1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis

Frischluftschneise: „Kein weiteres Gewerbe im Hexenkessel“

Erstellt:

Von: Martin Becker

Kommentare

Neubiberger Rathaus.
Das Neubiberger Rathaus will jetzt erst mal das Klimagutachten abwarten. Archivfoto: Harald Hettich © Harald Hettich

Seit vor zweieinhalb Jahren die Pläne für ein „Strukturkonzept Hachinger Tal“ publik wurden, reißt der Widerstand gegen das Mega-Projekt in Neubiberg nicht ab.

Neubiberg/Unterhaching – Petition, Bürgerinitiative, interkommunaler Protest – und jetzt eine Online-Diskussion der Neubiberger Grünen zu dem brisanten Thema.

Norden und Osten des Infineon-Geländes sollen etwa 25 Hektar Grünfläche bebaut werden, davon 17 Hektar für Gewerbeansiedlung und acht Hektar für Wohnraum. „Der Verkehr ist jetzt schon an der absoluten Belastungsgrenze“, sagte der Landtagsabgeordnete Markus Büchler bei der Online-Debatte mit 55 Teilnehmern. Der Verkehrsexperte aus Oberschleißheim findet: „Es wäre töricht, diese Situation weiter anzuheizen und noch mehr Gewerbe in diesen Hexenkessel hineinzuziehen.“

Verkehr nur ein Teil des Problems

Der Verkehr ist nur ein Mosaikstein von vielen, die aber alle miteinander zusammenhängen. Joachim Lorenz, einst 22 Jahre lang Umweltreferent der Landeshauptstadt München, sieht ein „eklatantes Missverhältnis zwischen Wohnbebauung und Gewerbeansiedlung“. Für die 2300 neuen Einwohner aus der High-Tech-Branche brauche man „vermutlich hochpreisige Wohnungen“, dazu eine Infrastruktur mit Kitas und Schulerweiterungen. Andererseits sei „Gewerbesteuer sehr volatil“, Joachim Lorenz warnt: „Neubiberg würde sich übernehmen!“

Regionaler Grünzug tangiert

Mehr Menschen, mehr Verkehr, mehr Infrastruktur – und zugleich weniger gute Luft: Das ist die nächste große Sorge. Denn das Bauprojekt eines Investors würde in erheblichem Maß den regionalen Grünzug und damit die Frischluftschneise im Hachinger Tal tangieren. Schon in den 1960er Jahren, berichtete Joachim Lorenz, habe man die Wirkung des sogenannten alpinen Pumpens gemessen, wenn kalte Frischluft vom Alpenrand in die Landeshauptstadt München strömt. Der Effekt könne in heißen Sommernächten einen Effekt von bis zu acht Grad Celsius ausmachen – würde das Bauprojekt der Landeshauptstadt also dicke Luft bescheren? Dazu ist ein mikroklimatisches Gutachten in Arbeit, das Anfang 2022 vorliegen soll; der frühere Münchner Umweltreferent empfiehlt dringend, dies „als wichtige Entscheidungsgrundlage abzuwarten“.

Auch Landeshauptstadt betroffen

„Das Fatale ist“, sagte dazu die Unterhachinger Landtagsabgeordnete Claudia Köhler, „die Bebauung würgt nicht uns die Luft ab, sondern der Landeshauptstadt München.“ Das dürfe aber nicht dazu führen, eigene Interessen wie mehr Gewerbesteuer übers Gemeinwohl zu stellen: „Wir müssen das große Ganze sehen.“ Auch ihre Heimatgemeinde würde unter einem neuen Gewerbegebiet auf dem Kapellenfeld bei Infineon, das über die in Unterhaching liegende S-Bahnstation Fasanenpark angebunden ist, leiden. Hier zusätzliche Last (durch mehr Verkehr), dort zusätzlicher Nutzen (durch mehr Steuereinnahmen): „Es ist ungerecht, wenn allein der Nachbar profitiert.“

Neubibergs grüner Vize-Bürgermeister Kilian Körner hält die Pläne für „sehr, sehr unglücklich“. Er sei sich mit CSU-Rathauschef Thomas Pardeller „einig, dass wir das Klima-Gutachten abwarten, da besteht klarer Konsens“.

Bei Hochwasser braucht es Rückhalteflächen

Neben der Frischluftzufuhr, die gekappt werden könnte, geht es ums Hochwasser: Einige Teile des Planungsareals liegen im Überschwemmungsgebiet des Hachinger Bachs. Ein überörtliches Hochwasserschutzkonzept scheiterte bislang daran, dass Taufkirchen und Unterhaching die Ausweisung möglicher Überflutungsflächen, unter anderem im Landschaftspark, ablehnten. „Neubiberg meint zwar, ein eigenes Hochwasserschutzkonzept erstellen zu können, aber das Wasserwirtschaftsamt ist angewiesen, diese Frage übergreifend zu bewerten“, erläuterte Joachim Lorenz. „Für große Teile der geplanten Bebauung entlang der Unterhachinger Straße gilt deshalb derzeit ein Bauverbot.“ Sein Rat: Neubiberg solle besser „Flächen am östlichen Rand des Gemeindegebiets nutzen“.

Nicht alles zubauen

Die Sicht der Grünen fasste Markus Büchler so zusammen: „Für die Menschen, die jetzt schon hier leben, haben wir ausreichend Arbeitsplätze. Was wir brauchen, sind zusätzliche Wohnungen, gute Luft und Lebensqualität – man sollte nicht alles zubauen, sondern bestimmte Flächen bewahren und aufwerten.“

Nach genau 90 Minuten endete die Online-Runde, „das war Fußballspiellänge“, resümierte Grünen-Ortssprecher Jörg Eichhorn und blickte voraus: „Es bleibt spannend.“

Auch interessant

Kommentare