Von „Schwachsinn“ bis „ganz normal“

Nervige Zettelwirtschaft: So  finden Betriebe im Landkreis  die neue Bonpflicht

  • schließen

Die Einführung der Bonpflicht im Einzelhandel hat in manchen Branchen für einen Aufschrei gesorgt. Im Landkreis München reagieren die Gewerbetreibenden eher genervt. 

Die französische Nationalversammlung hat Ende vergangener Woche ein Gesetz gegen Verschwendung gebilligt. Die Kassenzettel-Pflicht für Kleinverkäufe wird darin abgeschafft – außer der Kunde verlangt ausdrücklich einen Beleg. Der Landkreis München aber liegt nicht in Frankreich. Hier gilt wie im Rest der Bundesrepublik ab 1. Januar die Bonpflicht für elektronische Kassensysteme. Verabschiedet wurde die bereits 2016, doch jetzt, kurz vor der Einführung, hat die Debatte um die Konsequenzen erst richtig Fahrt aufgenommen.


„Ein ausgegorener Schwachsinn ist das“, poltert der Bäckermeister Tobias Götz aus Taufkirchen. Seine Kasse zeichne eh schon vorschriftsmäßig jede Transaktion für die Steuer auf. Die Kassenzettel, die er ab dem Jahreswechsel jedem Kunden auf die Theke legen muss, werden nach seiner Schätzung zu 90 Prozent im Müll landen – im Restmüll, denn dort muss er das Spezialpapier entsorgen. Ein Aufwand und eine Umweltbelastung, die keinen Sinn ergebe.

Bäcker Tobias Götz findet klare Worte für die neue Verordnung.

Zu Weltuntergangsszenarien, wie sie mancher Branchenverband in die Welt setzt, lassen sich die Gewerbetreibenden im Landkreis aber nicht hinreißen. Die meisten Geschäfte seien längst ausgerüstet, um jeden Verkauf auf Papier zu bonnieren, sagt Michael Roth, Kassier beim Gewerbeverband Neubiberg. Er stemmt mit seiner Frau Ursula in deren „Vom Fass“-Laden gerade das Weihnachtsgeschäft.

Schon seit Jahren kommt in dem Neubiberger Laden bei jedem Verkauf ein Zettel aus der Kasse. Nur landeten auch hier die meisten im Müll, weil die Kunden sie nicht wollten, berichtet Roth. Grundsätzlich findet er es gut, dass der Staat Geschäften an der Steuer vorbei einen Riegel vorschiebt, auch bei kleinen Summen: „Wenn ein Geschäft richtig kalkuliert, verdient es gutes Geld und muss auch seinen Beitrag leisten.“ Doch den oft überflüssigen Ausdruck hält Roth für Papierverschwendung und Umweltverschmutzung. Schließlich sei auch in seiner Kasse ein Chip, der jeden Beleg fälschungssicher und für den Fiskus auslesbar speichere. Und die Kunden seien nicht verpflichtet, den Beleg einzustecken. Roths Fazit: „Das Gesetz krankt.“

Bei Thomas Schäfert wird automatisch boniert. 

Auch der Unterföhringer Metzger Thomas Schäfert hat sein Geschäft, den „Party-Metzger“, schon vor Jahren für gut 15 000 Euro auf ein Waagen- und Kassensystem umgestellt, das Verkäufe automatisch boniert und für die Steuer archiviert. „Ich kann ja das Geld nicht einfach in eine Schublade werfen“, sagt er. „Das macht heute keiner mehr.“ Das einzige, was Schäfert fürchtet, ist ein Softwarefehler, wenn das Finanzamt an die Daten will. Er muss seinem System vertrauen, dass er in diesem Fall nicht wie ein Kassenmanipulierer aussieht.

Seit Jahren Pflicht sind die manipulationssicheren Kassen auch in Apotheken, sagt Peter Aurnhammer, Kreis-Apothekersprecher und Betreiber einer Apotheke in Ismaning. Seine Kassen werden ab Januar ungefragt einen Beleg ausspucken, der, so schätzt der Apotheker, in 80 Prozent der Fälle im Müll lande. Lieber würde er den Kunden – wie bisher – vor dem Ausdruck fragen, doch das gehe nun nicht mehr. „So häckseln wir halt wieder ein paar Bäume mehr durch den Drucker“, sagt Aurnhammer. Und weil auf den Belegen Medikamente und manchmal auch Kundendaten vermerkt seien, müssten diese vertraulichen Inhalte gesondert – datenschutzkonform – vernichtet werden. Unter seinen Apothekerkollegen sei das Unverständnis allerorten groß. Vielleicht gebe es beim Gesetzgeber ja irgendwann doch ein Umdenken, was die Bonpflicht angeht. Bis dahin gilt, so Aurnhammer: „Jeder schüttelt den Kopf, aber macht es halt.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Landratsamt gibt Rat zum Coronavirus - Das müssen Sie jetzt wissen
Aufgrund der Corona-Infektionen hat das Landratsamt München alle relevanten Informationen für die Bürger im Landkreis München auf einem Handout zusammengefasst.
Landratsamt gibt Rat zum Coronavirus - Das müssen Sie jetzt wissen
Sturm Bianca wütet im Kreis München: Landratsamt warnt vor akuter Lebensgefahr im Freien - 130 Sturm-Einsätze
130 Sturm-Einsätze hat die Feuerwehreinsatzzentrale bislang im Landkreis München in der Nacht auf Freitag verzeichnet. Beim Forstwirt bei Harthausen rammte ein Pkw einen …
Sturm Bianca wütet im Kreis München: Landratsamt warnt vor akuter Lebensgefahr im Freien - 130 Sturm-Einsätze
Kripo befragt 50 Klosterschüler: Hitlerbilder und Schlimmeres landet in WhatsApp-Klassen-Chat
Bis zu 50 Schüler sollen aktuell von der Kripo befragt werden. Der Verdacht ist schlimm. Menschenverachtende Inhalte landeten in einem WhatsApp-Klassen-Chat.
Kripo befragt 50 Klosterschüler: Hitlerbilder und Schlimmeres landet in WhatsApp-Klassen-Chat
Im Landkreis München: Supermarkt-Kunde sieht Toffifee-Chaos - und zückt Handykamera
Kurioses Toffifee-Chaos mitten in einem Supermarkt im Landkreis München. Ein Jodel-User hat jetzt ein Foto aus einem Supermarkt geteilt.
Im Landkreis München: Supermarkt-Kunde sieht Toffifee-Chaos - und zückt Handykamera

Kommentare