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Ernestine Bachinger, heute 92 Jahre, ist vor 70 Jahren aus dem tschechischen Lichwe im Sudetenland vertrieben worden. In der Hand hält sie ein Foto, das sie mit 22 Jahren zeigt.

Treffen in Ismaning

70 Jahre Flucht und Vertreibung: Sudetendeutsche erinnern sich

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Ismaning - 1100 Vertriebene auf 4600 Dorfbewohner - das waren die Zahlenverhältnisse 1946 und '47 in Ismaning. Der damalige Bürgermeister soll zu den Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland gesagt haben: "Was soll ich bloß mit euch anfangen?" Ein Rückblick auf 70 Jahre Flucht und Vetreibung.

Als die Russen am frühen Abend das tschechische Dorf plündern, taucht Ernestine Bachinger im Wald unter. Bis zum Morgen verharrt sie in ihrem Versteck. Es ist eine eisige Nacht. Ernestine Bachinger trägt nicht mehr als eine Weste. Die Kälte und der Hunger treiben sie schließlich am nächsten Tag zurück ins Dorf. Doch der tschechische Bauer jagt sie fort wie die anderen Sudetendeutschen, die am Hof zwangsarbeiten.

Was Hermann Kaplan da ausgerollt hat, ist eine Karte des Dorfes Lichwe. Ernestine Bachinger ist von dort im Alter von 22 Jahren vertrieben worden.

Frühjahr 1946, Tschechei, Kreis Landskron, Sudetenland. Ernestine Bachinger, die damals 22 Jahre alt ist und Skopp mit Nachnamen heißt, und viele andere Sudetendeutsche erleben bereits die zweite Vertreibung innerhalb von ein paar Monaten. Zuerst scheuchen sie die Tschechen aus ihren Häusern und verdonnern sie zur Zwangsarbeit auf den Feldern. Dann werden sie verbannt aus dem ganzen Land und in Viehwagons nach Deutschland geschickt. Sie müssen büßen für das Morden der Nazis im Osten Europas während des Zweiten Weltkriegs. In den Städten zwingt sie der Mob zu singen: „Hitler ist ein Schwein und ich bin auch eins.“

Schließlich verlässt am 10. April 1946 ein Zug mit 40 Wagons à 30 Sudetendeutschen die Stadt Wildenschwert Richtung München-Allach. Darunter Ernestine Bachinger und ihre Schwester Martha. Zwei Tage später erreichen sie und mehr als Hundert andere aus dem tschechischen Ort Lichwe das Bauerndorf Ismaning. Bachingers Schwester Martha wird später sagen: „Ein Hauch von Freiheit war zu spüren.“ 

70 Jahre sind vergangen, seit die ersten Sudetendeutschen in den Gemeinden Unterföhring, Heimstetten, Oberhaching und Ismaning ankamen. Im Ismaninger Hillebrandhof sind am Montagnachmittag Heimatvertriebene sowie deren Kinder und Enkelkinder zusammengetroffen, um sich zu erinnern an die dunkle Zeit nach dem Krieg, aber auch an die Anfänge ihres neuen Lebens in Ismaning. Dabei hört man längst vergangene Geschichten, die aktueller nicht sein könnten vor dem Hintergrund von mehr als 4000 Flüchtlingen, die im Landkreis München leben. Schließlich erzählen sie von Flucht und dem Verlust der Heimat, aber auch davon, dass Integration gelingen kann, wenn man ihr Zeit lässt.

Das Häuschen der Familie von Marianne Berghammerin Ismaning im Jahre 1958.

