Probieren gehört zum Geschäft dazu: Adolf Sieber (r.) und sein Sohn Adolf-Michael Sieber verkosten ihren Muscaris-Weißwein. Sie sind die einzigen kommerziellen Winzer in Oberbayern.
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Probieren gehört zum Geschäft dazu: Adolf Sieber (r.) und sein Sohn Adolf-Michael Sieber verkosten ihren Muscaris-Weißwein. Sie sind die einzigen kommerziellen Winzer in Oberbayern.

Erster Jahrgang ist schon abgefüllt

Dank Klimawandel: Oberbayern hat jetzt ein Weingut

  • Laura Forster
    vonLaura Forster
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In Ismaning liegt das einzige kommerzielle Weingut Oberbayerns. 1000 Flaschen hat die Familie Sieber im vergangenen Jahr zum ersten Mal abgefüllt. In ein paar Wochen beginnt der Verkauf. Ein Besuch im Weinberg.

Ismaning – Adolf Sieber schiebt mit dem Handrücken die Blätter zur Seite. Zum Vorschein kommen Ansammlungen von sesamkorngroßen, grünen Kügelchen. Der 62-Jährige zwickt eines ab und dreht es zwischen Daumen und Zeigefinger. „Schaut nicht schlecht aus für dieses Jahr“, sagt der Ismaninger Weinbauer. Er steht zwischen hüfthohen Reben. Umringt von Mais- und Kartoffelfeldern verlaufen zwölf Kilometer Weinbergdraht. Auf der Münchner Schotterebene.

Seit über zehn Jahren baut Adolf Siebler zusammen mit seiner Familie Obst auf dem fruchtbaren Ismaninger Almboden an. Kirschen, Äpfel, Birnen, Aprikosen – und Tafeltrauben. „Früher haben wir viel Kraut und Gemüse gepflanzt“, sagt der 62-Jährige. „Aber mit den ganzen Discountern ist das rückläufig geworden.“ Deshalb orientierte sich der Ismaninger neu. Deutschlandweit verteilte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung Genehmigungen für insgesamt 300 Hektar Weinneuanbau. „Ohne Erlaubnis geht gar nichts“, sagt Sieber. Und die ist schwer zu bekommen. Normalerweise werden die Neuanpflanzungen an typische Weinanbaugebiete wie Franken oder Baden vergeben. Vor vier Jahren hatte die Familie aus Ismaning Glück, sie durfte auf ihren Feldern offiziell Reben pflanzen – die ersten in Oberbayern.

Der erste Wein: trocken, robust und pilzwiderstandsfähig

Sieber schlendert entlang der elfZeilen, die sich parallel zueinander aufreihen, durch eine Traktorspur. Die Hände vergräbt er in den Hosentaschen seiner Jeans. Neben ihm ragen die mannshohen Metallpfosten aus dem Boden zwischen denen der Draht gespannt ist. Ein Geländewagen bremst, die Fahrertür schwingt auf. Der Sohn des Winzers, Adolf-Michael Sieber (36), springt herausund holt einen Holzkarton aus dem Kofferraum. Er reicht seinem Vater ein Weißweinglas und befreit vorsichtig eine Glasflasche aus der Kiste. Der 36-Jährige präsentiert die blassgoldene Flüssigkeit. „Das ist unser Muscaris“, sagt Adolf-Michael Sieber, gelernter Gemüsebaumeister. Die Sorte ist besonders robust und pilzwiderstandsfähig. Sieber Junior dreht den Schraubverschluss auf, setzt den Flaschenhals an das Glas und gießt seinem Vater ein. Der hält das Glas ins Licht, schwenkt den Wein und trinkt einen Schluck. Trocken, 11,5 Prozent Alkoholgehalt. An der Beschreibung muss der oberbayrische Weinbauer noch feilen. Doch für Sieber steht fest: „Mir schmeckt der Wein so gut, dass ich jeden Tagauf d’Nacht ein Glasl trink“, sagt er und nippt noch einmal.

