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Einmal alles auf Null gesetzt: Musiker nach Auszeit zurück auf der Bühne

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Von: Marc Schreib

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Studio auf dem Bauernhof: Ramon Bessel wohnt und arbeitet auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Ismaning.
Studio auf dem Bauernhof: Ramon Bessel wohnt und arbeitet auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Ismaning. © Marc Oliver Schreib

Nach einer künstlerischen Auszeit kehrt Ramon Bessel (46) zurück auf die Bühne. Am Freitag, 26. November, spielt er ein Konzert in Ismaning.

Ismaning – Träumerisches Wandern mit ein bisschen Melancholie, Tiefe und bittersüßem Humor, all das das findet sich in den Liedern von Ramon Bessel (46), der seit einiger Zeit in Ismaning wohnt und hier am heutigen Freitag ein Konzert gibt.

Als er sich die Mansardenwohnung mit Blick aufs blaufarbene Silo zum ersten Mal ansah, kam das Gefühl auf, an Bord eines Dampfers mit Schornstein zu stehen. Auch über den überhitzten Wohnungsmarkt in München hat Ramon Bessel ein Lied geschrieben. In Wirklichkeit ist Familie Bessel in einem kleinen Teil eines ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebs in Ismaning untergekommen. Das Studio war ursprünglich als Küche konzipiert, doch dann hat es der Flügel wie von Zauberhand in den kleinen Raum geschafft. Hier streift auch Katze Nora sporadisch vorbei, die wie das Instrument völlig schwarz ist.

Ein Leben erfüllt von Musik

Das Leben des Ismaningers ist von Musik erfüllt, seit er denken kann. Die Eltern pflegten den Gesang, der Vater unter anderem in Chören am Tegernsee. Das Singen gehörte einfach dazu. Seinen Kindern wollte der Vater die Chance geben, ein Instrument zu lernen, und schon in der fünften Klasse trällerte der junge Ramon im Schulorchester auf der Querflöte, damals im Tegernseer Gymnasium. Der Leiter des Orchesters: Rudolf Maier-Kleeblatt, der jetzt das Freie Landestheater Bayern als Intendant leitet. Bessel: „Er war streng, aber wir haben auch etwas erreicht.“ Es gab Ausflüge nach Norditalien in einsame Villen. Da wurde acht Stunden lang geprobt, einfache Orchesterstücke, zum Beispiel Musicals. Die Barcarole von Offenbach musste sitzen, und zum Abschluss durfte man die Querflöte einpacken. In den Abendstunden kickten die jungen Ensemble-Mitglieder noch ein bisschen Fußball. „Freizeit war Parmesankäse hobeln für alle.“ Die Chorarbeit des jungen Musikers lief parallel, in der Grundschule schon sang er die Struwwelpeter-Kantate. Die lockigen Haare passten perfekt zur Rolle: „Die Mähne war damals noch komplett.“

Hier mischte sich bereits die Musik mit dem Schauspiel, wozu sich der 46-Jährige noch heute hingezogen fühlt. Das Schöne an der Zeit der 80er und 90er Jahre bestand für ihn darin, dass eine Subkultur an Bands im Tegernseer Tal lebendig war. Kleine Festivals schossen im Sommer aus dem Boden auf irgendeinem Acker bei Tölz. Oder: Zwischen Weyarn und Miesbach gab es irgendwo im Nirgendwo eine Talsenke, wo jemand eine Bühne hinstellte, weil er den Bauern gut kannte. Das reichte für drei Tage Dauer-Festival. Der Teenager konnte sich aussuchen, ob er eine Band gründen oder zu einer Formation stoßen wollte. Aus diesem Dunstkreis stammen auch namhafte Bands wie die Banana Fishbones. „Ich kannte sie als Zuschauer und Bewunderer.“ Ihm war klar, da will er hin. Geübt wurde in einem Heizungskeller in Rottach-Egern. Die ersten Grooves und Beats verbinden sich bei ihm heute noch mit dem Geruch Heizöl. Ziel war es, beim Fasching im Pfarrheim einen Auftritt zu bekommen. Coversongs waren tabu, man spielte ausschließlich Eigenes. Kunstvolle Rockmusik zum Beispiel. Der ganze Bereich Popularmusik war wilder Westen, studieren konnte man das damals noch nicht. In der Abizeit merkte der talentierte Musiker, dass ihn die Schule von der eigenen Berufung abhält: Musik in Kombination mit Schauspiel, Theater und Bühne.

