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Ein Paar und seine Werkstatt: Claudia und Stefan Hartl eröffneten ihre „Waxl Stubn“ im ehemaligen Kartoffellager ihres Bauernhofs.

Geschäftsidee

Die Ski-Waxler im Kartoffellager

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Weil sie mit dem Service anderswo nicht zufrieden waren, gründeten Claudia und Stefan Hartl aus Ismaning ihre eigene Skiservice-Werkstatt. Die „Waxl Stubn“ in Ismaning mauserten sich zur Erfolgsgeschichte.

Ismaning– Es ist ziemlich genau zehn Jahre her, da begann für Stefan und Claudia Hartl eine Odyssee. Das Ehepaar aus Ismaning sehnte sich danach, mal wieder zum Skifahren zu gehen, und wollte vorab die eigenen Skier einem fachmännischen Service unterziehen lassen: neues Heißwachs für den Belag, die Kanten mal wieder schleifen.

„Was wollt ihr mit den alten Latten?“

„Da begann die Suche“, erinnert sich Claudia Hartl. Im ersten Skigeschäft hieß es, derzeit sei zu viel Betrieb – keine Kapazität für Service. Im zweiten Laden warteten die Hartls geduldig eine halbe Stunde. „Dann sagte der Mitarbeiter zu uns: ,Was wollt ihr mit den alten Latten?‘. Wir sollten uns gleich neue kaufen – oder zwei Wochen auf den Skiservice warten.“

Jetzt wurden die Hartls allmählich grantig, fuhren nach Hochfügen in Tirol, um ihre Skier vor Ort richten zu lassen. „Großer Service, zweimal 39 Euro, das dauert“, hieß es. Also nahmen sich die Hartls für einen Tag Leihski, „bei denen die Bindung miserabel eingestellt war“.

Zwei Stunden im Lift bringen die Erleuchtung

Die Laune war im Keller, und dann kam es obendrein zu einem Malheur, das sich im Nachhinein aber als glückliche Fügung erwies. Wegen eines technischen Defekts der Anlage hing das Ehepaar nämlich zwei Stunden im Lift fest – Zeit zum Sinnieren. „Eigentlich ist es ein Wahnsinn, welchen Aufwand man betreiben muss, um ein bisschen Ski zu fahren“, sagte Claudia Hartl damals. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: „Was, wenn wir den Skiservice selbst machen?“ Ihr Mann, im Hauptberuf Landwirtschaftsmeister mit eigenem Ackerbau, entgegnete spontan: „Du meinst, so was wie eine Waxl Stubn?“

Das Kartoffellager wird zur guten Stube

Es war die Initialzündung für eine Geschäftsidee, welche die Hartls Anfang 2010 in die Tat umsetzten: Sie räumten das Kartoffellager im heimischen Bauernhof leer, bauten die Räume um, schafften die nötigen Maschinen an und erweiterten das vorhandene Fachwissen durch Fortbildungen. Für ihre „Waxl Stubn“ wurden die Hartls am Anfang von der Konkurrenz belächelt. „Aber all die Geschäfte derer, die uns damals ausgelacht haben, gibt es heute nicht mehr.“

Fingerspitzengefühl: Jeder Ski bekommt von Stefan Hartl den Service, den er braucht.

Zehn Jahre später ist das einstige Kartoffellager vollgestellt mir Skiern: Obwohl Stefan und Claudia Hartl, mittlerweile 47 und 42 Jahre alt, keine Werbung machen, rennen die Kunden ihnen im wortwörtlichen Sinn „die Stubn“ ein.

Jedem Ski den Service, den er braucht

Das Erfolgsgeheimnis lieht in der individuellen Beratung, an die sich ein Skiservice mit modernen Maschinen anschließt. Viele fragen gleich nach einem „großen Service“, erhalten dann aber die abgespeckte Version: „Oft ist das gar nicht nötig. Nein, der Kunde bekommt bei uns das Stimmigste“, sagt Claudia Hartl. Weniger sei manchmal mehr: „Wir schleifen ganz brav und nehmen nicht zuviel Belag herunter.“ Ihr Ehemann ergänzt das, technisch betrachtet: „Pro Arbeitsgang nehmen wir zwei bis drei Hundertstel-Millimeter vom Belag weg.“ 30 bis 40 Mal sei bei einem Alpinski ein Service möglich, bei einem Tourenski etwas weniger.

Rutscht bald wieder: Mit Spezialwerkzeug bessert Stefan Hartl einen Skibelag aus.

Besonders großen Wert legen sie in der „Waxl Stubn“ auf den richtigen Kantenschliff. Ein rechter Winkel für den Kinderski oder 87 Grad für den sportlich versierten Skifahrer? „Spitzenathleten wie Felix Neureuther oder Marcel Hirscher fahren sogar eine 86er-Kante“, weiß Stefan Hartl. Also versucht man, Kundschaft und Ski in Einklang zu bringen. Wobei es Grenzfälle gibt: „Einmal kam eine Frau und wollte unbedingt einen Rennschliff“, berichtet Claudia Hartl. „Ich sagte ihr, dass dieser Ski so was nicht kann. Sie pochte aber darauf – und war entsprechend enttäuscht.“

Bauchgefühl beim Kantenschliff

Der Kantenschliff, ein Thema für sich. „Ich muss mich auf mein Bauchgefühl verlassen“, sagt Stefan Hartl. Schon vor zehn Jahren habe die „Waxl Stubn“ sich beim Kantenschleifen von der Konkurrenz abgegrenzt. „Damals bereits haben wir mit Keramikscheiben geschliffen statt mit dem Band. Das ist viel feiner.“ Präzisionsarbeit pur, die den Unterschied macht.

Ein Herz hat das Ehepaar mit zwei Kindern für skibegeisterte Familien. Wenn der große Bruder den Ski an die kleine Schwester weiterreicht, muss oft die komplette Bindung umgeschraubt werden – viel Arbeit, die viele scheuen, weil sie nicht lukrativ ist. „Wir bieten extra ein Kinderpaket an, haben ein Herz für Familien“, sagt Claudia Hartl. Die eigenen Kinder helfen übrigens auch schon mit: Constanze (11) füllt den Lutschervorrat auf, Benedikt (14) darf sogar schon Skier wachsen.

Den Belag reinigen, vorschleifen, die Kante scharfmachen, einen Strukturschliff in den Belag bringen und diesen schließlich wachsen sowie polieren: Skiservice ist Handarbeit. Deren Qualität wissen viele zu schätzen, bis zu 40 Kilometer weit fahren manche Kunden extra nach Ismaning. Denn das Credo der Hartls und ihres Teams mit Skilehrern und Sportstudenten, die auch Uraltmodelle noch bearbeiten, überzeugt: „Wir holen das Beste aus jedem Ski heraus, niemand muss sich dauernd das neueste Modell kaufen. Jeder Ski geht bei der Endkontrolle so heraus, dass wir ihn auch selbst fahren würden – er muss einfach perfekt sein.“ Nur eins ist nicht (mit)käuflich: der Schnee.

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