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Sorge um ihre Zierfische: Jenny Petschner nutzt für das Aquarium-Wasser derzeit einen Wasser-Aufbereiter.

Die Jagd nach den Bakterien

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Seit drei Wochen wird das Wasser in Unterschleißheim geklärt. Und das bleibt so bis Mitte Oktober. 

Unterschleißheim – Andrea H. und ihre Familie schleppen derzeit literweise Wasser aus dem Supermarkt nach Hause. Das Leitungswasser wollen die Unterschleißheimer nicht mehr trinken und auch nicht damit kochen. Seit drei Wochen wird das Trinkwasser im Stadtgebiet gechlort, nachdem die Stadtwerke Unterschleißheim bei einer Routinekontrolle Bakterien in der Trinkwasserversorgung entdeckt hatten (wir berichteten). Das Wasser riecht und schmeckt dadurch leicht chlorig.

Grundsätzlich habe sie für die Chlorung ja Verständnis, sagt Andrea H., auch wenn sie dadurch wieder an Hautkrankheiten leide. Aber die Informationspolitik der Stadt missfalle ihr. Zwar weist die Verwaltung auf ihrer Homepage, auf Facebook sowie in der Presse regelmäßig über das weitere Vorgehen hin. „Man schaut aber nicht ständig auf die Homepage, und gerade ältere Menschen sind gar nicht in den sozialen Medien“, bemängelt Andrea H., die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Zudem kritisiert sie, dass Wurfzettel, die angekündigt waren, nie angekommen sind – zumindest nicht bei ihrer Familie und auch einigen anderen Betroffenen, wie sie sagt.

Dafür hat die Stadtverwaltung eine einfache Erklärung: Die Info-Blätter seien zwar bereits vorige Woche in Auftrag gegeben worden, sagt Thomas Stockerl, der Persönliche Referent des Bürgermeisters, jedoch würden sie erst heute oder morgen von der Post verschickt werden. „Das dauert alles eben ein bisschen. Das haben wir aber nicht mehr in der Hand“, sagt Stockerl. „Uns ist aber bestätigt worden, dass die Wurfzettel Ende der Woche ankommen sollen.“

Er bittet auch um Verständnis, dass die Stadt nicht gleich nach der ersten verunreinigten Probe Zettel verschickt hat, sondern die Nachprobe abgewartet hat „Es hätte ja sein können, dass sich nach der ersten Chlorung schon alles erledigt gehabt hätte“, sagt Stockerl.

Auch Jenny Petschner hat erst in der Facebook-Gruppe „Unterschleißheim“, wo sich viele verunsicherte Bürger zu Wort melden, von der Chlorung erfahren, sagt sie. Gerade noch rechtzeitig. Sonst hätte die 27-Jährige das Wasser in ihrem Aquarium gewechselt und mit großer Wahrscheinlichkeit wären ihre Fische gestorben. Chlorhaltiges Wasser ist für Zierfische nämlich durchaus gefährlich.

Für den Menschen hingegen, erklärt Gerhard Schmidt, der Leiter des Gesundheitsamtes im Landkreis München, „ist das Chlor im Wasser nicht gesundheitsgefährdend“. Die Konzentration liege demnach unterhalb der in der Trinkwasserverordnung vorgeschriebenen Obergrenze. „Das Wasser kann man trinken.“ Und auch Tiere seien nicht in Gefahr. Lediglich für Zierfische sei es tatsächlich unverträglich.

Das Gesundheitsamt hatte die Chlorung veranlasst. Ein Verfahren, das gang und gäbe sei, sagt Schmidt. „Das Chlor tötet die Bakterien ab.“ In anderen Gegenden Deutschlands oder im Ausland werde das Trinkwasser sogar standardmäßig gechlort. Im Verbreitungsgebiet der Stadtwerke Unterschleißheim sind von der Chlorung auch der etwas abgelegene Ortsteil Riedmoos und die Gemeinde Inhauser Moos im Landkreis Dachau betroffen, die ebenfalls über das Wasserwerk „Am Berglwald“ versorgt werden.

Um zu überprüfen, ob nach drei Wochen Chlorung überhaupt noch Keime im Unterschleißheimer Wasser sind, werden derzeit wöchentlich Proben an verschiedenen Stellen entlang des 180 Kilometer langen Trinkwassernetzes entnommen. Sowohl das Gesundheitsamt als auch Mitarbeiter eines externen Labors, das die Stadtwerke beauftragt haben, testen das Trinkwasser unabhängig voneinander. In den Labors wird das Wasser auf ein sogenanntes Nährmedium aufgetragen. Anschließend wird überprüft, ob sich darauf Bakterien vermehren.

Diese Tests dauern allerdings jeweils etwa zwei Tage. Reinhard Reiter, der Leiter der Stadtwerke Unterschleißheim, bittet daher um Verständnis für die fortlaufende Chlorung, schließlich wolle man sorgfältig vorgehen: „Wenn man mikrobiologische Untersuchungen macht, dauert das immer etwas länger. Aber so sind wir einfach auf der sicheren Seite.“ Die positive Nachricht: Jüngste Proben waren laut Reiter „unauffällig“, sprich keimfrei. Auch Gesundheitsamtsleiter Schmidt sagt: „Die Proben von letzter Woche waren in Ordnung.“

Allerdings wolle man abwarten, bis es auch durch die Nachproben zweifelsfrei und endgültig Entwarnung gebe. Solange chloren die Stadtwerke weiter. „Wir machen das noch eine Weile, bis wir uns sicher sind, dass keine Keime mehr im Wasser sind“, sagt Reinhard Reiter.

Immerhin geben die neuesten Tests Grund zum Optimismus. „Ich gehe momentan davon aus, dass die Chlorung gewirkt hat“, sagt Reiter. Wenn die Nachproben ohne Befund ausfallen, wird die Chlorung eingestellt. Zwar ist dann für „einige Tage“ weiterhin chlorhaltiges Wasser im Umlauf. Doch das Leitungsnetz wird nach und nach mit Frischwasser gespült, damit die Chlorkonzentration wieder auf Null sinkt – und nichts mehr riecht.

Jenny Petschner hat für ihr Aquarium eine Lösung gefunden, nachdem einer ihrer Fische verendet war. „Ich habe mir einen Wasser-Aufbereiter gekauft“, erzählt die junge Mutter. Jetzt kann sie das Wasser problemlos wechseln.

Weitere Proben

Die nächste Probemessung findet am 27. September statt, am 11. Oktober eine weitere. Bis dahin wird die Chlorkonzentration auf den Grenzwert von 0,3 Milligramm pro Liter erhöht. Gemessen wird an 20 Stellen.

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