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Auf Sauberkeit und Schnelligkeit kommt es an, wenn das Ismaninger Team um (v.l.) Jana Neider, Andreas Bildl, Christina Risinger und Raphael Block um die Wette schnupfen.

Es gibt sogar einen Stammtisch

G’schmeidig durch die Nase: Dieser Club pflegt die Schnupftabak-Tradition

  • Regina Mittermeier
    vonRegina Mittermeier
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Schnupftabak, das ist was für alte Männer. Von wegen. Das Gegenteil beweist der Schnupfclub Ismaning. Die gut 70 Mitglieder testen sich durch die Welt des Tabaks - und treten bei Wettbewerben an.

Ismaning – Jana Neider öffnet ein Döschen, greift mit Daumen und Zeigefinger hinein und nimmt eine kleine Prise von dem dunkelbraunen Pulver. Dann tupft sie es an ihre Nasenlöcher, saugt die Luft ein, ein leises Schniefgeräusch ertönt. So klingt es, wenn Neider, 33, schnupft.

Die Ismaningerin, lange blonde Haare, schlank, passt nicht ins Bild des typischen Schnupftabak-Konsumenten. Ihn stellen sich manche sicherlich eher als bayerisches Mannsbild vor, das lautstark seinen Schmalzler hochzieht. Fernab dieses Klischees hat Jana Neider als junge Frau vor fünf Jahren den Ismaninger Schnupfclub ins Leben gerufen. Inzwischen ist die Handvoll Gründungsmitglieder auf rund 70 angewachsen und es kommen immer mehr hinzu – sowohl Männer als auch Frauen.

Gründungsurkunde auf dem Bierdeckel

Gründungsurkunde: Mit den Unterschriften auf diesem Bierdeckel war der Schnupfclub aus der Taufe gehoben.

Rückblick. 11. September 2015: Jana Neider sitzt mit ihrem Partner und ein paar Freunden beim Sommerfest der Ismaninger Feuerwehr. Sie lachen, trinken, schnupfen. Auf dem Biertisch breiten sie mehrere Tabaksorten aus, probieren und diskutieren. „Und am Ende des Abends haben wir alle auf einem Bierdeckel unterschrieben“, sagt Neider. Das besiegelt die Gründung des Vereins.

Damals ist Neider 28 Jahre alt und wohnt seit neun Jahren in Bayern. Sie arbeitet in einem Unternehmen für Medizintechnik. Dort ist sie immer noch tätig. In ihrer Jugend sei sie Raucherin gewesen, sagt sie. Dann hat sie Zigarette gegen Schmalzler getauscht. „Weniger Teer.“ Zwar kann der nikotinhaltige Schnupftabak genauso abhängig machen und der Gesundheit schaden. Neider konsumiert ihn aber seltener. „Es geht beim Schnupfen um Brauchtumspflege und Geselligkeit“, sagt sie. Daher schnupft sie nur in Gemeinschaft.

Am liebsten beim Stammtisch in Rick’s Café. Dort wiederholt sich jeden zweiten Donnerstag der Gründungsabend, wenn sich die Mitglieder zum Ratschen treffen. Sie essen und reden, über Alltägliches, übers Schnupfen, und verkosten bei einem Tasting, wie das neudeutsch heißt, unterschiedliche Tabakarten. Dann stehen 20 oder 30 Döschen auf dem Tisch. Wer sie öffnet, schmeckt süße Sorten, andere duften würzig-herb. Himbeere, Nelke, Zimt. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Überhaupt: Schnupftabak ist nicht gleich Schnupftabak. Es gibt feinere und gröbere Sorten. Fans unterscheiden zwischen Snuff und Schmalzler. Der erdige Schmalzler ist vor allem in Süddeutschland und Österreich verbreitet. Seinen Namen verdankt er der Tatsache, dass er früher mit Butterschmalz vermengt und so geschmeidig gemacht wurde, erklärt Neider. Heute werde Öl verwendet. Der feinere Snuff ist trockener und häufig mit Menthol oder Aromen versetzt.

Europäischer Hochadel zog sich Tabak durch die Nase

Jana Neider kennt sich aus. Für eine junge Frau ist das eher ungewöhnlich. Zumindest schließt sie das aus den Reaktionen auf ihr Hobby: Während sie von Männern anerkennende Blicke erntet, wenn sie gemeinsam eine Prise nehmen, sind Frauen irritiert. Dabei ist das Schnupfen keine Männerdomäne. Den Tabak, der ursprünglich aus Brasilien und Kolumbien kommt, hat sich in Europa zuerst der Hochadel in die Nase gezogen, sagt Neider. Wer dazu recherchiert, stößt auf Katharina von Medici. Im 16. Jahrhundert war sie nicht nur Königin Frankreichs, sondern auch eine bekannte Schnupferin. Nach den Engländern ist übrigens die Methode benannt, die Jana Neider verwendet. Bei der bayerischen Schnupfart wird der Handrücken statt den Fingern verwendet.

Auf bayerische Art schnupfen Fans meist auch bei Wettbewerben wie im niederbayerischen Perlesreut. Sauberkeit und Schnelligkeit zählen, sagt Jana Neider. Zwei Gramm für die Frauen, drei für die Männer. Danach ab zum Gartenschlauch hinters Zelt zum Nase ausspülen. 2019 haben die Ismaninger unter 18 Mannschaften Platz sieben belegt. Heuer, so der Wettbewerb denn stattfindet, wollen sie noch besser sein.

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