Mehr als 1100 Heimatvertriebene wurden in den Jahren 1946 und 1947 im 4600-Einwohner-Dorf Ismaning untergebracht. Das ist eine Quote von 24 Prozent. Heute leben in Ismaning 123 Flüchtlinge bei einer Einwohnerzahl von mehr als 16 000. In einem Bericht einer Zeitzeugin aus Ismaning heißt es: „In allen Häusern der einheimischen Bevölkerung musste damals eng zusammengerückt werden, damit die Heimatvertriebenen und auch jene, die in den folgenden Wochen und Monaten ankamen, untergebracht werden konnten.“ Der damalige Bürgermeister Andreas Schweiger (46-52) soll bei der Ankunft der ersten Heimatvertriebenen gesagt haben: „Was soll ich bloß mit euch anfangen?“

Er verteilte die Vertriebenen auf die einzelnen Bauernhöfe in Ismaning, wo die Menschen Unterschlupf fanden und umgehend auf dem Feld mitarbeiteten. „Geld bekam man dafür nicht. Man wurde in Naturalien ausbezahlt“, erzählt Hermann Kaplan (72), der bei der Vertreibung zweieinhalb Jahre alt war. Wie alle anderen Kinder der Heimatvertriebenen musste er ab einem gewissen Alter in die Schule gehen. Einheimische und sudetendeutsche Kinder lernten damals in einer Klasse. Sprachprobleme gab es nicht. „Vielleicht ist das der größte Unterschied im Vergleich zu heute“, sagt Kaplan.

Die Sudetendeutschen schliefen oft am Hof in Räumen ohne Heizung. Doch manche Gemeinden bauten auch Baracken für die Vertriebenen. Das waren so etwas wie die Traglufthallen der ersten Nachkriegsjahre.

Rudi Lukes (75) lebte mit seiner Familien jahrelang zu sechst in einem 20-Quadratmeter-Raum in einer Baracke in Unterföhring. Insgesamt fünf Familien brachte man hier unter. Lukes hat seine Kindheit in Unterföhring verbracht. „Damals wie heute gab es Leute, die einfach unbelehrbar waren“, sagt er und meint damit alteingesessene Unterföhringer, die Ängste und Vorurteile gegen die Neu-Unterföhringer hegten. Doch es gab auch hilfsbereite Menschen, sagt er, wie etwa die Kellnerin vom Lechner-Wirt, heute Gasthof zur Post, die heimlich batzenweise Kartoffelsalat an die Heimatvertriebenen verteilt habe. Ein großer Unterschied zur Integration der Flüchtlinge von heute sei, sagt Lukes: „Damals war das Wohlstandsniveau viel niedriger.“

Die bittere Wohnsituation der Heimatvertriebenen in Ismaning verbesserte sich erst ab 1952, als der Bürgermeister Erich Zeitler großflächig Sozial-Wohnungen bauen ließ. Damals entstand etwa die Malteser-Siedlung an der Wasserturmstraße oder Wohnblocks in den Isarauen. Die meisten der 1100 Sudetendeutschen bauten sich allmählich in Ismaning eine Existenz auf. Viele arbeiteten etwa in der AGROB-Ziegelei.

Die Malteser-Siedlung an der Wasserturmstraße in Ismaning Anfang der 1950er-Jahre.


Ab Mitte der 50er Jahre baute man sich kleine Häuschen mit Garten. Einheimische und Sudetendeutsche heirateten untereinander und zeugten Kinder: Marianne Berghammer (62), die in Ismaning zur Welt kam, sagt: „Ich bin ein Integrationskind.“ Auch Ernestine Bachinger heiratete einen Ismaninger und gründete eine Familie. Die 92-Jährige ist an diesem Nachmittag im Hillebrandhof die älteste. Die mehr als 20 Anwesenden hören ihr gebannt zu, als sie die Geschichten erzählt über die Vertreibung aus der alten Heimat, dem kleinen tschechischen Dorf Lichwe. Schließlich waren die meisten Kinder, als sie mit ihren Familien vertrieben wurden, und können sich daher kaum noch erinnern an die Zeit in der Tschechei.

Bei all den Parallelen mit der derzeitigen Situation von Flüchtlingen im Landkreis legen sie auf einen Unterschied zu damals besonders Wert. Die Leute seien keine „Flüchtlinge“ gewesen, sagt Marianne Berghammer. „Die haben ihre Heimat ja nicht freiwillig verlassen."

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