Lernen beim Pianisten von Roberto Blanco

Daher richtete er sein Augenmerk auf die Förderung. Victor Savant, der Pianist von Roberto Blanco, war in den folgenden Jahren sein wichtigster Klavierlehrer. Nach dem Zivildienst wollte er sein Klavierspiel ausbauen. Beim ersten Anruf hieß es noch, Savant habe keine Zeit für noch einen Schüler und auch keine Nerven. Aber eine aufgenommene Platte, auf der Bessel mitspielte, bewegte ihn am Ende doch zu einer Zusage. „Ich habe den Unterricht aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Wir spielten Debussy, Beethoven aber auch moderne Meister wie Bartok. Das war für mich wie die Entdeckung Amerikas.“

Savant hatte Verständnis für den Pop-Rock-Hintergrund seines Schülers, bestand aber darauf: Jetzt machen wir wirklich Musik. Gemäß seiner Weisheit: „Rockmusik ist Benzinverbrennen ohne Motor.“ Für die Hilfe ist ihm sein Schüler noch heute unendlich dankbar.

Nach dem Abschluss für Musikpädagogik und später an der Musikhochschule in München begann er mit dem Spiel in einem Münchner Privattheater, dem Sommertheater am Englischen Garten. Über viele Jahre hinweg wurden konsequent Komödien gegeben, worein musikalische Couplets eingeflochten waren. Bei Open-Airs waren sie sehr beliebt. Daraus wurde ein Gastspielbetrieb mit 60 bis 70 Auftritten deutschlandweit. Wie Intendant August Everding zu sagen pflegte: „Wir haben den Text beseelt.“

Die Stunde Null

Aber dann kam die Stunde Null. Ramon Bessel erlebte vor sechs Jahren einen Lebensumbruch. Er hängte sein künstlerisches Hauptprojekt an den Nagel, packte seine Sachen und zog für ein Jahr an den Tegernsee, in das unrenovierte Haus seiner Schwester. Sie selbst konnte zu dem Zeitpunkt nicht einziehen, weil sie in Macao weilte. „Ich hatte erst einmal nicht mehr vor, Bühne zu machen.“ Das Interpretieren, Arrangieren, Ausführen der Werke anderer erfüllte den Künstler nicht mehr. Es fühlte sich falsch an. Er las stattdessen Bücher, die russischen Klassiker, und hatte ein Erlebnis beim Herbstspaziergang am Tegernsee. Die Sonne ging über dem Wallberg auf und schien ihm die Textzeilen des ersten Liedes einzugeben. Also griff Bessel zu einem Blatt Papier und genoss die Freiheit, ganz ohne Schema ans Werk zu gehen. Mit den ersten drei Liedern bewarb er sich forsch für den Deutschen Chanson-Peis und belegte prompt den vierten Platz. Dadurch geadelt, kam das nötige Quäntchen Selbstbewusstsein dazu, ein eigenes Bühnenprogramm auf die Beine zu stellen.

Aktuell kommen die „Lieder zum Festhalten“ zur Aufführung. Sie stammen aus einer Zeit, als sich der Komponist auch wirklich seelisch an ihnen festhalten musste. Sie gaben ihm eine Richtung. Außerdem müsse man sich beim Zuhören hoffentlich wirklich bisweilen festhalten, da sie an Verblüffendes enthalten. „Die Lieder sind alle auf der Basis des Totalverlustes des Zukunftsplanung und der Lebensrealität entstanden. Einmal alles auf Null gesetzt.“

Was dabei herausgekommen ist, sehen die Zuschauer am Freitag, 26. November, um 20 Uhr auf Youtube im Blackbox-Konzert, das aus dem Keller der VHS Ismaning gestreamt wird. Mit mehreren Kameras und einer Bildregie. Der Stream ist bei Youtube unter dem Namen des Künstlers zu finden. Es wird außerdem vor kleinen Publikum mit der nötigen 2G-Plus-Regel gespielt. Masken am Platz sind erforderlich.

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