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Das Gesicht des Bahnhofs Hochbrück: Ingrid Nürnberger (l.) steht dort seit 17 Jahren im Kiosk, verkauft Bier, Butterbrezen und Fahrkarten. Ihre Nachfolge als Pächterin hat inzwischen Teute Bartol (35) übernommen.

Kioskfrau erinnert sich

20 Jahre U-Bahnhof Garching-Hochbrück

Garching-Hochbrück - Auf den Tag genau seit 20 Jahren fährt die U6 nach Hochbrück. Dort wurde am 28.10.1995 die erste U-Bahn-Station außerhalb Münchens eröffnet. Das Gesicht dieses Bahnhofs ist Ingrid Nürnberger – und seine Seele ist der Kiosk, wo sie seit 17 Jahren bedient.

Johnny trinkt sein Bier lauwarm. Das muss man nicht verstehen, aber man muss es wissen, wenn man hier im Kiosk am U-Bahnhof Garching-Hochbrück bedient. Johnny hat nur einen Finger gereckt und gegrinst, worauf Ingrid Nürnberger nun zum Kühlschrank eilt. Dann fällt der 61-Jährigen die Vorliebe ihres Stammkunden ein, und so zieht sie eine Bierflasche aus dem Kasten neben der Tür, den sie extra nicht kalt gestellt hat – für Lauwarm-Trinker wie Johnny.

„Du musst den Job mögen, wenn du das hier machst“, sagt Ingrid Nürnberger, während Johnny mit seinem Bier davontrottet. „Und du musst die Leute mögen – sonst funktioniert das nicht.“ Heute vor 20 Jahren ist der U-Bahnhof Hochbrück eröffnet worden. Für die Stadt Garching war es der Beginn einer Erfolgsgeschichte – und die lässt sich nirgendwo besser erzählen als hier im U-Bahn-Kiosk, wo Ingrid Nürnberger seit 17 Jahren Bier verkauft, Butterbrezen schmiert und Fahrkarten löst. 

Dabei muss der U-Bahnhof erst mal ein halbes Jahr ohne Kiosk auskommen. Danach gibt der erste Pächter schon nach ein paar Monaten wieder auf, ehe Ingrid Nürnberger im Januar 1997 den Kiosk übernimmt. Der erste Tag? „War schrecklich!“, erzählt sie. Denn anfangs fehlt ihr das Gerät, um MVV-Tickets auszudrucken. „Ich musste allen erklären, dass ich heute keine Fahrkarten verkaufen kann.“

Doch nicht nur Ingrid Nürnberger hat so ihre Anlaufprobleme, auch die Garchinger müssen mit der U-Bahn erst mal warm werden. Jahrzehntelang sind sie auf dem Weg nach München in Busse zur Studentenstadt oder nach Kieferngarten gestiegen. Wenn man das heute den Jüngeren erzählt, schütteln sie nur ungläubig den Kopf – so wie ihre Eltern einst den Kopf geschüttelt haben, wenn die Altvorderen erzählten, dass es früher gar keinen Bus nach München gab und man mit dem Milchwagen in die Stadt zuckelte. 

Einer, der all das erlebt hat – vom Milchwagerl bis zur U-Bahn – ist Helmut Karl, Bürgermeister von 1972 bis 2002. Nimmermüde hat der „Vater der U-Bahn“ für die Verlängerung der U6 nach Garching geworben. An seiner Seite kämpfte vor allem in späteren Jahren die TU München, die mehrere Fakultäten auf den Forschungscampus Garching verlegt hatte – und nun die Studenten dorthin bringen musste.

Die Studenten sind es auch, die in den Anfangsjahren am Kiosk von Ingrid Nürnberger Schlange stehen. Jeden Morgen quetschen sich Hunderte von ihnen erst in die U-Bahn und dann in die Verstärker-Busse zum Campus, die in einer lange Reihe in Hochbrück warten. Zwischen Bahn und Bus gibt’s noch schnell eine Nürnberger’sche Butterbrezen mit Kaffee. „Da stand immer ein Pulk Studenten vor dem Kiosk“, erzählt sie. „Manchmal haben wir bis zu tausend Butterbrezen verkauft.“

Elf Jahre nach der Bahnhofseröffnung folgt im Oktober 2006 der nächste Freudentag für Garching – zugleich ein Trauertag für Ingrid Nürnberger. Denn durch die abermalige Verlängerung der U6 können die Studenten jetzt zum Forschungszentrum durchfahren und müssen nicht mehr in Hochbrück umsteigen. „Da hatte ich Existenzängste“, erzählt die Kiosk-Frau.

Doch als hätten die vielen Angestellten im Hochbrücker Gewerbegebiet nur darauf gewartet, dass die Studenten verschwinden, strömen sie nun plötzlich zum Kiosk. Die einen frühstücken dort, die anderen treffen sich zum Mittagessen, und für wieder andere gehört das Feierabendbier bei Ingrid Nürnberger zum Pflichtprogramm: „Da gibt’s richtige Stammtische, die sich hier treffen.“ Und noch etwas hilft ihr über den Studenten-Schock hinweg: König Fußball. Denn in der Saison 2005/06 trägt der FC Bayern seine Heimspiele erstmals in der Allianz Arena aus – ein U-Bahn-Halt von Garching-Hochbrück entfernt. Seitdem ist an Spieltagen die Hölle los am Kiosk. Dann stehen sie mitunter zu viert in dem winzigen Raum - Ingrid Nürnberger, ihr Mann Josef und die zwei Töchter Anke und Tina, die der Mutter schon immer geholfen haben. „Ohne meine Familie hätte ich das nie geschafft.“

Denn die Arbeit ist ein Knochenjob: Jahrelang steht Ingrid Nürnberger sechsmal die Woche um 3.45 Uhr auf und eine Stunde später im Kiosk: Zeitungen rauslegen, Brezen schmieren, Leberkäse backen – bis um 5.30 Uhr die erste U-Bahn anrollt. Erst um 19 Uhr sperrt sie den Laden zu; danach geht’s heim, schlafen und am nächsten Morgen wieder raus. „Klar ist das anstrengend. Aber mir hat’s immer Spaß gemacht.“

Und so steht Ingrid Nürnberger auch heute noch dreimal die Woche im Kiosk – obwohl sie seit zwei Jahren nicht mehr Pächterin ist, sondern Angestellte bei ihrer Nachfolgerin Teute Bartol. Trotzdem kommt Ingrid Nürnberger nicht los von ihrer zweiten Heimat: „Irgendwie brauche ich die Hektik und den Stress.“ Sagt’s, angelt ein weiteres lauwarmes Bier aus dem Kasten und reicht es grinsend an Johnny – noch bevor der seinen Finger recken kann.

Patrik Stäbler

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