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Mal eben in die Tasche gegriffen: Polizist Josef Voit zeigt Marion Mayer, wie schnell und meist unbemerkt Diebe Wertgegenstände aus Handtaschen ziehen.

Informationsveranstaltung in Ismaning

Der Tritt mit dem Knie nutzt nichts

Die Polizei hat Senioren darüber informiert, wie sie sich in gefährlichen Situationen verhalten sollen. Dabei helfen vor allem die „drei L“: Licht, Lärm und Leute. Von Tritten in den Schritt raten die Beamten ab.

Ismaning – Im Eingangsflur des Ismaninger Hillebrandhofs hängt das Plakat zu der Veranstaltung, die gleich beginnt. „Gehen Sie da hin?“, fragt die ältere Frau und zeigt auf die Ankündigung für den Seniorenkurs „Potenzielle Opfer Lernen Individuelle Zivilcourage und Eigensicherheit“ – die Anfangsbuchstaben sind groß geschrieben, da sie zusammen „Polizei“ ergeben, aber das nur am Rande. „Ich brauche so was nicht“, fährt die Dame fort. „Wenn mich einer anlangt oder mir dumm kommt, dann mache ich so...“ Sagt’s und schwingt ihr rechtes Knie mit einer Vehemenz empor, die man dieser sicher achtzigjährigen Frau nicht zugetraut hätte. „Das tut jedem Mann weh“, sagt sie grinsend. „Und dann lässt er mich in Ruhe.“

Doch so charmant die Seniorin ihre Auffassung von Eigensicherheit auch vorträgt – das sei genau der falsche Weg, erklärt wenig später Andreas Allgäuer, Kontaktbeamter der Polizei Ismaning. Er und sein Kollege Josef Voit sind auf Einladung des AWO-Altenclubs in den Hillebrandhof gekommen, um mit den rund 50 Senioren über das richtige Verhalten in gefährlichen Situationen zu sprechen. „Von Selbstverteidigung raten wir ab“, sagt Allgäuer, was die Dame im Flur ungern hören wird. „Denn meistens ist der andere stärker, wenn man in einem bestimmten Alter ist“, sagt der Polizist, der auch von Pfefferspray und Co. wenig hält: „Da ist die Gefahr, dass der andere mir das wegnimmt und selbst einsetzt.“

Dunkle Gegenden meiden - und im Gefahrenfall ordentlich Lärm machen

Stattdessen rät Josef Voit den Senioren, sollten sie tatsächlich in der Öffentlichkeit bedrängt oder belästigt werden, zu den „drei L“: Licht, Lärm und Leute. Konkret sollte man also dunkle Gegenden meiden – „oder warum muss ich nachts durch den Schlosspark, wenn ich auch außenrum gehen kann?“, fragt Voit. Werde man dennoch drangsaliert, müsse man sich lautstark bemerkbar machen – schreiend, mit der Trillerpfeife oder einem Taschenalarm, dessen Lautstärke der Polizist sogleich vorführt. Auch in Bus oder Bahn gelte es, im Gefahrenfall Lärm zu machen, den Notruf zu drücken und gezielt Leute anzusprechen: „Nicht nur Hilfe rufen, sondern sagen: Sie in der roten Jacke, informieren Sie den Busfahrer“, erklärt Voit, der überdies rät: Den Belästiger immer mit Sie ansprechen – „beim Du denken die anderen, dass es ein Streit unter Freunden ist“.

Bei all den Empfehlungen verweist Josef Voit aber immer wieder auf die Statistik: Von allen Gewaltverbrechen im Bereich des Polizeipräsidiums München geschehen nur je rund ein Prozent in Parkanlagen und im Nahverkehr oder an Bahnhöfen. Und hier wiederum seien nur in zwei Prozent der Fälle über Sechzigjährige beteiligt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Opfer werden, ist also sehr gering“, stellt Voit klar. Viel größer sei das Risiko beim Thema Taschendiebe. Hier helfe es, sagt Voit, den Geldbeutel direkt am Körper zu tragen. Zudem gebe es durchaus wirkungsvolle Handtaschen-Alarme.

Neuer Trick: Betrüger geben sich am Telefon als Polizisten aus

Im Besonderen wollen die Ismaninger Polizisten die Senioren aber auf eine neue Masche hinweisen, die laut Voit „den bekannten Enkeltrick abgelöst hat“. Kürzlich seien in Garching zwei solcher Fälle gemeldet worden; in Grünwald wurde erst am vergangenen Wochenende ein 58-Jährige auf diese Weise um 50 000 Euro erleichtert, in Gauting gab es vor Kurzem zehn solcher Anrufe an einem Tag. Die Rede ist von Betrügern, die sich am Telefon als Polizist ausgeben; mitunter werde auf dem Display sogar die Nummer 089-110 angezeigt, weiß Voit, „das ist technisch kein Problem“. Die Kriminellen suchen dabei im Telefonbuch gezielt nach Vornamen, die überwiegend Ältere tragen – also eher Sieglinde als Rebecca – und fordern sie unter einem Vorwand auf, Geld zu überweisen, von der Bank zu holen oder Wertgegenstände auszuhändigen. Allein im Vorjahr hätten solche falschen Polizisten ihre Opfer bayernweit um 1,3 Millionen Euro erleichtert.

Voits eindringliche Warnung kommt im Hillebrandhof an. „Das war ein sehr interessanter Vortrag“, sagt etwa Marion Mayer, 72 und aus Ismaning. „Ich habe viel Neues gehört. Beispielsweise hätte ich nicht gedacht, mit welchen vielfältigen Mitteln Kriminelle inzwischen vorgehen.“ Denn dass der freundliche Polizist, mit dem man eben über die Sicherheit der eigenen Geldverstecke geplaudert hat, in Wahrheit gar kein Polizist ist – das merken die Opfer oftmals erst, wenn ihr Geld schon weg ist. Und in diesem Fall hilft auch kein beherztes Zutreten mit dem Knie.

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