„Das war eine konzertierte Aktion“

Hitler-Reden und Ekel-Videos: Online-Vandalen erzwingen Abbruch von VHS-Vortrag

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Eine digitale Veranstaltung der VHS Nord ist von Online-Vandalen attackieren worden. Mit eingespielten Hitler-Reden und obszönen Videos erzwangen sie einen Abbruch.

Ismaning – Mitten im „Auge des Shitstorms“, so bezeichnet der Angelsachse eine eskalierende Internet-Diskussion, fand sich jüngst die VHS im Norden des Landkreises München wieder – ausgerechnet bei einem Online-Vortrag, der sich um Hassbriefe gegen Journalisten hätte drehen sollen.

Zwei SZ-Journalisten hatten sich dazu vergangene Woche im Ismaninger VHS-Videostudio vor die Kameras gesetzt, rund 50 Zuschauer hatten zu der Gratis-Veranstaltung eingeschaltet. Doch schon wenige Minuten nach dem Start, berichtet VHS-Nord-Chef Lothar Stetz, fluteten Unbekannte den Chat mit kyrillischen Schriftzeichen und wirren Aussagen mit Russland-Bezug. Da der Abend auch als offenes Forum mit Zuschauer-Fragen konzipiert gewesen sei, sei es den Störern auch gelungen, Video-Sequenzen einer Hitler-Rede und Masturbationsszenen einzuspielen.

„Wir waren unvorbereitet auf diese Massivität“

„Das war eine konzertierte Aktion, mit dem Ziel die Veranstaltung zu zerstören“, sagt der VHS-Chef. „Und die Sabotage ist voll gelungen“. Weil es sich um mehrere Angreifer gehandelt habe, seien er und sein Team kaum hinterhergekommen, die Störer stummzuschalten oder zu entfernen. „Wir waren unvorbereitet auf diese Massivität“, bekennt Stetz. Schließlich musste die Veranstaltung abgebrochen werden, weil gleichzeitig zu den vulgären Einspielungen auch technische Attacken erfolgt seien, die es unmöglich gemacht hätten, den Vortrag an die Zuschauer im Netz auszuspielen. Auch seien viele Zuschauer von den Vorgängen abgeschreckt worden und hätten den virtuellen Veranstaltungssaal verlassen.

Angesichts der Obszönität der Störungen ist sich der VHS-Chef nicht sicher, ob die Aktion Profis zuzuordnen ist oder „nur“ ein bösartiger Streich war. Anzeige erstatten will er allemal, auch wenn er sich keine großen Hoffnungen macht, genug Datenspuren der Täter sammeln zu können.

Künftig höhere technische Hürden zur Teilnahme an Online-Kursen

An dem Vortragsformat mit Beteiligung der Zuschauer will die VHS aber festhalten – trotz dieses Negativ-Erlebnisses, das in den USA schon als „Zoom Bombing“ Eingang in die Alltagssprache gefunden hat. Nur wird es, zu Lothar Stetz’ Bedauern, künftig höhere technische Hürden für die Teilnahme geben, darunter einen Passwortschutz und einen Warteraum, eine Art Einlass-Kontrolle also. „Es ist schade um den niederschwelligen Zugang“, sagt Stetz. Doch gerade bei einschlägigen Veranstaltung müsse er nun mehr auf die Sicherheit achten.

Oder sie, sobald es geht, wieder im Präsenzbetrieb abhalten. Denn dass Ruhestörer schon einmal einen VHS-Saal mit wüsten Parolen gesprengt hätten, ist zumindest in der Region noch nicht passiert.

Rubriklistenbild: © dpa / Helmut Fohringer

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