Auch für viele Angestellte im Landkreis sind die eigenen vier Wände zum Büro geworden. 
+
Auch für viele Angestellte im Landkreis sind die eigenen vier Wände zum Büro geworden. 

IHK-Chef sieht Chancen im mobilen Arbeiten

Homeoffice im Landkreis weiter auf dem Vormarsch

  • Charlotte Borst
    VonCharlotte Borst
    schließen

Am Esstisch, im Schlafzimmer oder auf der Terrasse: Mit der Pandemie sind auch für viele Angestellte aus dem Landkreis München die eigenen vier Wände zum Büro geworden. Und wie sich zeigt, hat sich das Homeoffice bei vielen Unternehmen und Behörden etabliert. Sie wollen auch in Zukunft am mobilen Arbeiten festhalten.

Landkreis – In der Pandemie hat sich der Arbeitsalltag mit dem mobilen Arbeiten revolutioniert. Zum Gefallen vieler. Zwar sind seit 1. Juli Arbeitgeber in Deutschland nicht mehr verpflichtet, ihren Mitarbeitern mobiles Arbeiten zu ermöglichen. Doch von vielen Seiten besteht der Wunsch, die Option aufrecht zu erhalten.

Große Arbeitgeber wie Sky Deutschland mit 1200 Mitarbeitern in Unterföhring haben beschlossen, auch nach Corona, Homeoffice anzubieten. Ein Mix aus Homeoffice und Präsenz „vereint für uns das Beste aus beiden Welten“, sagt Danja Frech.

IHK-Chef sieht große Chancen

Auch mittelständische Unternehmen haben die Flexibilität zu schätzen gelernt. Christoph Leicher ist Chef von Leicher-Engineering in Kirchheim. Der IHK-Regionalvorsitzende und seine 35 Mitarbeiter haben „zu einem großen Anteil positive Erfahrungen mit dem mobilen Arbeiten gemacht“, sagt Chef Christoph Leicher, „weil es ein Schritt ist, dem Mitarbeiter Möglichkeiten zu geben, die auf seine individuelle Situation angepasst sind.“

Morgens um 9 Uhr trifft sich das Team von Leicher-Engineering zu einer Runde in einer Videokonferenz. „Jeder gibt ein kurzes Lebenszeichen, man bespricht, ob man einen neuen Kunden gewonnen hat, gratuliert zum Geburtstag. Das ist ein wichtiger sozialer Kontakt, auch wenn es digital nicht dieselbe Qualität hat wie ein persönliches Treffen. Aber wenn man sich sehen kann, ist es deutlich besser als eine Telefonkonferenz“, berichtet Leicher.

In diesem Konzept sieht er ungeahnte Chancen: „Eine Mitarbeiterin möchte in ihrem Urlaub jeden Mittwoch arbeiten, so kann sie längere Zeit am Strand verbringen.“ Und der Berg auf dem Schreibtisch sei am Ende des Urlaubs nicht ganz so hoch. Leicher findet es auch positiv, wenn junge Eltern flexibel von Zuhause oder im Büro arbeiten können und sich den Tag individuell einteilen. „Einer meiner Mitarbeiter macht Pausen, in denen er zuhause Zeit mit seinem kleinen Sohn erlebt. Dafür arbeitet er dann abends bis 21.30 Uhr für das Unternehmen.“

Zugriff auf Dokumente vor allem bei Behörden ein Knackpunkt

Theoretisch gibt es da schon einen Fallstrick: „Damit macht man sich als Arbeitgeber eigentlich strafbar, denn das Arbeitszeitgesetz schreibt eine Pause von elf Stunden vor.“ Diese Regelung sei „Blödsinn“, findet Leicher, der ein Freund der klaren Worte ist. Wichtig sei doch die Arbeitszeit insgesamt. „Politiker sollten öfter mal in mittelständische Unternehmen kommen“, wünscht sich der Unternehmer.

Sein Unternehmen hat schon vor Jahren begonnen, Dokumente und Prozesse zu digitalisieren. Gerade bei Behörden sei der Zugriff auf Dokumente ein Knackpunkt: „Was bringt es, wenn ich mit einem Bildschirm auf der Terrasse sitze, aber keine Unterlagen öffnen kann.“ Aus Datenschutzgründen dürfe man sich auch nicht jedes Dokument einfach vom Kollegen zusenden lassen.

