+
Der WM-Traum wurde für die Jungs von Jogi Löw 2014 in Brasilien wahr.

Interview zum Start der Fussball-WM in Russland

Experte sagt: „Jogi Löw hätte nach 2014 abtreten sollen“

  • schließen

Sven Sohr leitet an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport den Studiengang Life-Coaching, der im kommenden Semester auch in Ismaning angeboten wird. Als Coach der Coaches hat sich der 51-Jährige alle Trainer der WM-Teilnehmer genauer angeschaut. Denn Sohr ist überzeugt: „Weltmeister wird die Mannschaft mit dem besten Coach.“ Seine Erkenntnisse dürften deutschen Fußballfans kaum schmecken.

-Herr Sohr, heute beginnt die Weltmeisterschaft in Russland, halb Deutschland glaubt fest an die Titelverteidigung. Und Sie sagen: Deutschland ist kein ernsthafter Titelkandidat. Wieso?

Ich würde es Deutschland ja wünschen und drücke dem Team von Jogi Löw auch die Daumen. Aber meine ehrliche Expertise sagt etwas anderes. Nicht zufällig hat es in den vergangenen 50 Jahren kein Land geschafft, den WM-Titel zu verteidigen. Es ist einfach schwer bis unmöglich, als amtierender Weltmeister die gleiche Motivation aufzubringen wie vier Jahre zuvor, als man das große Ziel noch nicht erreicht hatte.

-Aber genau das ist doch die Aufgabe von Jogi Löw…

... dessen Vertrag vor einigen Wochen bis zur übernächsten WM verlängert wurde. Damit hat der DFB weder ihm noch dem Team einen Gefallen getan. Außerdem ist es ganz natürlich, dass nach einem Titelgewinn wie 2014 gewisse Müdigkeitserscheinungen bei einem Trainer auftreten. Aus meiner Sicht wäre es weise gewesen, wenn Jogi Löw nach dem WM-Sieg freiwillig abgetreten wäre – auf dem Höhepunkt, so wie es jetzt zum Beispiel Zinedine Zidane bei Real Madrid getan hat.

-Sie sagen: „Weltmeister wird die Mannschaft mit dem besten Coach“. Wissen Sie, was Franz Beckenbauer seinen Jungs vor dem WM-Sieg 1990 mit auf den Weg gegeben hat? „Geht’s raus und spielt’s Fußball.“ Das klingt nicht allzu kompliziert…

Franz Beckenbauer ist sogar ein sehr gutes Beispiel. Mit seiner Art und Weise hat er eine Magie ausgestrahlt, die sich auch auf die Spieler übertragen hat. Und trotz dieses Spruchs: Bei ihm steckte sicher viel mehr dahinter. Er wird das Team damals auch intensiv gecoacht haben.

-Was braucht ein guter Trainer?

Zweifellos muss er über das nötige Fachwissen verfügen, das ist die Basis. Aber er sollte auch ein leidenschaftlicher Motivator sein und ein Psychologe, der Konflikte löst und individuell auf jeden Spieler eingeht. Gerade bei Fußballtrainern hat sich der Führungsstil in den vergangenen Jahren stark verändert.

-Sie meinen die Magath‘schen Medizinbälle, die heute nicht mehr en vogue sind?

Genau, weil solch ein autoritärer Führungsstil zwar mitunter kurzfristige Erfolge zeigt – so wie beim Titelgewinn des VfL Wolfsburg 2009 unter Magath. Aber man hat damit keine nachhaltige Entwicklung, das zeigt auch die Führungsstil-Forschung. Demnach ist der sogenannte familienorientierte Führungsstil viel erfolgsversprechender.

-Stichwort Familie: Wenn ich an meine Kinder denke, dann braucht‘s durchaus auch Autorität und klare Ansagen.

Ja, aber es braucht auch Einfühlungsvermögen und das Gefühl für die individuellen Qualitäten jedes Einzelnen. Man muss seine Schäfchen gut kennen und wissen, wann welcher Spieler lobende Worte braucht und wann man ihn anstacheln muss. Dieser emotionalen Komponente wird in Deutschland leider zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Da sind Länder wie die USA deutlich weiter.

-Welcher Trainer verkörpert Ihrer Ansicht nach das Konzept des familienorientierten Führungsstils am besten?

Ich verweise da gerne auf Jürgen Klopp. Er hat mit seinem Stil bei seinen bisherigen drei Vereinen immer langfristig gearbeitet – und langfristig Erfolg gehabt. Klopp führt seine Mannschaften wie eine Familie. Ich habe erst kürzlich erfahren, dass der Begriff „Team“ vom altenglischen Wort für „Familie“ abstammt – und das trifft es genau.

-Wenn die deutsche Fußball-Familie nun also in Russland nicht jubeln darf – wer wird dann Ihrer Meinung nach Weltmeister?

Als Favoriten werden neben Deutschland ja immer Frankreich, Spanien und Brasilien genannt. Und alle drei haben sicher das Zeug zum WM-Sieg. Frankreich hat vielleicht die talentiertesten Einzelspieler – aber funktionieren die Spieler auch als Mannschaft? Da ist vor allem der Trainer gefordert. Mein persönlicher Tipp lautet diesmal Argentinien.

-Also jener Gegner, den Deutschland im Finale 2014 mit 1:0 besiegt hat.

Und genau deshalb brennen die Argentinier darauf, es diesmal zu schaffen. Außerdem haben sie in Jorge Sampaoli einen Trainer, der im positiven Sinn ein Fußball-Verrückter ist. Ich habe mir im Vorfeld der WM die Coaches aller Länder einmal genauer angeschaut. Und was die Motivation betrifft, dürfte Jorge Sampaoli kaum zu toppen sein.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

16-Jährige vergewaltigt: Angeklagte verhalten sich respektlos - da wird es dem Richter zu bunt
Im Prozess gegen die mutmaßlichen Vergewaltiger, die in Höhenkirchen im vergangenen Jahr eine 16-Jährige brutal missbraucht haben sollen, hat am Donnerstag der …
16-Jährige vergewaltigt: Angeklagte verhalten sich respektlos - da wird es dem Richter zu bunt
Ungebetener Terrassenkrabbler: Feuerwehr Unterschleißheim auf Krabbenjagd
Einen ungewöhnlichen Einsatz in kleiner Besetzung absolvierte die Feuerwehr Unterschleißheim. Der Übeltäter ist kein Unbekannter.
Ungebetener Terrassenkrabbler: Feuerwehr Unterschleißheim auf Krabbenjagd
Zwei Kilometer lange Ölspur
Eine zwei Kilometer lange Ölspur hat sich am Donnerstagnachmittag quer durch Unterhaching gezogen.
Zwei Kilometer lange Ölspur
Aschheimer Bauerntheater: Rotlicht auf dem Reithof
Mit dem „fast keuschen Josef“ hat das Aschheimer Bauerntheater einen Kassenschlager gelandet.
Aschheimer Bauerntheater: Rotlicht auf dem Reithof

Kommentare