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Rotweinsorte lagert noch bis Herbst

Vier bis sechs Wochen dauert es noch, bis die Flaschen im eigenen Hofladen verkauft werden können. Dann ist der Wein ausgereift und die Etiketten sind geliefert. „Durch Corona hat sich das alles verzögert“, sagt Sieber. Die Rotweinsorte „Regent“ lagert noch bis zum Herbst in Burgunderfässern. 1000 Flaschen Wein hat die Lese vergangen Oktober ergeben. „Da hilft die ganze Familie mit“, sagt der 62-Jährige. Frau, Kinder und Enkelkinder – alle ernten die Trauben an den 1500 Reben. „Für mich ist das Schwierigste, den richtigen Zeitpunkt für die Weinlese festzulegen“, gibt Sieber zu. „Ich habe noch viel zu lernen.“Vergangenes Jahr habe er den „Wingert“, wie er seinen Weinberg nennt, zu spät entlaubt und ausgedünnt. Sein Wissen hat er sich angelesen und sich auch vieles bei fränkischen Winzern abgeschaut. „Außerdem bauen wir ja schon seit Jahren Tafeltrauben an“, sagt er.

Sieber steigt in seinen Hyundai-Geländewagen, fährt den Feldweg rückwarts entlang der Reben und biegt an einem Kreisverkehr auf eine befahrene Straße ab. Keine drei Minuten später bremst er am Wegesrand. Tausende kniehohe Plastikrohre sprießen aus der Erde. Der 62-Jährige steigt aus, geht auf die Kunststoffverkleidung zu und rollt sie auf. Eine etwa zehn Zentimeter hohe Weinrebe wächst unter dem Plastik. „In der Tupexröhre entsteht ein Mikroklima“, erklärt Sieber. Außerdem schützt sie vor Tieren. Die Pfropfreben, die gerade drei Wochen alt sind, lässt die Familie in Franken veredeln. Auf diesem Feld baut Sieber zum ersten Mal Wein an. „Das ist die Sorte Helios, ein Weißwein“, sagt er und streicht über die weichen Blätter. Ab jetzt gedeihen die Reben im Eiltempo, bald brauchen sie die schützenden Röhren nicht mehr. „Wenn das Wetter passt wachsen die Pflanzen bis zu fünf Zentimeter pro Tag“, sagt Sieber. Im Winter werden sieradikal gestutzt. Drei Triebe bleiben stehen. Für das nächste Jahr – wenn wieder alles von vorne beginnt.

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Klimawandel macht Wein von Jahr zu Jahr das Leben leichter

Sieben Tage pro Woche ist der Ismaninger in seinem Weinberg. „Das ist wirklich ein Knochenjob“, sagt er. „Aber ich mache es gerne.“ Im Münchner Umland ließe sich das Geld als Bauer auch anders – vielleicht weniger aufwenig – verdienen, das weiß Sieber. Wohl auch einer der Gründe, weshalb der 62-Jährige der wahrscheinlich einzige Winzer in Oberbayern ist. Der Boden und das Wetter seien nicht das Problem, im Gegenteil. „Der Torfboden ist gut wasserführend und hat einen hohen Kalkanteil, der für eine gute Bodengesundheit sorgt,“ erklärt Sieber. Auch der Klimawandel und milde Winter machen dem Wein von Jahr zu Jahr das Leben leichter.

Adolf Sieber stülpt wieder die Plastikverkleidung über die Reben. Der steinige Boden knirscht unter seinen Arbeitsschuhe während er zurück zu seinem Auto geht. Kurz bevor er den Geländewagen erreicht, macht er einen Schlenker nach rechts und zieht das angelehnte Tor des Zauns aus dem Boden. Er hakt es oben und unten in den groben Maschendraht ein. Die Rehe sollen ihm bloß nicht an die Reben gehen. Morgen wird er wieder nachschauen. Bevor er ins Auto steigt sagt Sieber: „Der Wein will jeden Tag seinen Herrn sehen.“ Alte Winzerweisheit.

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