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Tierärztin aus Leidenschaft: Ilse Ertl (52) hat nach dem Begabten-Abitur in München Tiermedizin studiert. In Mauern bei Moosburg hat sie eine Praxis. Für die Freien Wähler versucht sie zum zweiten Mal, in den Bundestag zu kommen.

Im Porträt: Freie-Wähler-Bundestagskandidatin Ilse Ertl

Mitmischen ist längst überfällig

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Vor der Bundestagswahl am 24. September porträtieren wir die Direktkandidaten aus dem Landkreis München. Heute: Ilse Ertl (52), die für die Freien Wähler kandidiert. Die Tierärztin und ehemalige Ismaningerin aus Mühldorf setzt darauf, dass ihre Partei endlich in Berlin mitmischen kann.

Landkreis – Dass die Tierärztin demnächst als Abgeordnete im Bundestag sitzen wird, davon geht zumindest ihre bisherige Sprechstundenhilfe ganz fest aus. „Sie hat bereits gekündigt und eine andere Stelle angenommen“, erzählt Ertl. Die 52-Jährige, die nach ihrer Scheidung vor einigen Jahren von Ismaning in ihren Heimatort Mühldorf gezogen ist, sitzt in weißem T-Shirt und weißer Hose in ihrer Praxis in Mauern bei Moosburg (Landkreis Freising). Zum Interview empfängt die Bundestagskandidatin ihren Besuch im Behandlungsraum und funktioniert den Behandlungs- kurzerhand zum Kaffeetisch um, in dem sie eine geblümte Decke darüber legt. Das Haus, in dem sich die Praxis befindet, gehört ihr. „Ich bin froh, dass ich es gekauft habe. Altersarmut macht auch vor Akademikern nicht halt.“

Biolandwirtschaft und kleinere Betriebe

Zur Tiermedizin kam Ertl auf Umwegen. Nach dem Hauptschulabschluss arbeitete sie in Mühldorf bei der Post, war Briefträgerin und saß am Schalter. „Ich habe ziemlich viele Jobs gemacht.“ Ihre Unzufriedenheit und die Bemerkung eines Bekannten, dass man ohne Abitur immer nur Kaffee kochen und Kopien machen müsse, brachten Ertl dazu, an der Abendschule das Begabten-Abitur zu machen. Und da ihre Tierliebe schon als Kind sehr ausgeprägt war, studierte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Veterinärmedizin.

Wiedergutmachung für Fleischkonsum

Ilse Ertl, die kinderlos ist, hat einen Hund, und ein Pferd. Außerdem besitzt sie eine Kuh sowie einen Ochsen, die nicht geschlachtet werden und ein glückliches Leben führen dürfen – „als Wiedergutmachung für den Fleischkonsum“. Sie selbst esse nur wenig Fleisch, sagt Ertl, die sich für die Umstellung auf Bio-Landwirtschaft, die Stärkung kleinerer Betriebe und die Abschaffung der Massentierhaltung einsetzt. Auch Lebensmittelsicherheit, detaillierte Kennzeichnungen von Nahrungsmitteln und die Aufklärung der Verbraucher liegen der Medizinerin am Herzen.

Dass Deutschland die Freien Wähler braucht, fand Ertl schon vor vier Jahren, als die Partei um den bayerischen Fraktionschef und Bundesvorsitzenden Hubert Aiwanger erstmals den bundespolitschen Aufstieg anstrebte – allerdings in Bayern nur 2,7 Prozent erreichte und in anderen Ländern keine Rolle spielte. Ihr persönliches Ergebnis (2,9 Prozent) kann sie auf Anhieb gar nicht mehr nennen. Das Scheitern kam für sie nicht so überraschend. So schnell gibt Ertl aber nicht auf. „Wir wollen definitiv mitmischen.“ Und sie findet, dass dieses Mitmischen längst überfällig ist.

Kritik an der Bundesregierung

Die Freien Wähler „sehen, dass Deutschland an die Wand gefahren wird“, sagt die Bundestagskandidatin. So seien beispielsweise „das Vorhaben der Regierung, alle Bereiche der Daseinsvorsorge, darunter Trinkwasser oder der öffentliche Nahverkehr, zu privatisieren, eine große Bedrohung“. Eine, die in der Öffentlichkeit kaum thematisiert werde, ärgert sich Ertl.

Ein großes Problem sieht sie auch in der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Es sei damit, wie sie sagt, ein Klima des Neids geschaffen worden – und der Angst. Die Freien Wähler stünden zum Asylrecht, betont Ertl. Kriegsflüchtlingen müsse natürlich geholfen werden. Es liegt ein „Aber“ in der Luft, und das folgt mit dem Satz: „Wir sind für die Sicherung der europäischen Grenzen.“ Unkontrollierte Einwanderung müsse verhindert werden. Wichtig sei die Bekämpfung der Fluchtursachen im Herkunftsland, sagt die Freie-Wähler-Kandidatin. Beim Thema Integration fordert sie eine Kostenübernahme durch den Bund, die Kommunen dürften dafür nicht zur Kasse gebeten werden.

Facebook ja, Haustürbesuche nein

Um den Bürgern ihre Themen näher zu bringen, nutzt sie vor allem Facebook. Mit dem aus dem Fernsehen bekannten Richter und FW-Kandidaten Alexander Hold aus Kempten trat sie bei einer Aufaktveranstaltung auf, und bei der Podiumsdiskussion mit allen Bundestagskandidaten in Taufkirchen wird sie dabei sein. An Infoständen werde man sie eher nicht antreffen und schon gar nicht an Haustüren der Wähler im Landkreis. So bekämen die Leute das Gefühl, man wolle ihnen etwas aufzwingen. „Da komme ich mir unseriös vor. Nein, Haustürbesuche sind nicht meins.“

Fünf-Prozent-Hürde meistern

Was die 52-Jährige ärgert: Die Freien Wähler kämen kaum in den Medien vor, findet sie. Von der Arbeit im Bayerischen Landtag dringe kaum etwas an die Öffentlichkeit, Anträge würden von der Mehrheit „zunächst abgebügelt, später dann von der CSU als neue, Idee verkauft“. Überhaupt, die CSU. Dass Florian Hahn von den Christsozialen das Direktmandat im Landkreis München gewinnt, daran hat die Freie-Wähler-KandidatinIlse Ertl überhaupt keinen Zweifel. „Da kann man auch einen Besenstiel hinstellen, und die Leute wählen den.“

Mit Blick auf die Bundestagswahlen am 24. September bleibt Ilse Ertl trotzdem optimistisch. Die Freien Wähler würden die Fünf-Prozent-Hürde meistern und sie als Drittplatzierte auf der Liste werde in den Bundestag einziehen. Und wenn es am Ende doch nicht klappt? „Dann probieren wir es in vier Jahren eben noch einmal.“

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