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Bürgermeister in Bedrängnis: Rund 50 Anwohner und Naturschützer machten ihrem Ärger über die geplante Rodung des Kirchheimer Walls und Wäldchens bei einem Ortstermin Luft.

Kirchheim: Bürger-Wut um Waldrodung bei Heimstetten entlädt sich gegen Bürgermeister

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Die geplante Rodung des Wäldchens bei Heimstetten für den Neubau des Gymnasiums ärgert die Anwohner maßlos. Bürgermeister Maximilian Böltl stellte sich der Wut.

Kirchheim – Gut 50 Naturschützer und Anwohner des Lindenviertels machten Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) bei der Bürgersprechstunde direkt neben Wall und Wäldchen sehr klar, was sie von seiner „Baufeld-Vorbereitung“ für den Gymnasium-Neubau halten: Nichts. Seit Jahren werde man von Böltl systematisch in der Frage der Rodung falsch informiert, gleichzeitig fordere dieser aber permanent eine Bürgerbeteiligung.

Die anwesenden Bürger machten ihrem Ärger lautstark Luft, nachdem Böltl und Kirchheim-2030-Projektleiterin Martina Görner noch einmal die bekannten Argumente der Gemeinde wiederholt und einen aktuellen Rodungsplan verteilt hatten. „Uns wird seit Jahren immer wieder erzählt, Wall und Wäldchen sind 25 Jahre alt – das ist einfach gelogen. Wir wohnen hier seit über 40 Jahren und da stand das Wäldchen schon, also ist es gut 50 Jahre alt“, sagte Anwohner Joachim Erven.

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Sind die Bäume älter als gedacht?

Böltl entgegnet, dass ihm der Gutachter das Alter so mitgeteilt habe. Unter lautem Gelächter fragte Christine Erven, „ob ein auswärtiger Gutachter das denn besser wisse als die Menschen, die seit Jahrzehnten hier wohnen?“ Böltl antwortete, dass ihm jeder Baum, den man erhalten könne, wichtig sei, er selbst in dem Wäldchen oft gespielt habe. „Aber es spielt doch keine Rolle, ob die Bäume fünf, zehn, 20 oder 50 Jahre alt sind – wir können sie eben leider nicht erhalten.“

Dies löste scharfen Widerspruch bei den Bürgern aus, der kleine Wald sei nicht nur ein Naturparadies mit viel Totholz und Unterschlupf für unzählige Bodenlebewesen. „Hier stehen rund zehn Prozent des sowieso wenigen Waldbestandes in Kirchheim, der unheimlich wichtig ist für unser Ortsklima“, sagte Klaus Meissel. „Auch wenn man das weit weg an der Autobahn neu aufforstet – es dauert Jahrzehnte, bis die wieder diese Größe und Wichtigkeit für die Natur haben.“

Auch er selbst sei am Anfang strikt gegen die jetzige Planung gewesen, erklärte der Bürgermeister. Dagegen, dass nur 3849 von 13 689 Quadratmetern – also nur ein Viertel – von Wall und Wäldchen übrig bleiben. „Aber die Gutachter und Planer haben mich überzeugt, dass es leider nicht anders geht.“

„Da werden wir als Bürger doch verkohlt!

Das sehen viele Anwohner aus dem Lindenweg ganz anders. „Das Grundstück ist so groß, man könnte den Gymnasium-Komplex samt Sportanlage nach Süden in Richtung Collegium 2000 schieben, dann könnte der komplette Wall stehen bleiben“, sagte Manfred Reithmayer. Seine Ehefrau Elisabeth ergänzt, dass im Bürgerentscheid Kirchheim 2030 kein Wort davon gestanden habe, dass der Wall und der Wald fast komplett verschwinden. „Sonst hätten wir dem nie zugestimmt – da werden wir als Bürger doch verkohlt!“

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Eine andere Anwohnerin erinnerte daran, dass es in den Bürgerversammlungen 2016 und 2017 jeweils Anträge der Bürger gegeben habe, die mit großer Mehrheit angenommen wurden, dass der Wall möglichst komplett zu erhalten sei. „Da wird in der angeblichen Mitmachgemeinde Kirchheim der Bürgerwille doch mit Füßen getreten und wir seit Jahren von Ihnen belogen“, fasste es Meissel unter dem Beifall der übrigen Bürger direkt an Böltl gerichtet zusammen.

Planer: Rodung unvermeidlich

Der Bürgermeister antwortete, dass man bei der Planung immer den Erhalt von Wall und Wäldchen im Auge gehabt habe, auch der Siegerentwurf für das Gymnasium sah dies vor. „Doch die Fachplaner und Spezialisten kamen zum Ergebnis, dass es nicht geht. Entweder kommen wir zu nah an die Wohnsiedlung – oder die Baugrube für die Turnhalle hätte durch den Wall keinen Platz – oder der Schulhof wird zu schattig – daher müssen wir jetzt leider eben Wall und Wäldchen zur Hälfte entfernen“, sagte Böltl. Man habe das Gewünschte mit dem Machbaren übereinbringen müssen.

Projektleiterin Görner ergänzte, dass das Gymnasium Sache des Landkreises und des Zweckverbandes sei, die Gemeinde könne hier auch nur Vorschläge machen.

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Kurt Lainer wollte das nicht akzeptieren: „Wenn wir Bürger mehrfach in Bürgerversammlungen sagen, wir wollen das erhalten und die Gemeinde macht Vorgaben bei einer Ausschreibung, an die sich der Planer nicht hält – dann war entweder die Ausschreibung falsch oder ich brauche einen anderen Planer oder die Bürger werden belogen.“ Klaus Meissel schlug vor, die neue Turnhalle neben die jetzige zu bauen: „Da wäre doch genügend Platz und der Wall könnte bleiben.“ Böltl ging darauf aber nicht mehr ein.

So sollen die Fällarbeiten ablaufen

Biologe Ralf Schreiber vom Neu-Ulmer Bio-Büro Schreiber hatte das Wäldchen besichtigt und dabei zahlreiche potenzielle „Igelüberwinterungsstellen“ ebenso wie frische Saatkrähennester festgestellt. Daher wird bis Ende Februar zuerst ein kleiner Streifen Wall und Wald gerodet. Der Rest bis zur Hälfte dann nach Ende der Winterruhe. Bis Oktober werden die Wurzelstöcke entfernt, parallel laufen die archäologischen Untersuchungen. Die Krähen sollen nach und nach freiwillig auf die übrigen Bäume umziehen, die Bodenlebewesen ebenso, gelenkt durch einen Krötenzaun.

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