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Frauen bekommen 500 Euro weniger als Männer

Rentnerin klagt: „Ich kann mir nicht mal das Nötigste leisten“

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Frauen bekommen im Landkreis München viel weniger Rente als Männer. Oft reicht es zum Leben hinten und vorne nicht. Juliane Stein, 70, aus Heimstetten sagt: „Ich kann mir nicht mal das Nötigste leisten.“

Heimstetten – „Wollen Sie wissen, was ich im Geldbeutel habe?“, fragt Juliane Stein, 70, Rentnerin. Sie zückt ihr Portemonnaie aus braunem Leder. Sie wirft einen Fünfer auf den Tisch. Um zu sehen, was sich im Kleingeldfach befindet, schüttelt sie den Geldbeutel. Darin klimpern ein Zwei-Euro-Stück und Kupfermünzen. Sieben Euro und ein paar Zerquetschte. Juliane Stein sagt: „Das ist alles, was ich bis zum Monatsende habe.“

Es ist der 23. Januar. Juliane Stein sitzt vormittags am Tisch in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Heimstetten. 49 Quadratmeter. Sie bekommt 983 Euro Rente plus 145 Euro Sozialhilfe. Davon gehen allein 700 Euro für die Miete drauf. Zudem muss sie einen Telefonanschluss, eine Versicherung und Lebensmittel zahlen. Unterm Tisch schläft der zehnjährige Hunde-Greis Grisu, der auch was zum Fressen braucht. Sie esse lieber weniger, bevor sie Grisu weggebe, sagt Juliane Stein. Dann steckt sie den Fünfer zurück ins Portemonnaie. „Ich sag’ immer: Mein Geldbeutel besteht aus Zwiebelleder“, sagt sie, auf der Nase die Brille. „Wenn ich reinschaue, muss ich weinen.“

Rente reicht allein wegen hoher Mieten nicht

Juliane Stein heißt eigentlich anders. Sie will nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Sie ist eine von vielen Rentnerinnen, die um jeden Cent kämpfen müssen, um im Landkreis monatlich über die Runden zu kommen. Laut neuesten Zahlen des bayerischen Arbeitsministeriums beziehen hier Frauen durchschnittlich 741,49 Euro Rente. Dagegen bekommen Männer 1250,43 Euro, also über 500 Euro mehr als Frauen. Für ältere und alleinstehende Frauen reicht die Rente allein wegen der horrenden Mieten im Speckgürtel oft hinten und vorne nicht. Der SPD-Landtagsabgeordnete Peter Paul Gantzer aus Haar hat kürzlich besorgt auf das Renteneinkommen von Frauen im Landkreis reagiert. „Damit lässt sich kein altersgerechtes Leben bestreiten. Es darf nicht sein, dass ein auskömmlicher Ruhestand wesentlich vom Geschlecht abhängig ist“, so Gantzer.

In Juliane Steins Wohnung steht noch immer der Weihnachtsbaum. Bilder ihrer Kinder und Enkel hängen an der Wand. Juliane Stein kommt aus Thüringen. Sie hat drei Buben großgezogen – und nebenbei 55 Jahre lang hart gearbeitet. 1961 hat sie in der DDR eine Friseurausbildung gemacht. 600 bis 700 Mark hat sie damals verdient. Später hat sie als Verkäuferin gearbeitet. Ihr Mann, von dem sie sich scheiden ließ, war Seefahrer und damit selten zuhause. Juliane Stein musste sich alleine kümmern. Um die Kinder und den Haushalt. An Altersvorsorge dachte sie nicht. Aber was hätte sie von dem Gehalt beiseite legen sollen?, sagt sie.

Aus einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht hervor, dass deutsche Frauen bei der Rente massiv benachteiligt werden. Unter den 35 OECD-Ländern belegt Deutschland den traurigen letzten Platz: Nach der Untersuchung „Renten auf einen Blick 2017“ erhalten Frauen in keinem Mitgliedstaat so wenig staatliche Rente im Vergleich zu Männern. Sie haben im Durchschnitt noch nicht einmal halb so viel Rente wie Männer. Das Risiko für Altersarmut sei damit „besonders hoch für deutsche Frauen“. Aussicht auf Besserung gibt es laut OECD derzeit nicht: Da viele deutsche Frauen in Teilzeit arbeiteten, werde die Rentenerwartung in Deutschland „wahrscheinlich weiter hinter der der Männer herhinken“, schreiben die Autoren.

Dass Männer durchschnittlich mehr Rente beziehen, findet Juliane Stein ungerecht. Das werde sich aber fortsetzen, meint sie. Zwar gebe es heutzutage viele Frauen in Spitzenpositionen. „Aber die verdienen immer noch weniger als die Männer. Frauen dagegen sind immer in der untersten Schublade.“

Jahrzehntelange Schufterei - Und am Ende bleibt nichts

Früher sei sie immer um 4 Uhr morgens aufgestanden. Ihr Tagesablauf: Frühstücken mit den Kindern, Kinder in den Kindergarten bringen. Von 8 bis 16 Uhr arbeiten. Anschließend Kinder abholen, Essen machen, Haushalt erledigen. „Um 20 Uhr war ich platt.“ Mit 63 ging sie wegen gesundheitlicher Beschwerden in Rente, arbeitete aber noch fünf Jahre weiter auf 400-Euro-Basis.

Der Lohn für die jahrzehntelange Schufterei: nicht mal 1000 Euro Rente. Im Lebensabend fehlt das Geld für Restaurantbesuche oder Reisen. Juliane Stein ist schon froh, wenn sie sich mal eine neue Hose kaufen kann. „Da arbeitet man jahrelang, und dann bist du in Rente und kannst dir nicht einmal das Nötigste leisten“, sagt sie. „Deshalb sind so viele Rentner krank..“ Kurz vor Weihnachten meldete der Bundesverband der Tafeln erschreckende Zahlen: Bundesweit ist fast jeder vierte Tafelkunde mittlerweile ein Rentner. Das sind etwa 350 000 Menschen. Juliane Stein bekommt manchmal vom Münchner Verein Lichtblick Essensgutscheine für den Supermarkt ums Eck. Gelegentlich kauft sie sich sechs Rostbratwürste. Davon ernähre sie sich dann tagelang, sagt sie. Zwischendrin esse sie Äpfel und Mandarinen.

Doch es geht ihr nicht nur ums Materielle. Ihre Kinder könnten sie unterstützen. Doch das möchte sie nicht. Schließlich müssen die sich selbst um ihre Familien kümmern. Einer ihrer Söhne lebt mit seiner Familie in Norddeutschland. Letztens hat ihr Lichtblick die Reise bezahlt, damit sie ihn und ihren kleinen Enkel besuchen kann. Auch ihre beste Freundin lebt im Norden. „Sie fragt mich ständig: Wann kommst du mal wieder?“ Juliane Stein muss immer absagen. Was sie sich künftig mal leisten wollen würde? Sie könne sich nichts leisten, sagt sie. Sie sei froh, dass es ihr gesundheitlich noch gut gehe. „Und dass ich keine Medikamente kaufen muss.“

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