Leicher sieht aber auch ganz praktische Grenzen beim Arbeiten von Zuhause: „Wenn ich mit meinem Notebook auf der Bettkante sitzen muss, die Datenleitung nicht ausreicht und drei Kinder durch die Wohnung toben, muss man eine andere Lösung finden.“ Zum Beispiel, einem Mitarbeiter einen Coworking-Platz zu mieten, damit ein Familienvater nicht zu viel Zeit in der S-Bahn oder auf der Autobahn verbringt.

VR Bank will hybride Modelle ausarbeiten

Sogar eher konservative Branchen wie Versicherungen und Banken stellen sich um: „Ursprünglich sollte das mobile Arbeiten bis zum 30. September beendet sein“, sagt Till Hemmer, Prokurist der VR Band München-Land, „aber wir sehen gerade steigende Inzidenzen und werden Anfang September neu bewerten, wie es weitergeht.“

Bei der VR-Bank nutzten etwa 70 von 325 Mitarbeitern das mobile Arbeiten. Der Betriebsrat setzt sich dafür ein, dass das Arbeiten von Zuhause tageweise beibehalten wird. „Nach der Sommerpause werden wir hybride Modelle ausarbeiten“, sagt Hemmer, die sich mit einem geregelten Servicebetrieb und einer guten Work-Life-Balance vereinbaren ließen. „Kreditverträge kann man auch von zuhause bearbeiten“, sagt Hemmer, „da muss man nicht jeden Tag auf der Autobahn hängen, um in die Filiale zu kommen.“

Bei der Caritas ist der persönliche Kontakt wichtig

Nicht allen Bürgern fällt es leicht, bei der Digitalisierung mitzuhalten. Manche haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache oder haben keine E-Mail-Adresse und kein Internet. Wer im Jobcenter oder im Ausländeramt erst eine Mail schreiben muss, um sein Anliegen vorzutragen, oder einen Termin online buchen soll, ist vielleicht schon ausgegrenzt.

Für Matthias Hilzensauer, Caritas-Kreisgeschäftsführer, ist das Homeoffice keine Lösung: „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Beratung tätig und deshalb nicht im Homeoffice. Maximal arbeiten sie einen Tag in der Woche für Dokumentationstätigkeiten von zuhause.

Auch die Verwaltungskräfte sind vor Ort, „sie sind in der Regel erste Anlaufstellen für Klienten und Ehrenamtliche“. Auch von den Ratsuchende berichtet er, „dass ihnen der Kontakt zu den Ämtern und Behörden sehr wichtig ist. Im persönlichen Gespräch können zum Beispiel Missverständnisse vermieden werden oder schnell geklärt werden, das erspart viele Rückfragen.“

Landratsamt weitet mobiles Arbeiten aus

Garchings Bürgermeister Dietmar Gruchmann hatte kürzlich im Kreistag moniert, dass es durch das Homeoffice zu Verzögerungen in der Bearbeitung von Anträgen im Landratsamt kommen würde. Trotzdem will auch das Landratsamt mobiles Arbeiten nach Corona beibehalten und noch weiter ausdehnen. „Von 1700 Mitarbeitern im Landratsamt München nutzen aktuell schon 1350 aktiv die Möglichkeit, ihre Tätigkeit vom heimischen Schreibtisch zu erledigen“, teilt Landratsamt-Sprecherin Christine Walzner mit.

An Grenzen komme Homeoffice aber an Stellen, an denen Arbeitsvorgänge nicht oder nicht vollständig digitalisiert werden könnten, wie in der Kfz-Zulassungsstelle, in der Führerscheinstelle oder bei Außenterminen wie Hygienekontrollen oder im Naturschutz-Bereich.

Die Homeoffice-Möglichkeit bedeutet dabei nicht, dass die Mitarbeiter ausschließlich von zuhause aus arbeiten. „Vielmehr handelt es sich überwiegend um Hybridmodelle, das heißt teilweise Arbeit von Zuhause, teilweise im Büro“, so Walzner. An vielen Anlaufstellen müssen die Bürger seither einen Termin vereinbaren, um einen Antrag zu stellen, manchmal muss man eine E-Mail schreiben, um eine Auskunft zu erhalten. Das grenzt Menschen aus, die sich mit der deutschen Sprache schwer tun, kein Internet haben und keine E-Mail-Adresse nutzen. Walzner versichert aber, dass es auch weiterhin möglich sein wird, „in wichtigen Fällen einfach im Landratsamt vorbeizukommen, zum Beispiel bei sprachlichen und technischen Hürden, die einer Terminvereinbarung im Wege stehen“.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare