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- Ärzte spüren Gesundheitsreform schon heute

VON JULIA BREITTRUCK Landkreis - Es wird diskutiert und debattiert, den meisten fehlt schon längst der Überblick. "Viele sind sich noch gar nicht bewusst, dass sie mehr zahlen müssen", schüttelt der Grünwalder Optiker Robert Polzschuster den Kopf. Am 1. Januar 2004 ändert sich für die gesetzlich Krankenversicherten einiges. Und die Ärzte im Landkreis sind sich einig: Die Gesundheitsreform bringt nichts Gutes!

Endziel der Gesundheitsreform ist die Senkung der Krankenkassenbeiträge. Dazu müssen aber erst die "Löcher gestopft werden", wie es Dr. Hans Lallinger aus Oberhaching ausdrückt. Das heißt, die Krankenkassen müssen mit dem Gewinn, den sie durch diverse Maßnahmen erwirtschaften, ihre Schulden tilgen, um dann später die Krankenkassenbeiträge senken zu können. "Im Grunde ist das gar keine Reform", ärgert sich Orthopäde Lallinger.

Zunächst einmal sieht die Sache auch nicht besonders rosig aus. Im neuen Jahr muss der Patient zu Beginn eines jeden Quartals beim ersten Arztbesuch einen Obolus von zehn Euro entrichten. Davon bekommen die Ärzte jedoch nicht viel zu sehen: "Sie sollte Kassengebühr genannt werden, wir bekommen nämlich nichts", so Dr. Hans-Joachim Wild, Allgemeinarzt in Riemerling. Es entstünde nur ein größerer Verwaltungsaufwand, und Arbeitszeit werde verschwendet. "Wir machen einen Hilfsdienst für die Krankenkassen", ärgert sich auch der Internist Dr. Harald Müller aus Ottobrunn. Die Grünwalder Augenärztin Dr. Gabriele Pankow denkt sogar daran, eine weitere Hilfe für das Mahnwesen einzustellen, obwohl sie sich diese momentan gar nicht leisten kann.

Pankow gehört zu denjenigen Ärzten, welche die Auswirkungen der Reform schon heute spüren. "Ich arbeite mich momentan zu Tode", gesteht sie gehetzt. Weil sich viele noch schnell vor Jahresende die Zuschüsse sichern wollen, ist die Sprechstunde der Augenärztin ausgebucht, die Patientenanzahl hat sich in jüngster Zeit verdoppelt. Auch der Taufkirchner Augenarzt Dr. Gerhardt Raydt und viele Optiker wie Robert Polzschuster aus Grünwald sprechen von einem so genannten "Brillenbauch": Da die Zuschüsse für Sehhilfen ab Januar wegfallen, lassen sich viele Patienten jetzt noch eine Brille verschreiben. Raydt rät für die Zukunft zur Vorsorgeuntersuchung, damit schwerere Krankheiten früh erkannt werden können. So hätten die Krankenkassen auch ein Bonussystem für Patienten vorgesehen, die sich regelmäßig untersuchen lassen.

Die Ärzte sehen im Zusammenhang mit der Praxisgebühr ein verhängnisvolles Problem auf sich und vor allem auf die Patienten zukommen. Die Kassen plädieren auf Eigenverantwortlichkeit und Vorsorge der Patienten. "Aber die Leute werden wegbleiben und sich selbst behandeln", befürchtet Dr. Hildegard Schmid, Allgemeinärztin aus Höhenkirchen. "So werden Krankheiten verschleppt." Ihr Kollege Wild "Kann daran nichts Positives finden" aus Riemerling ist der gleichen Ansicht: "Der Therapieaufwand, der nötig ist, um das wieder auszubügeln, wird erheblich sein." Auch die neue Arzneimittel-Regelung, wonach der Patient sanftere Medikamente und Naturheilmittel selbst bezahlen muss, sei nachteilig. Hans-Joachim Wild: "Trotz intensivsten Nachdenkens kann ich an der Gesundheitsreform nichts Positives finden!"

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