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Mitten im Räumungsverkauf: Für Waltraud Mehler (l.) und Heidi Dudek-Mannes sind die Arbeitstage im Ismaninger Buchladen gezählt. Er rentiert sich nicht mehr.

Nach 35 Jahren

Ismaning: Traditions-Buchhandlung am Korbiniansplatz muss aufgeben

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Nach 35 Jahren schließt die Buchhandlung am Korbiniansplatz in Ismaning. Der Räumungsverkauf läuft. Die sieben Frauen, die ihre Kunden dort mit großer Freundlichkeit beraten haben, sperren Anfang März für immer zu.

Ismaning – Heidi Dudek-Mannes (70) und Waltraud Mehler (63) bieten Kaffee und Kekse an. Zwei Frauen mit grauem Haar, schwarzen Pullovern und hellwachen Augen hinter rot geränderten Brillen. Die Buchladenbetreiberin und ihre Mitarbeiterin schauen aus dem Fenster. Rechts neben ihrem Geschäft ist ein Wettbüro eingezogen, links die Filiale einer Billig-Mode-Kette. Nur wenige Menschen huschen über den Korbiniansplatz. Drinnen sind einige Bücherregale schon leer. Die Tage sind gezählt. 35 Jahre gab es die klassische Buchhandlung in Ismaning. Nun haben sich die Schwestern Irmgard Mannes und Heidi Dudek-Mannes schweren Herzens entschieden, ihr Geschäft aufzugeben.

„Die Verkaufszahlen sind in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken“, sagt Dudek-Mannes. „Unser Steuerberater hat irgendwann gesagt: Ihr Geschäft nimmt langsam Hobbycharakter an.“ Wehmut schwingt mit, aber auch eine gute Portion Abgeklärtheit: „Wir hatten jetzt anderthalb Jahre Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen.“

Anders ist es für die Stammkunden. „Die sind erschüttert“, sagt Waltraud Mehler. Viele wollen sich den Verlust der Buchhandlung gar nicht ausmalen. Wie jene Lehrerin, die vor den leeren Regalen stand und fragte: „Bauen sie um?“ Von Geschäftsaufgabe wollte sie nichts wissen. Es könne doch nicht sein, dass es am Schulstandort Ismaning nun keinen Buchladen mehr gibt.

Macht zu: der Buchladen am Korbiniansplatz.

Doch der lohnt sich einfach nicht mehr. „Der Einzelhandel hat es schwer gegen die Konkurrenz im Internet zu bestehen“, sagt Waltraud Mehler. „Angeblich wird sowieso weniger gelesen“, sagt Dudek-Mannes. Und: „Viele lesen auch E-Books.“

Es war ein Notfall, als Irmgard Mannes (68) den Laden 2001 übernahm: Ihre Freundin Ute Volz, die die Buchhandlung vor 35 Jahren eröffnet hatte, war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Irmgard Mannes, die eigentlich Lehrerin war, führte den Laden weiter, gemeinsam mit ihrer Schwester Heidi, einer studierten Historikerin, die in der Erwachsenenbildung unterrichtete. Die ersten beiden Jahre bedeuteten für die Lehrerinnen eine Doppelbelastung. „Ohne das Team hätten wir es nie geschafft“, sagt Dudek-Mannes dankbar. Auch ihre Schwester Barbara Mannes unterstützte sie und kümmerte sich einmal im Monat um die Buchhaltung.

Die Vertreter der großen Verlage gingen am Korbiniansplatz ein und aus und stellten ihre Neuerscheinungen vor. Ein stets aktuelles Sortiment garantierte die Qualität. Zweimal im Jahr luden die Schwestern zu Weinabenden ein und stellten ihren Kunden ausgewählten Lesestoff vor.

„Das war immer sehr nett“, erinnert sich Dudek-Mannes. Über die Jahre fanden Elan und Begeisterung bei den Kunden ein lebendiges Echo. Viele warteten gespannt auf den „Tipp des Monats“. Alle sieben Mitarbeiterinnen gaben eine Buchempfehlung aus ihrem Ressort ab, ob Kinderbuch, Belletristik, Sachbuch, Krimi, Hörbuch oder Jugendliteratur. „Wir haben es wirklich jeden Monat geschafft“, sagt Dudek-Mannes stolz. „Überhaupt haben wir sehr viel Lob erhalten.“

Anderthalb Jahre lang haben die Inhaberinnen nach Nachfolgern gesucht. „Es gab Interessenten“, sagt Dudek-Mannes, „die Miete ist ja sehr verträglich.“ Aber die Umgebung und die Umsatzzahlen schreckten ab. Sie erzählt, dass sie in den vergangenen Monaten „für lau“ gearbeitet habe, um die Mitarbeiterinnen bezahlen zu können. Trotzdem hat sie sich einen Traum erfüllt. Der Buchladen war für sie viele Jahre lang ein wunderbares Projekt und der richtige Ort. „Jetzt sind wir im Rentenalter“, sagt die 70-Jährige. Die Mitarbeiterinnen hätten alle anderweitig ihr Auskommen. „Da darf man dann auch sagen: Es reicht.“ Aber um die Stammkunden tut es ihr leid: „Der Kontakt wird uns fehlen.“  

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