Eine Schülerin lernt am Laptop.
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Eine Schülerin lernt am Laptop.

Video-Debatte

Kritik am Lernen daheim: „Es bringt nichts, wenn die Lehrer nichts anbieten“

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Nach drei Monaten Lernen daheim berichten ein Schüler, Lehrer und Eltern von ihren Erfahrungen. Die Motivation und Befähigung, digital zu unterrichten, sei bei den Lehrern unterschiedlich, ziehen mehrere Teilnehmer Bilanz.

LandkreisDie Kreis-SPD hält Rückschau – nicht, um Vorwürfe zu machen, sondern um Probleme und Chancen zu finden: „Was können wir für unser Bildungssystem aus/nach Corona lernen?“ 32 Personen verfolgen online die Video-Diskussion, die SPD-Kreischef Florian Schardt auf der Plattform Zoom moderiert. „Die Motivation und Befähigung, digital zu unterrichten, ist bei den Lehrern verschiedenst, allerdings sind sie ja auch für den Präsenzbetrieb ausgebildet worden“, sagt Angela Boschert aus Neubiberg, deren Kind in die siebte Klasse am Ottobrunner Gymnasium geht. Sie fragt: „Gibt es da Anreize für Lehrer?“

„Die Motivation der Lehrer war schwach“

Korbinian, der die 11. Jahrgangsstufe am Gymnasium Kirchheim besucht, stellt fest: „Es bringt nichts, wenn die Schüler ein Endgerät haben, aber die Lehrer nichts anbieten. Bei uns haben alle Schüler ein Endgerät gehabt, aber die Motivation der Lehrer war schwach.“ Er habe nur dreimal Online-Unterricht gehabt, und zwar in Nebenfächern wie Kunst und Sport. „Wir haben in den wichtigen Fächern Mathe, Deutsch und Englisch nur Arbeitsaufträge bekommen.“ Es werde vorausgesetzt, dass man sich den Stoff selber beibringe. „Das funktioniert nicht bei allen Schülern“, moniert der Elftklässler. Viele würden den Anschluss verpassen.

Eva Sonnekalb berichtet: „Nur ganz wenige von den Lehrern meiner Kinder haben den persönlichen Chat-Kontakt angeboten.“ Sie fragt: „Kann man die Lehrer nicht verpflichten, zumindest eine Arbeits-Mail-Adresse zu haben und Mails in einem bestimmten Zeitraum zu beantworten?“

Tanja Gernet, Mutter einer Grundschülerin aus Unterföhring, berichtet von guten Erfahrungen mit der Lernplattform „Padlet“, „das funktioniert eins a, auch ohne, dass Eltern das erklären.“ Allerdings stellt auch sie fest: „Die älteren Semester unter den Lehrkräften machen wenig oder gar nichts, außer ein paar Bastelanleitungen herumzuschicken. Das ist nicht zielführend.“ Sie warnt vor Youtube-Videos als Unterrichtsmaterial, ohne Schutzmaßnahmen zu treffen: „Da sollen sich die Kinder ein Erklärvideo anschauen, aber dann ist die Maus schnell auf ganz anderen Videos. Wie kann man Familien davor schützen?“

„Unser Kollegium hat sich reingehängt“

Aber es gibt auch Lob für die Lehrkräfte. „Manche knien sich unglaublich rein“, erzählen mehrere Diskussionsteilnehmer. Positiv wird die Erfahrung mit der Videokonferenzplattform MS-Teams geschildert. Dagegen sollte sich das Bayerische Kultusministerium von „selbst gestrickten Lösungen“ wie „Mebis“ besser verabschieden, sagt eine Mutter.

Rektorin Antje Zeisler von der Camerloher-Grundschule in Ismaning berichtet: „Mein Kollegium hat sich reingehängt bis zum Geht-Nicht-Mehr.“ Es habe keine Schulungen gegeben, aber ein unübersichtliches Wirrwarr, welche Lernplattform man verwenden dürfe und welche dem Datenschutz nicht genügte.

Was muss sich ändern am Bildungssystem und wie kann Homeschooling besser laufen, falls eine zweite Corona-Welle ausbricht? „Dass viele Lehrer so zögerlich beim Onlineunterricht sind, liegt doch daran, dass sie unsicher sind“, sagt Eva Sonnekalb. Sie empfiehlt eine Organisation von Ehrenamtlichen, die Unternehmen, aber auch Schulen helfen, fit zu werden für die Digitalisierung. Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) fordert: „Das Kultusministerium muss die Lehrer schulen, die dann auch die Eltern besser mitnehmen müssen.“

Korbinian, der Elftklässler vom Gymnasium Kirchheim, hielte es für einen guten Weg, wenn vormittags in kleineren Gruppen Präsenzunterricht in der Schule stattfände und nachmittags Online-Unterricht mit Übungen. Annette Ganssmüller-Maluche (SPD) sieht das Lernen in Gruppen als eine Chance, die die Corona-Krise aufgezeigt habe.

SPD-Landtagsabgeordnete Natascha Kohnen fordert, dass der Freistaat das schnelle Internet endlich ausbaut und die Kommunen finanziell stärkt, die für die Ausstattung der Schulen zuständig sind: „Lehrmittelfreiheit heißt auch, dass es Endgeräte gibt, die Schüler ausleihen können.“ Statt 12,75 Prozent des bayerischen Steuerverbunds sollten die Kommunen wie in Baden Württemberg 26 Prozent bekommen. Die soziale Schere dürfe beim Thema Bildung nicht weiter auseinandergehen, warnt sie. Kultusminister Michael Piazolo (FW) müsse vor den Sommerferien ein „schlüssiges Konzept mit verschiedenen Szenarien“ vorlegen.

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