte die zweite Impfung zurückliegen, das ist so die Grenze“, erklärt Burger.

Die Stationen für Datenerfassung und Aufklärung, Wartezone und auch Liegen für den Notfall sind bereits seit knapp einer Stunde aufgebaut, Malteser Mohammed Khalil bereitet währenddessen die Impfdosen vor und zieht die ersten Spritzen auf. Alles verläuft routiniert und ruhig. „Wir machen das nicht zum ersten Mal“, so Burger.

Tee für die Wartenden

Auch zahlreiche Mitarbeiter der Ismaninger Gemeindeverwaltung sind vor Ort. So auch Christian Freund, Leiter der Abteilung Bildung und Soziales: „Wir wissen von der Sonderaktion seit etwa zwei Wochen. Wir sind gut vorbereitet. Aber wir sind kein Impfzentrum und auch wir lernen dazu.“ Mit Kollegin Melanie Ilg macht er sich mit seinen roten Thermoskannen unzählige Male auf den Weg hinaus zu der über viele Hundert Meter langen Schlange und verteilt heißen Tee. Sie erkundigen sich, ob unter den Wartenden alles in Ordnung ist, tauschen sich mit den beiden Security-Mitarbeitern aus, die am Ende der Warteschlange die Neuankömmlinge darauf hinweisen, dass nur 315 Personen geimpft werden können.

Heißgetränke gegen die Kälte: Melanie Ilg (l.) und Christian Freund von der Gemeinde Ismaning verteilen Tee an die Wartenden.
Heißgetränke gegen die Kälte: Melanie Ilg (l.) und Christian Freund von der Gemeinde Ismaning verteilen Tee an die Wartenden. © Sabina Brosch

Um 10 Uhr sind es dann 289 Wartende. „Wir werden sehen, was noch passiert, wenn wir die Ersten wegschicken müssen“, sagt Christian Freund. „Hoffentlich haben die Leute Verständnis.“

Kaum Erstimpfungen

Darauf hoffen auch die Polizisten, die vorsorglich die Impfaktion begleiten. Zwei von ihnen stehen mitten in der Schlange, unterhalten sich locker und frieren genauso wie die Wartenden. Kälte verbindet. Unter ihnen ist auch das Rentner-Ehepaar Helmut (76) und Gisela (72) Wittmann sowie Lucie Gunkel (81). Bei ihnen wird es noch einige Stunden dauern, sie haben die Nummern 91 bis 93, stehen seit 8 Uhr in der Schlange. „Wir holen uns den Booster, Impfen ist bei uns überhaupt kein Thema. Und der Service hier ist super“, sagt Helmut Wittmann. Zwei junge Männer wollen ihren Namen nicht genannt haben, sie sind zur Erstimpfung da. Der eine wurde von seiner Freundin lange überredet, „irgendwie kommt man jetzt halt nicht mehr drumherum“. Der Andere kommt aus Dachau „will leben“ und zur Hochzeit seiner Schwester. „Auch für die Arbeit brauche ich die Impfung, ich bin im Außendienst.“ Er wurde für die Impfung von seiner Firma freigestellt..

Xinyu Gao ist in ihren Winterstiefeln da schon raus aus der Hainhalle. Die zweite Impfung im Impfpass. Sie hofft, sich dabei keine „normale“ Erkältung eingehandelt zu haben.

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