Eine Person trinkt aus einem Glas, daneben steht eine Weinflasche. Symbolbild Anonyme Alkoholiker
+
Düstere Versuchung: Den Griff zum Glas wollen sich alle Teilnehmer abgewöhnen. (Symbolfoto)

20 Jahre AA-Treffen in Ismaning

„Ich will das nicht in meinem Haus haben“: Anonyme Alkoholiker über ihre Sucht

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
    schließen

Wie stehen Anonyme Alkoholiker zum Oktoberfest? Wie läuft ein sogenanntes Meeting ab? Werden sie je wieder saufen? Wir haben ein Treffen besuchen dürfen.

Ismaning – „Hallo, ich bin Armin und mehrfach alkoholsüchtig.“ Fast jeder Redebeitrag der Gruppenmitglieder fängt so an wie von Armin. Es ist ein wichtiger Schritt: zugeben, dass man alkoholsüchtig ist. Armin ist an diesem Mittwoch mit neun anderen im evangelischen Gemeindehaus in Ismaning zusammen gekommen, zu einem sogenannten Meeting der Anonymen Alkoholiker (AA). Die Gruppe besteht an diesem Abend aus fünf Frauen und fünf Männern, sie sind Deutsche, über 50 und redselig. Und sie sind alkoholsüchtig.

Armin heißt eigentlich anders, er und seine neun Mitmenschen wollen ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Zu groß ist das Stigma in der Bevölkerung. Innerhalb der Gruppe unterbricht niemand die Redebeiträge. „Wir diskutieren nicht, wir applaudieren nicht, wir kommentieren nicht“, sagt Armin. „Einfach nur zuhören.“ Die Gespräche würden den Raum nicht verlassen.

„Ich habe meine Birne weggesoffen.“

Die Geschichten der Gruppenmitglieder ähneln sich, es ist eine Gemeinschaft der Gleichen: Die Alkoholkranken haben ein Problem mit sich selbst. Armin etwa fing mit 16 Jahren zu trinken an. Mit seinem Leben konnte er nichts anfangen, erst der Alkohol ließ ihn sich selbst akzeptieren. Neben ihm sitzt Thomas, er wirkt gehetzt. Thomas hat eine Frau und ein fünfjähriges Kind, dazu einen tollen Job. „Klingt alles super“, sagt er. Er sei aber ein psychisch wackliger Mensch und liebe sich selbst nicht. Dann ist da Stefan, seit 29 Jahren ist er trocken und Mitglied der AA.

Mit 14 Jahren hatte er seinen ersten Vollrausch. Weil er meist in der elterlichen Gaststätte arbeiten musste, hatte er keine Freunde. „Ich habe meine Birne weggesoffen.“ Elisabeth, eine zierliche Frau, hatte wegen der Wirkung gesoffen. Der Rausch machte sie selbstbewusst und ließ ihre Probleme verschwinden, sagt sie. Zum Frühstück trank sie deshalb schon Sekt und Wein. Einen Kater vom Vortag hatte sie schon gar nicht mehr.

Die Frauen und Männern soffen teils über Jahre. So erzählen sie es, einer nach dem anderen. Margarethe, eine Frau mit tiefen Falten im Gesicht, trank jeden Tag bis zur Bewusstlosigkeit. „Gerade noch so“ schleppte sie sich selbst ins Bett. Nach einigen Jahren fuhr sie zur Entgiftung ins Klinikum nach Haar, mit dem eigenen Auto und 2,6 Promille im Blut. Es folgten 16 Wochen Langzeittherapie.

Selbsthilfegruppe ist auch eine Lebensschule

Michael, übergewichtig und krank, war 30 Jahre schwerster Alkoholiker. Er trank so viel Schnaps, bis sein Körper „zumachte“. Er kotzte den Stoff wieder aus. Im Krankenhaus eröffnete ihm eine Ärztin zwei Wege: Er könne sich in einer Psychiatrie behandeln lassen oder nach Hause gehen und weitersaufen. Michael entschied sich für eine Therapie.

20 Jahre Anonymen Alkoholiker in Ismaning

Anonymität ist eines der Versprechen der AA. Es ist eine freiwillige Gemeinschaft, ohne Gebühren oder Mitgliederbeiträge. Die einzige Voraussetzung für die Teilnahme ist, mit dem Trinken aufzuhören. Nach Angaben der AA gibt es rund 118 000 Gruppen mit über zwei Millionen Mitgliedern weltweit. Die Gemeinschaft erhält sich selbst, Spenden der Mitglieder sind auf 2000 Euro im Jahr begrenzt. Die AA-Gruppe in Ismaning feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Sie trifft sich mittwochs in der St. Johann Baptist Kirche und samstags in der evangelischen Kirche jeweils um 19 Uhr.

Auch Stefan reichte Bier irgendwann nicht mehr, er fing an Obstler zu trinken. Dann machte er „einen Fehler“, wie er in der Sitzung sagt: „Ich habe meiner Frau eine geschmiert.“ Seine Welt brach zusammen, er stand heulend vorm Spiegel. Einige Tage später saß er in seinem ersten Meeting und sagte: „Ich bin Stefan und Alkoholiker“. Das war vor 29 Jahren.

Bei den AA gehe es nicht nur ums Trockensein, die Selbsthilfegruppe sei auch eine Lebensschule, erklärt Stefan. „Die Geschichten halten uns einen Spiegel vor, in dem wir uns selbst sehen.“ Mit den Erzählungen könne er sich identifizieren, vor dem ersten Treffen hätte er sich seine Alkoholsucht nicht eingestanden. Nun, nach fast 30 Jahren, könne er wieder ein schönes Leben führen. Ohne den Stoff.

Regel für Abstinenz: „Nur für 24 Stunden“

Nie wieder Alkohol zu trinken, ist für einige Mitglieder eine unerträgliche Vorstellung. Lieber folgen sie einem Versprechen, das die Mitglieder „Nur für 24 Stunden“ nennen. Sie konzentrieren sich darauf, für die kommenden 24 Stunden trocken zu bleiben. „Heute trinke ich nichts. Was der morgige Tag bringt, weiß ich nicht“, sagt Armin.

Die Mitglieder der Gruppe haben kein Problem damit, wenn Freunde in ihrer Gesellschaft Alkohol trinken. Auf entgrenzten Alkoholkonsum, wie er auf dem Oktoberfest stattfindet, haben die meisten dennoch keine Lust: „Diese Energie dort kann ich nicht aushalten, ich finde es abstoßend“, sagt Thomas. Wenn Rita, eine schüchterne Frau in der Gruppe, Freunde zu sich nach Hause einlädt, müssen sie selbst Alkohol mitbringen. „Ich will das nicht in meinem Haus haben.“

Die Frauen und Männern beenden das Treffen mit einem Bekenntnis – auch gegenüber Gott. Jedes Mitglied dürfe seinen Glauben an eine größere Macht haben, sagt Armin. Er streckt seine Arme vor seinem Bauch aus und stimmt mit in den Chor. Beim Herausgehen werfen die Teilnehmer ein paar Euro in eine kleine Kasse. So wie Johannes. Die AA hätten sein Leben gerettet. „Ohne die Gruppe würde ich heute nicht hier am Tisch sitzen.“ Ohne die AA hätte er sich vor 14 Jahren zu Tode gesoffen.

Weitere Nachrichten Ismaning und dem Landkreis München finden Sie hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare