Begleitet Eltern und Kinder in Krisen: Reinhard Beinhölzl (60) berät Familien. FOTO: GUV

40 Jahre Familienberatung: Ein dickes Fell ist nicht von Vorteil

Ismaning - Am 1. Oktober 1974 entstand sie als eine der ersten Modellberatungsstellen in Bayern zum reformierten Paragraphen 218, heuer feiert die Familienberatung Ismaning ihr 40-jähriges Bestehen. Leiter Reinhard Beinhölzl (60) gibt im Interview einen Einblick in sein tägliches Tun.

-Herr Beinhölzl, Frauen mit 40 haben so ihre Probleme - manche Männer in dem Alter auch. Läuft denn bei der Familienberatung noch alles rund?

Eine Midlife-Crisis haben wir jedenfalls nicht. Es bedurfte allerdings immer wieder großer Anstrengungen aller Beteiligten, um in einer konstruktiven und lösungsorientierten Haltung all die Herausforderungen zu meistern…

-…zum Beispiel?

Eine große Erleichterung ist es, dass wir keine finanziellen Sorgen haben. Wir stehen durch eine einmalige Konstellation auf festen Füßen. Unser Einzugsgebiet ist eines der größten in Bayern; es umfasst die vier Landkreise München, Freising, Ebersberg und Erding. Träger ist zu 65 Prozent der Freistaat Bayern. 30 Prozent der Kosten übernehmen die Landkreise, fünf Prozent ein aus den vier Landkreisen, aus der Stadt Garching sowie aus den Kommunen Ismaning und Unterföhring bestehender Zweckverband.

-Haben Sie Wünsche?

Na ja, Anfang 2013 wurde die Hälfte einer 2012 beantragten Vollzeitstelle bewilligt. Angesichts der vielen Arbeit hier wäre es schön, auch die andere halbe Stelle schnellstmöglich zu besetzen.

-Sie sind seit 1982 dabei, seit 2006 Leiter der Familienberatung, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern: Nehmen Sie geistige Arbeit mit heim oder haben Sie sich ein dickes Fell zugelegt?

Ein dickes Fell wäre nicht von Vorteil - ich muss ich in den Beratungsgesprächen neben meinem therapeutischen Knowhow vor allem viel Empathie mitbringen.

-Wie wird sich Familie in Zukunft verändern?

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Und es wird noch mehr Trennungen geben - weil sich anscheinend jeder nur noch selbst verwirklichen will. Problematisch ist auch die Tatsache, dass die Elternteile vermehrt Zweit- und Drittjobs annehmen müssen. Da gibt man sich in der Familie nur noch die Klinke in die Hand.

-Sie beraten Familien mitunter schon in der zweiten Generation…

Stimmt. Kinder, die im Bauch ihrer Mutter oder als Babys bei uns gewesen sind, tauchen jetzt als junge Erwachsene wieder in der Beratungsstelle auf. Das ist etwas Besonderes, da werden wir und unsere Arbeit innerhalb der Familien weiter empfohlen.

-In der ersten Hälfte des Jahres 2015 steht die 100 000. Beratung an. Eine beeindruckende Zahl…

Es geht mir hier weniger um die Zahl an sich, sondern um die Geschichten und Schicksale, die dahinter stehen.

-Zum Beispiel?

Da möchte ich nicht konkret werden. Feedback unmittelbar nach der Beratung ist eher selten. Da ist es wirklich schön, wenn eine Frau Jahre nach einer Beratung mit ihrem Kind auf dem Arm im Büro steht, erneut schwanger. Und dann erzählt, wie es ihr so ergangen ist.

-Ihr Team - sechs angestellte Diplom-Sozialpädagogen, zwei Sexualpädagogen auf Honorarbasis, ein Jurist, ein Gynäkologe und ein Psychologe - muss immer in Bewegung bleiben…

Die größten Herausforderungen gerade in den letzten 20 Jahren sind für uns die immer neuen und komplizierteren Regelungen in der Sozialgesetzgebung. Acht Mal im Jahr gibt es eine Supervision für die ganze Truppe, mindestens einmal wöchentlich beraten wir uns untereinander und geben uns Tipps.

Das Gespräch führte

Guido Verstegen.

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